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Archive for 23. Juni 2007

Über 100 Millionen Euro sollen Niedersachsens Kassenärzte als Strafe dafür zahlen, dass sie in den Jahren 2003 bis 2005 zu viele und zu teure Arzneimittel an ihre Patienten verordnet haben. In einzelnen Fällen betragen die Summen bis zu 600.000 Euro, betroffen sind 825 Praxen von rund 9200.

Ich selbst bin mit 160.000 Euro dabei.

Arzneimittelregress nennt sich das. Der Kassenarzt, der neuerdings Vertragsarzt heißt, haftet mit seinem eigenen Geld für seine Verordnungen. Überschreitet er eine bestimmte Summe, die „Richtgröße“ genannt wird, muss er den „Schaden“ aus der eigenen Tasche begleichen.

Bestimmte Medikamente – z.B. Morphinpräparate oder Blutzuckerteststreifen – wurden bisher schon vor der Einleitung des Verfahrens abgezogen. Beim jetzigen Regressverfahren wurde dies in vielen Fällen versäumt.

Der Arzt, der in einen Regress gerät, kann zu seiner Verteidigung „Praxisbesonderheiten“, z.B. ungewöhnlich viele teure Patienten, geltend machen. Er muss dazu innerhalb von vier Wochen – auf Antrag wird die Frist auf acht Wochen verlängert – alle Rezepte der betroffenen Jahre durchsehen. Bei mir sind das rund 30.000.

Bei der Durchsicht fällt auf, dass viele Verordnungen falsch gespeichert wurden – das Medikament wurde von mir gar nicht verordnet oder das Medikament gibt es gar nicht. Auch diese Fehler müssen vom Arzt aussortiert und geltend gemacht werden. Viele Ärzte schliessen dafür ihre Praxis. Ich habe es bisher nicht getan, arbeite alles am Abend und am Wochenende durch.

Es ist ein sehr bedrückendes Gefühl, wenn man nach fast 20 Jahren Tätigkeit als Allgemeinarzt von jetzt auf gleich die Existenzgrundlage verliert, weil man zu hohe Arzneimittelkosten verursacht hat.

Welcher andere Berufsstand ließe sich wohl so etwas gefallen?

Quellen: Ärztezeitung, Der Kassenarzt

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Die WHO hat sich zum Ziel gesetzt, die Masern zumindest in Europa, möglichst weltweit, bis zum Jahre 2010 auszurotten. Erreichen lässt sich dieses Ziel durch Schutzimpfung: Zwei Impfungen gegen Masern, Mumps und Röteln als Kombination im zweiten Lebensjahr werden öffentlich empfohlen.

Leider gibt es vor allem in Deutschland eine große Zahl von oft weltanschaulich motivierten Impfgegnern. Obwohl dies schon oft widerlegt wurde, führen sie Allergien, Aids, Krebs und Infektionsanfälligkeit auf Schutzimpfungen zurück. Sie haben sich der „sanften“ Medizin verschrieben, nehmen aber durch unterlassene Impfungen den Tod und die Behinderung anderer in Kauf: Eines von tausend Masernkindern erkrankt an einer Entzündung des Gehirns (Enzephalitis), davon versterben 10 bis 20 %, 20 bis 30 % behalten Schäden zurück. Besonders gefürchtet ist die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) – diese verzögerte Form der Hirnentzündung tritt sechs bis acht Jahre bei durchschnittlich einem von 10.000 Masernkranken auf und ist fast immer tödlich.

Weitgehend unbemerkt von den Medien entwickelte sich im Jahre 2006 ein Masernausbruch in Nordrhein-Westfalen, der es in sich hatte: Die Zahl der gemeldeten Masernfälle stieg bundesweit auf 2307 Fälle, 1749 davon in NRW. Im Vorjahr waren es „nur“ 778 in ganz Deutschland und 38 in NRW. Offensichtlich ist die Welle jetzt – Ende Juni 2007 – immer noch nicht vorbei: In der letzten (der 23.) Woche erkrankten 20 Kinder in Düsseldorf, 9 in Mettmann und ein Patient in Recklinghausen.

Es ist erstaunlich, wie viel mehr medialen Wirbel und staatliche Emsigkeit die Vogelgrippe hervorgerufen hat – bei weitaus geringerer Bedrohung. Der Chef der Impfkommission am Robert-Koch-Institut, Heinz-Josef Schmitt, warf den Behörden in NRW im letzten Jahr fahrlässige Körperverletzung vor und meinte, hier liege ein Fall für den Staatsanwalt vor. (Die Institutsleitung distanzierte sich von diesem Vorwurf.)

Quellen: Süddeutsche Zeitung, Robert Koch-Institut: Merkblatt zur Masernerkrankung, Robert Koch-Institut: Infektionsstatistik, Landesinstitut für den Öffentlichen Gesundheitsdienst NRW: Fallzahlen der Masernerkrankungen 2006/2007

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