Nachrichten vom anderen Ende der Medizin

Acetylsalicylsäure (ASS)

Die Acetylsalicylsäure (Abk.: ASS) ist ein schmerzlinderndes, fiebersenkendes und entzündungshemmendes Medikament, wegen der hemmenden Wirkung auf die Blutgerinnung auch zur Vorbeugung und Behandlung von Herz- und Gefäßkrankheiten eingesetzt; die erste Substanz aus der Gruppe der nicht – steroidalen Antirheumatika (NSAR).

Geschichte

Bereits Hippokrates schrieb über ein bitter schmeckendes Pulver, gewonnen aus der Rinde des Weidenbaums (lat.: salix), das Schmerzen lindern und Fieber senken könne. 1828 isolierte der italienische Chemiker Raffaele Piria das Salicin aus der Weidenrinde und gewann daraus die Salicylsäure. Diese Säure konnte nicht nur aus Weiden, sondern auch aus anderen Pflanzen gewonnen werden. Den Namen Spirsäure erhielt sie, weil sie auch in der Spirstaude – dem Mädchensüß, einer Gattung der Rosengewächse – vorkam. (Möglicherweise ist der Handelsname Aspirin® eine Kurzform von Acetyl-, Spirsäure und in als damals üblicher Endung für Medikamente.)

Salicylsäure wurde im 19. Jhdt. gegen rheumatische Beschwerden eingesetzt. Sein Gebrauch wurde jedoch begrenzt durch den bitteren Geschmack und die hohe Nebenwirkungsrate, insbesondere an Magen- Darmbeschwerden.

Nach Darstellung der Bayer AG soll der bei Friedrich Bayer & Co. beschäftigte Forschungsassistent Felix Hoffmann am 10. Aug. 1897 zufällig die Acetylierung der Salicylsäure mit Essigsäure und somit die im Vergleich zur Salicylsäure wirksamere als auch besser verträgliche ASS entdeckt haben. Motiv für seine Forschung sei sein rheumakranker Vater gewesen, der unter den Nebenwirkungen der Salicylsäure sehr gelitten habe. Arthur Eichgrün, ein Arbeitskollege Hoffmanns, der wegen seiner jüdischen Herkunft in einem Konzentrationslager interniert war, behauptete in einem 1949 erschienen Artikel, er sei der eigentliche Erfinder der reinen ASS und Felix Hoffmann nur sein Gehilfe gewesen.

Struktur der ASS

Der Leiter der pharmakologischen Abteilung der Bayerwerke, Heinrich Dreser, war es, der nach anfänglicher Ablehnung den neuen Wirkstoff durch eine Reihe von klinischen Studien und Publikationen bekannt machte. Seiner Arbeit ist es im wesentlichen zu verdanken, daß das 1899 zum Patent angemeldete Aspirin ® zum meist gebrauchten Medikament des 20. Jahrhunderts wurde

Es ist bekannt, dass der französische Chemiker Charles Frédéric Gerhardt bereits 1853 eine Substanz herstellte, die er Acetylsalicylsäureanhydrid nannte, vermutlich aber identisch mit der ASS war. Er erkannte nicht die Bedeutung von ASS als Medikament und das Interesse an der Neuentdeckung schlief ein. 1859 entwickelt der deutsche Chemiker Hermann Kolbe ein Verfahren zur Synthese von Salicylsäure, die bisher immer noch aus Weidenrindenextrakt gewonnen wurde. Die Salizylsäurefabrik Dr. F. von Heyden produzierte in Dresden nach dem Kolbe-Verfahren das Medikament in industriellem Maßstab.

ASS wurde seit 1897 am neuen Standort in Radebeul von derselben Firma, die sich jetzt Chemische Fabrik von Heyden nannte, produziert und unter dem Handelsnamen Acetylin auf den Markt gebracht.

Nach dem ersten Weltkrieg beschlagnahmten die Siegermächte das Auslandsvermögen der Bayerwerke. Dazu gehörte auch der Markenname Aspirin, den die Firma Sterling Drug vom Staat aufkaufte. 1921 entschied allerdings der Oberste Gerichtshof der USA, das Aspirin eine Gattungsbezeichnung und kein geschützter Markenname mehr sei. 1994 kaufte die Bayer AG das Selbstmedikationsgeschäft in den USA von der amerikanischen Firma Sterling-Winthrop zurück. Damit erhielt sie die Berechtigung, den geschützten Namen Bayer wieder in den USA zu verwenden und brachte Aspirin als Aspirin Bayer® auf den amerikanischen Markt.

Wirkungsweise

ASS blockiert die Enzyme Cyclooxygenase 1 und 2 (Cox-1 und Cox-2) irreversibel. Diese Enzyme sind zur Prostaglandinsyntheese erforderlich. Als Gewebshormone vermitteln sie Schmerz und Entzündung, sorgen aber auch für die Bildung einer schützenden Schleimschicht über der Magenschleimhaut. Das Thromboxan A2 wird in den Thrombozyten gebildet und fördert die Aggregation, das Zusammenklumpen, der für die Blutgerinnung unentbehrlichen Blutplättchen. ASS hemmt die Bildung von Thromboxan in den Blutplättchen, hat dadurch einen über sieben bis zehn Tage anhaltenden hemmenden Effekt auf die Blutgerinnung.

Anwendungsgebiete

ASS wird gegen Schmerzen und Fieber bei Erwachsenen eingesetzt.

Wegen ihrer blutverdünnenden Wirkung schützt sie zu einem gewissen Ausmaß vor einem Herzinfarkt, einem Schlaganfall oder einem Verschluß der Beinarterien, indem sie die Bildung von Blutgerinnseln in vorgeschädigten Blutgefässen hemmt.

Gegenanzeigen und Nebenwirkungen
Bei Kindern und Jugendlichen sollte sie vor allem bei fieberhaften Infekten nicht eingesetzt werden, es kann in diesem Alter das seltene, aber in der Hälfte der Fälle tödliche Rye-Syndrom auslösen.

Vor allem in den letzten drei Monaten der Schwangerschaft sollte ASS nicht verwendet werden. Es besteht die Gefahr eines vorzeitigen Verschlusses des Ductus arteriosus Botalli, einer Wehenhemmung sowie von Blutungskomplikationen bei Mutter und Kind.

In den ersten Schwangerschaftsmonaten kann die Gefahr von Mißbildungen nicht ganz ausgeschlossen werden.

ASS führt häufig zu Magenbeschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Sodbrennen, seltener zu ernsthaften Komplikationen wie Magenblutungen und Magengeschwüre, u. U. mit Magendurchbruch. Die Entwicklung von Magengeschwüren wird durch den gleichzeitigen Alkoholkonsum als auch durch die Einnahme von Kortison gefördert.

Durch die Hemmung der Blutgerinnung kann es zu Blutungskomplikationen wie Nasenbluten und verlängerte Nachblutung nach Operationen kommen. Es sollte aus diesem Grunde auch nicht bei Störungen der Blutgerinnung eingenommen werden, es verstärkt die Wirkung anderer Medikamente zur Hemmung der Blutgerinnung wie Heparin und Cumarin (z. B. Marcumar®).

ASS löst bei etwa 10 % aller Asthmatiker Asthmaanfälle aus. Dies kann durch eine Allergie des Asthmatikers verursacht sein. Häufiger wird die akute Verengung der Bronchien aber auch durch die Hemmung der Prostaglandinsynthese hervorgerufen, ohne dass eine Allergie besteht.

Auch andere allergische Reaktionen – leichte wie z. B. Hautauschläge aber auch schwere wie ein anaphylaktischer Schock – können hervorgerufen werden.

Es wird aus diesem Grunde zu besonderer Vorsicht in der Anwendung bei bekanntem Asthma und Allergie, z. B. bei Patienten mit Heuschnupfen, aber auch solchen mit chronischen Schwellungen der Nasenschleimhaut (Nasenpolypen) geraten.

ASS hemmt die Ausscheidung von Harnsäure, sie kann daher bei Patienten mit erhöhter Harnsäurekonzentration im Blut einen Gichtanfall auslösen.

Wie auch bei anderen Nicht-Opiat-Schmerzmitteln (z. B. Paracetamol, Novaminsulfon) ist bei längerem Gebrauch die Entwicklung einer Nierenschädigung (sog. Analgetikanephropathie) bis hin zur Dialysepflichtigkeit nicht ganz ausgeschlossen. Dies gilt besonders beim Gebrauch von Kombinationspräparaten.

Ebenso kann eine langdauernde Einnahme dieser Schmerzmittel und v.a. Schmerzmittelkombinationen zu Kopfschmerzen (sog. Analgetikakopfschmerz) führen, die zur weiteren Einnahme verleiten, somit also einen sog. „Teufelskreis“ von Schmerzmittelgebrauch – Kopfschmerzen – weiterem Schmerzmittelgebrauch in Gang setzen.

Vergiftung und Überdosierung

Bei Überdosierung von ASS können ein Ohrgeräusch (Tinnitus), ein vermindertes Hörvermögen und Kopfschmerzen auftreten.

Die Vergiftung mit ASS äußert sich in Fieber, Übelkeit und Erbrechen, zunächst gesteigerter Atmung, dann Atemlähmung. Es kann zu einem Herzkreislaufschock, zu einer Unterzuckerung (Hypoglykämie und zu schweren Entgleisungen des Säure-Basen-Haushaltes kommen. Der Patient muss in einer Intensivstation behandelt werden; es wird versucht, das Gift über einen Magenschlauch zu entfernen. Durch eine medikamentöse Verschiebung des ph-Werts des Urins in den alkalischen Bereich (Harnalkalisierung) wird die Ausscheidung der ASS gefördert. Manchmal ist eine Dialyse erforderlich. Atemstörungen und andere Komplikationen werden symptomatisch (z. B. künstliche Beatmung) behandelt.

Trotz der weiten Verbreitung kommt ASS nur in ca. 2,8 % aller in suizidaler Absicht durchgeführten Vergiftungen in Deutschland vor.

Anwendung und Dosierung

ASS wird zumeist in Tablettenform eingenommen. Es stehen Tabletten in verschiedenen Dosierungen von 50 bis 500 mg zur Verfügung. Seltener ist die Anwendung als Pulver, Zäpfchen oder intravenöse Injektion (z. B. bei einem Migräneanfall mit Erbrechen).

Zur Behandlung von Schmerzen und Fieber wird eine Einzeldosis von 500 bis 1000mg bis zu 3 x tgl., also höchstens 3 g/Tag, empfohlen. Zur Hemmung der Blutgerinnung reichen niedrigere Dosierungen zwischen 50 und 300 mg einmal täglich.

ASS wurde füher häufig, heute nur noch selten, zur Behandlung rheumatischer Erkrankungen eingesetzt. Dafür sind hohe Tagesdosierungen zwischen vier und acht Gramm erforderlich.

Die Tabletten sollten zur Vermeidung von Magennebenwirkungen grundsätzlich mit reichlich Wasser und nach dem Essen eingenommen werden.

Aufnahme, Verteilung und Auscheidung

Nach oraler Aufnahme wird ASS zu 90 % aus dem Magendarmtrakt aufgenommen, die höchsten Blutspiegel sind schon nach 10 bis 20 Minuten erreicht.

ASS wird zu einem großen Teil im Körper zu Salicylsäure umgewandelt. Die Salicylsäure erreicht über die Plazenta das ungeborene Kind und tritt in die Muttermilch über.

Beide Substanzen sind im Blut zu 70 bis 90 % an Eiweiß gebunden, verteilen sich schnell im ganzen Körper.

Der Wirkstoff wird zu 80 % über die Leber und zu 20 % über die Niere ausgeschieden. Die Halbwertszeit ist dosisabhängig, sie beträgt für ASS nur 10 bis 20 Minuten, für Salicylsäure allerdings drei bis fünf Stunden, bei Vergiftungen wegen der begrenzten Kapazität der Leber bis zu 30 Stunden.

Dr. Peter Bützer: Acetylsalicylsäure (ASS), pdf