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Archive for 3. Juli 2007

freud.jpgSigmund Freud (* 6. Mai 1856 in Freiberg in Mähren, damals Erbkaisertum Österreich, heute Příbor, Tschechien; † 23. Sept. 1939 in London, England) war ein österreichischer Arzt (Neurologe) und der Begründer der Psychoanalyse, einer psychotherapeutischen Therapieform und Untersuchungsmethode, aber auch einer Weltanschauung. Viele Gedanken Freuds sind in das allgemeine europäische Sprach- und Ideengut eingegangen, so z. B. das Konzept des Unbewussten, der Verdrängung oder des Freudschen Versprechers.

Frühe Kindheit

Freud wurde als Sohn jüdischer Eltern, dem damals 40jährigen Jakob Koloman Freud und seiner 20jährigen Frau Amalia Freud, geb. Nathanson geboren. Es war die dritte Ehe seines Vaters, dieser war bereits Großvater, als der kleine Sigismund Schlomo – so der korrekte Geburtsname – geboren wurde. Sigismund hatte zwei ältere Halbbrüder aus der ersten Ehe des Vaters, es folgten 7 jüngere leibliche Geschwister. F. war und blieb das Lieblingskind seiner Mutter, er schreibt selbst, wie er sich in sie verliebte, nachdem er sie einmal im Zug für kurze Zeit nackt gesehen hatte. Eine emotional starke Bindung bestand auch zu einem ein Jahr älteren Neffen, ein Verhältnis, das bestimmt war von Zuneigung und Rivalität. Sein jüngerer Bruder Julius wurde 1857 geboren und starb bereits wenige Monate nach der Geburt. Der Tod des kleinen Bruders erzeugte tiefe Schuldgefühle, wie F. später berichtete, hatte er ihm doch eben diesen frühen Tod wegen der eigenen Eifersucht gewünscht.

Schule und Medizinstudium

Das Wollgeschäft des Vaters lief schlecht, die Familie war arm; 1859 zog sie aus finanziellen Gründen erst nach Leipzig, 1860 dann nach Wien um, die beiden älteren Halbbrüder Emanuel und Phillip Freud emigrieren nach Manchester. Zur Schulzeit in Wien auf dem Gymnasium war F. stets Klassenbester, er hatte aufgrund des grassierenden Antisemitismus nur wenige nicht-jüdische Freunde. F. war schockiert, dass sich sein Vater nicht gegen antisemitische Übergriffe wehrte. Seine Mutter unterrichtete ihn im Lesen und Schreiben und führte in in die jüdische Religion ein, bis er 1865 in das Leopoldstädter Gymnasium in Wien aufgenommen wurde. Nach dem Abitur studierte F. von 1873 bis 1881 Medizin an der Universität in Wien, seine Promotionsarbeit beschäftigt sich mit dem Rückenmark niederer Fischarten. 1875 besuchte F. seine Halbbrüder in England, der besuch hinterließ einen tiefen Eindruck bei dem jungen Mann. 1876 erhielt er ein Forschungsstipendium für die zoologische Forschungsstation in Triest, er veröffentlichte eine Untersuchung über die Sexualorgane des Aals. Ganz glücklich wurde er mit dieser Art der Forschung in der vergleichenden Anatomie jedoch nicht. Völlig zufrieden war er aber mit seinen Studien im Institut des bekannten Physiologen Ernst Brücke, er entwickelte dort 1879 eine neue Methode zur Nervenpräparation.

Assistenzarzt und Versuche mit Kokain

Kurz nach seiner Promotion, im April 1882, verliebte sich F. auf den ersten Blick in die 21jährige Martha Bernays, Tochter einer prominenten, aber verarmten jüdischen Familie aus Hamburg. Die Verlobung wurde geheim gehalten, als die Mutter 1883 dennoch davon erfuhr, zog sie mit ihrer Tochter zu Verwandten nach Wandsbeck bei Hamburg, „weil eine lange Verlobung am selben Ort nichts taugt“. An Heirat war andererseits nicht zu denken, solange der junge Assistenzarzt eine Familie nicht ernähren konnte. Er arbeitete von 1882 bis 1885 am Wiener Allgemeinen Krankenhaus, u. a. bei dem Psychiater Theodor Meynert und dem Internisten Hermann Nothnagel. In dieser Zeit lernte er auch den praktischen Arzt Josef Breuer kennen, der ihn mit seinem Verfahren der talking cure bzw. des chimney sweeping bekannt macht. So nannte eine Patientin Breuers die Art und Weise, wie Breuer hysterische Symptome durch Gespräche behandelte. Ebenfalls in dieser Zeit finden Freuds Versuche mit Kokain statt. Er entdeckt, dass Kokain lokalanästhetische Wirkung am Auge entfaltet. Der befreundete Arzt Carl Koller nutzt diese Wirkung zum ersten Mal bei Augenoperationen praktisch aus und erntet den wissenschaftlichen Ruhm. Freuds Versuch dagegen, seinen Kollegen Ernst von Fleischl-Marxow mittels Kokain von seiner Morphiumsucht zu heilen, schlägt dagegen fehl. F. konsumiert auch selbst Kokain; schätzt die enthemmende Wirkung, die es ihm ermöglicht, bei Abendgesellschaften das Maul aufzukriegen.

Heirat, eigene Praxis, Hypnose

1885 wird F. zum Privatdozenten ernannt, er beginnt Neuroanatomie an der Universität Wien zu unterrichten. Im selben Jahr reist er auch nach Paris, um an der Salpêtriére Vorlesungen bei Jean-Martin Charcot über die Behandlung der Hysterie zu hören und die Therapie mit Hypnose und Suggestion kennen zu lernen. Aus Paris zurück, ließ Freud sich im April 1886 in eigener Praxis als Nervenarzt nieder, nebenbei leitete er die neurologische Abteilung des Kinderkrankeninstituts von Max Kassowitz. F. hält einen wissenschaftlichen Vortrag über männliche Hysterie, der von der Wiener Fachwelt sehr ablehnend aufgenommen wird. Am 13. September 1886 heiratete er nach vierjähriger Verlobungszeit Martha Bernays. Obwohl F. sich schon längst zum Atheismus bekannte, stimmte er einer Hochzeit nach traditionellem jüdischem Ritus zu. Das Paar wird sechs Kinder haben, die älteste Tochter Martha wurde ein Jahr nach der Hochzeit 1887 geboren, die jüngste, Anna, kam 1895, neun Jahre nach der Hochzeit zur Welt. Jean Martin, geboren 1889, wurde nach Charcot benannt, Oliver und Ernst August kamen 1891 und 1892 zur Welt; Sophie, die zweitjüngste, starb schon mit 27 Jahren 1920 an der Grippe. 1887 übersetzte F. das Buch mit dem Titel: Die Suggestion und ihre Heilwirkung verfaßt von dem französischen Neurologen Hippolyte Bernheim; seine Experimente mit der posthypnostischen Suggestion legten F. die Existenz des Unbewußten nahe. Im selben Jahr besucht der Berliner Hals-Nasen-Ohrenarzt Wilhelm Fließ Freuds Vorlesungen in Wien. Die beiden Ärzte freunden sich an, ihr jahrelanger, oftmals sehr intimer Briefwechsel gibt viel Aufschluss über Freuds Persönlichkeit und die schrittweise Entwicklung der Psychoanalyse. In den Folgejahren arbeitete F. oft mit dem Therapieverfahren der Hypnose bei hysterischen Patienten, erkennt aber auch schnell die Grenzen der Behandlung, die sich durch häufige Rückfälle nach anfänglicher dramatischer Besserung äußern.

Anfänge der Psychoanalyse

1891 zog F. mit seiner Familie und der Praxis in die Berggasse 19 in Wien um, er wohnte dort bis zu seiner Emigration 1938. Im selben Jahr erschien eine Monografie über cerebrale Lähmungen und Aphasien bei Kindern mit dem Titel: Zur Auffassung von Aphasien. Er begann die Behandlung der Elisabeth von R., der ersten vollständigen Analyse der Hysterie.1893 veröffentlichte F. zusammen mit Josef Breuer Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene. Vorläufige Mitteilungen, 1895 die Studien über Hysterie. Ein wesentlicher Bestandteil der Veröffentlichungen ist die Krankengeschichte der Anna O.. 1953 klärte sich die Identität der Anna O. auf: Die eigentliche Begründerin der Psychoanalyse, wie F. sie nannte, war Berta Pappenheim, Frauenrechtlerin und Gründerin des Jüdischen Frauenbundes in Deutschland. Als Ursache der Hysterie vermuteten beide Ärzte zunächst den sexuellen Mißbrauch im Kindesalter. F. vertrat jedoch in der Folgezeit zunehmend die Meinung, der Mißbrauch habe in der Regel nicht real stattgefunden, er werde nur fantasiert; Breuer konnte ihm nicht folgen – F. brach die Freundschaft ab. 1895 stellte F. erstmals die Hypothese auf, ein Traum diene der Wunscherfüllung des Träumenden. Diese Hypothese entstand aus der Deutung eines eigenen Traums, der Traum wird als Irmas Injektion weltberühmt. Den Begriff Psychoanalyse verwendet Freud 1896 zum erstenmal in einem französischen Aufsatz über Neurosen. Im selben Jahr verstirbt sein Vater im Alter von 80 Jahren, F. ist innerlich tief bewegt. F. beginnt 1897 die von ihm später so genannte Selbstanalyse. Vor allem durch die weitere Interpretation seiner Träume erhofft er sich Aufschluß über sein Unbewußtes. Zum psychischen Mechanismus der Vergeßlichkeit erscheint 1898. F. analysiert, warum ihm der Name eines Malers entfallen ist. Es war kein Zufall, sondern entsprach dem Mechanismus der Verdrängung. Das Bewußtsein sieht Freud als Sinnesorgan an, psychische Vorgänge dagegen verlaufen im wesentlichen unbewußt. 1899 erscheint Die Traumdeutung, der Verleger datierte das Erscheinungsjahr auf 1900.

Traumdeutung

Der Traum hat nach der Meinung Freuds einen Sinn und zwar erfüllt er einen Wunsch. Er schützt den Schläfer vor dem Erwachen indem das Bewusstsein dem Unterbewusstsein die mehr oder weniger harmlose Erfüllung seiner Wünsche vorgaukelt. Träume entstehen aus einem Konflikt zwischen Unbewusstem und Bewusstsein, das Resultat dieses Konflikts ist ein Kompromiss. Wünsche zur sexuellen Trieberfüllung drängen aus dem Unbewussten ins Bewusstsein, dieses will aber die überaus peinlichen Gefühle nicht zulassen, es findet eine Zensur statt. Erst wenn die ursprünglichen Wünsche bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind, können sie die Zensur passieren. Diese geistige Tätigkeit des Verzerrens und Entstellens nennt Freund die Traumarbeit. Beispiele für die Traumarbeit sind die Verschiebung, die Verdichtung, die Rücksicht auf Darstellbarkeit und die sekundäre Bearbeitung. Bei der Verschiebung werden Affekte von ihrem Gegenstand getrennt, so machen z. B. harmlose Dinge Angst und grausame Erlebnisse rufen keine emotionale Reaktion hervor. Beispiele für Verdichtungen sind Mischpersonen aus mehreren bekannten Gesichtern oder Gegenstände mit widersprüchlichen Eigenschaften. Der Traum nimmt Rücksicht auf die (visuelle) Darstellbarkeit, logische Verknüpfungen der Sprache gehen verloren, gedankliche Elemente, die gut bildlich darzustellen sind, werden bevorzugt. Die sekundäre Bearbeitung versucht nun, die scheinbar sinnlose Bilderflut in einen verständlichen Zusammenhang zu bringen, wobei der ursprüngliche Sinn verloren gehen kann.

Psychopathologie des Alltagslebens

Die Traumdeutung fand nicht die erhoffte Anerkennung in der Fachwelt. F. ließ sich nicht entmutigen, er veröffentlichte 1901 die Psychopathologie des Alltagslebens. Versprechen, Vergessen, Verlegen – alle diese mehr oder weniger unbewußten Handlungen seien nicht als Zufall anzusehen sondern deckten unbewußte Wünsche auf. Dieses Werk war sicher nicht Freuds wichtigstes, wohl aber eines seiner populärsten. Über den Traum entstand im gleichen Jahr und war eine populäre Zusammenfassung der Traumdeutung.

Psychologische Mittwochsgesellschaft

Die Psychologische Mittwochsgesellschaft wurde von F. 1902 gegründet, mehrere Ärzte diskutierten jeden Mittwoch in Freuds Wartezimmer Probleme der Psychotherapie. Von der ersten Stunde war Alfred Adler mit dabei. Diese Gesellschaft wurde Keimzelle der internationalen Verbreitung der Psychoanalyse. Im selben Jahr wurde F., der dies seit langem ersehnt hatte, zum ordentlichen Professor ernannt. Freud beendete 1903 die 10jährige Freundschaft mit Wilhelm Fließ, er reiste mit seiner wenig prüden Schwägerin Minna Bernays über München nach Bozen und begann mit seiner Arbeit Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. Nach der ersten Romreise 1901 folgte die Reise nach Athen 1904. Der Atheist besuchte u. a. den Moses von Michelangelo und die Tempel der Akropolis.

Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Das 1905 erschienene Buch Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie ist neben der Traumdeutung grundlegend zum Verständnis der Lehre Freuds, dies wurde auch von ihm selbst so gesehen. Bei seiner Veröffentlichung löste es allerdings einen wissenschaftlichen Skandal aus. F. zerstörte die vermutete Reinheit und Keuschheit des Kindesalters und schreibt schon dem Säugling und Kleinkind eine eigene Sexualität zu; darüber hinaus sei jeder Säugling zu Beginn seines Lebens polymorph pervers, d. h. seine Sexualität sei noch wesentlich ungerichtet. Anfangs auf Befriedigung durch das Saugen an der Mutterbrust gerichtet, verschiebt sich während des zweiten Lebensjahrs die bestimmende erogene Zone vom Mund auf den Anus, die orale Phase geht in die anale Phase der Sexualentwicklung über. Nach Abschluss der Sauberkeitserziehung, ab dem vierten Lebensjahr, beginnt die phallische Phase, die bis zum sechsten Lebensjahr andauert. Sie ist beim Jungen gekennzeichnet durch den Wunsch, mit der Mutter zu schlafen und den Hass auf den Vater, der dies verhindert. Die Kastrationsangst entsteht in der Vorstellung des Jungen als Reaktion auf die Unmöglichkeit, seinen Wunsch zu verwirklichen. Freud bezeichnet diese psychische Konstellation als Ödipuskomplex, nach der griechischen Sage von König Ödipus, der versehentlich seinen Vater tötet und seine Mutter heiratet. An die Stelle der Kastrationsangst tritt bei dem offensichtlich schon kastrierten Mädchen der Penisneid.

Die Lösung des Ödipuskomplexes liegt darin, dass die Verbote des Vaters zu eigenen Vorstellungen werden und dabei das Gewissen oder Über-Ich, wie Freud es später nannte, bilden. Bei beiden Geschlechtern folgt eine Phase der scheinbaren sexuellen Ruhe, Latenzphase genannt, die bis zur Pubertät andauert. Die erfolgreiche Unterdrückung des Wunsches, Geschlechtsverkehr mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil zu haben und die Internalisierung dieses Verbots in die eigene Psyche sind die Voraussetzung für eine konfliktfreie genitale Phase, die nun ihren Anfang nimmt und von der Liebe zu einem frei gewählten Partner des anderen Geschlechts bestimmt wird. Ergeben sich Störungen dieser Sexualentwicklung, dann ist das Resultat eine Perversion oder eine Neurose. Die Perversion zeigt den sexuellen Impuls ganz offen, bei der Neurose führt die Zensur des ursprünglichen Wunsches durch eine psychische Instanz zu Krankheitssymptomen. F. stellte eine recht komplizierte Einteilung der Neurosen auf. Bei den Psychoneurosen wie der Hysterie, Paranoia oder narzistischen Störungen liege die Ursache in der Kindheit, Aktualneurosen wie die Hypochondrie, die Angstneurose oder die Neurasthenie sollten dagegen ihre Wurzeln in Konflikten der Gegenwart haben.

Übertragung und Gegenübertragung

F. arbeitete in diesen Jahren unmittelbar nach der Jahrhundertwende weiter an seinen therapeutischen Techniken. Bereits bei der Patientin seines Freundes Breuer, der berühmten Anna O., hatte er erkannt, dass Patientinnen dazu neigen, sich in ihren Therapeuten zu verlieben. Bei Breuer hatte dies dazu geführt, dass er die Behandlung abbrach. F. sah in dieser Beziehung zwischen Arzt und Patientin eher ein allgemeines Phänomen, das unausweichlich im Rahmen jeder Psychotherapie auftreten musste. Er nannte es Übertragung bzw. Gegenübertragung, wenn der Therapeut sich in seine Patientin verliebte. Anstatt Übertragung und Gegenübertragung als Störung des Arzt-Patienten-Verhältnisses zu fürchten, sollten diese Mechanismen als therapeutische Hilfsmittel genutzt werden. Der Patient agiert dieselben Wünsche aus, die schon in seiner Kindheit aktiv waren, nur anstatt des andersgeschlechtlichen Elternteil ist das Ziel, das Objekt, ein anderes, nämlich der Therapeut. Der Therapeut hat nun die Aufgabe, die emotionale Bindung therapeutisch zu nutzen, ungelöste Beziehungsprobleme der frühen Kindheit in neuem Licht durchzuarbeiten und dadurch eine Heilung zu erreichen.

Der Fall Dora

Es ist immerhin das Subtilste, was ich bis jetzt geschrieben, und wird noch abschreckender als gewöhnlich wirken, schrieb F. an Wilhelm Fließ über die Fallgeschichte der 18jährigen Dora.

Der 1905 nach vierjähriger Wartezeit von F. unter dem Titel Bruchstück einer Hysterie-Analyse (Dora) publizierte Fall zeigt einen Abgrund sexueller Verwicklungen unter der Fassade der kleinbürgerlichen Anständigkeit. Dora leidet unter einer Vielzahl körperlicher (hysterischer) Beschwerden, die offensichtlich auf eine seelische Ursache zurück zu führen sind. Ihr Vater hat ein Verhältnis mit der Ehefrau einer befreundeten Familie, der betrogene Ehemann verliebt sich in die Tochter des Liebhabers seiner Ehefrau und erklärt sich ihr. Die Tochter erkrankt. F. war ziemlich direkt in der Deutung, erklärte der verblüfften Patientin, dass sie in Wirklichkeit verliebt sei in den Antragsteller, diesen Wunsch aber in ihrem Bewußtsein nicht zulassen könne. Die junge Patientin brach die Therapie ab.

Die Abtrünnigen: Carl Gustav Jung und Alfred Adler

1906 nahm Carl Gustav Jung Kontakt mit Freud auf. Er arbeitete als Assistent des berühmten Psychiaters Eugen Bleuler an der ebenso renomierten Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (auch Burghölzli genannt). F. war begeistert. Er sah in Jung die Chance, die Psychoanalyse vom Ruch der jüdischen Wissenschaft zu befreien. Jung wurde von Freud adoptiert wie ein Sohn, er wurde auch den Wienern Schülern Freuds, die größtenteils Juden waren, vorgezogen, förmlich zum Kronprinz gemacht. F. machte aus dieser Vorzugsbehandlung keinen Hehl: Juden müssten sich in Europa als Befruchter der Kultur zufrieden geben, die Ernte gehöre den Ariern. Schon bald zeigten sich Differenzen zwischen Freud und Jung, insbesondere zum Thema Sexualität. F. bestand darauf, dass in jeder Neurose ein sexueller Ursprung steckt, Jung lehnte diese Ausschließlichkeit ab. Die Auseinandersetzungen zwischen dem Meister und seinem Nachfolger wurden recht persönlich geführt, jeder warf dem anderen ein Stück Neurose vor. 1913 legte Jung die Mitarbeit am Jahrbuch der Psychoanalyse nieder, 1914 den Vorsitz der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung.

Bereits 1911 hatte einer der allerersten Mitstreiter, der Wiener Arzt und Sozialist Alfred Adler die psychoanalytische Bewegung Freuds verlassen. Adler sah die Überkompensation der Organminderwerdigkeit als Triebfeder der Neurose, er prägte den Begriff des Minderwertigkeitskomplexes. Da wo Jung u. a. eine gesunde Religiösität zur Heilung der Neurose empfahl, schlug Adler die Förderung des Gemeinschaftsgefühls vor. Beide Konzepte waren für F. völlig unannehmbar – er wachte eifersüchtig und autoritär über die Einhaltung der grundlegenden Dogmen.

F. stimmte begeistert einem Voschlag seines Mitstreiters Ernst Jones zu: Ein geheimes Komittee wird gebildet, das die Sache der Psychoanalyse gegen alle Zwischenfälle und Angriffe verteidigen sollte. Dies vor allem dann, wenn ich nicht mehr bin, setzte F. hinzu.

Psychoanalyse und Kunst

1907 erschien Der Wahn und die Träume in W. Jensens Gradivia. F. analysierte den Helden einer 1903 erschienen Novelle des deutschen Dichters W. Jensen, einen jungen Archäologen. Er weitete das Anwendungsgebiet der Psychoanalyse damit vom Patienten auf die Literatur, später auch auf andere Kunstformen wie die Bildhauerei und Malerei aus. Der Essay Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci erschien 1910, er ist eine Analyse des Gemäldes der Hl. Anna aus dem Louvre in Paris. Der Moses des Michelangelo ist eine 1914 erschienene Abhandlung über eine Skulptur in der römischen Kirche San Pietro in Vincoli. F. sieht Moses hier in einer starken inneren Anstrengung, um einen Affekt mit aller Macht zu unterdrücken: Das Volk tanzt um das goldene Kalb. Moses, der Bewahrer der monotheistischen Religion, ist ergrimmt und will die Gesetzestafeln, die er soeben von Gott erhalten hat, zerschmettern – tut es aber nach Freuds Meinung und entgegen dem Bibeltext nicht. Offensichtlich irrte F., der kunsthistorischer Laie war, in diesem Punkt. Nach moderner kunstgeschichtlicher Auffassung weist die Darstellung Moses mit Hörnern (entpricht einem Strahlenkranz) eindeutig darauf hin, dass Michelangelo den zweiten Abstieg vom Berg Sinai meint: Er hatte soeben erfahren, dass sein Volk das gelobte Land erreichen wird, er aber zuvor sterben wird. Spätere Psychoanalytiker sahen in der Interpretation Freuds aber ein starkes Indiz für seine eigene Gefühlslage (eine Projektion seiner Gefühle): War er es nicht selbst, der das Gesetz der Psychoanalyse gegen die Abtrünnigen Adler und Jung verteidigt hatte, dabei seine eigenen Affekte unter Kontrolle halten musste, um die reine Lehre überleben zu lassen? Freuds Kunstbetrachtungen legten den Hauptschwerpunkt auf den Inhalt, die Geschichte oder die Aussage eines Kunstwerks; die äußere ästhetische Form interessierte weniger. Sie wurde von ihm als Vorlust angesehen, der Inhalt liefere aber erst die endgültige Befriedigung für den Leser oder Betrachter durch Erfüllung unerfüllter Wünsche, durch die Auflösung der Triebspannung.

Internationaler Durchbruch

Seit der Mitte des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts wurde ein internationales Publikum auf die Psychoanalyse aufmerksam. 1908 verwandelt sich die Mittwochsgesellschaft aus Freuds Wartezimmer in die Wiener Psychoanalytische Gesellschaft, der Raumbedarf wird von Jahr zu Jahr größer. Im selben Jahr stieß der Budapester Arzt Sàndor Ferenczi zur Wiener Gruppe, er sollte ein lebenslanger Freund und Unterstützer Freuds werden. Jung, Ferenczi und Freud fuhren 1909 zu einer Vortragsreise nach Amerika auf Einladung des Rektors der Clark University in Worcester. 1910 kam es zur Gründung der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung auf einem Kongreß in Nürnberg.

Der Rattenmann und der kleine Hans

1909 erschienen die Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, in dem F. die Analyse des von ihm so genannten Rattenmanns schilderte. Die Analyse der Phobie des kleinen Hans – im gleichen Jahr erschienen – beschreibt die Fallgeschichte des 5jährigen Sohns von Max Graf, einem Musikwissenschaftler und begeistertem Anhänger der Psychoanalyse sowie regelmäßigem Teilnehmer der Wartezimmerrunde in Freuds Praxis. Der kleine Hans hatte eine Pferdephobie entwickelt; im Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts bedeutete dies, das Haus nicht mehr verlassen zu können. Max Graf führte die Analyse seines Sohns selber durch, angeleitet durch seinen Lehrer Freud. Als Ursache der Phobie wird ein ödipaler Konflikt gesehen: Das dunkle Maul symbolisiert den schwarzen Bart des Vaters. Kastrationsängste kommen hinzu, hatte doch die Mutter ihm gedroht: „Wenn du weiter an deinem Wiwimacher spielst, holen wir den Onkel Doktor und der schneidet ihn ab“. Auch die Agressionnen gegen die neugeborene Schwester spielen eine Rolle. Nach dem der kleine Hans die Quellen der Phobie kennengelernt hatte, besserte sich das Bild. Den Ödipuskonflikt löste er, in dem er Papa mit Oma verheiratete und so die Mama für ihn frei wurde, Hans konnte wieder die Straße betreten.

Der Rattenmann war ein 29 Jahre alter Wiener Jurist. Er befürchtete, das seinem Vater und seiner Angebeteten etwas Schlimmes passieren könnte, seit der Kindheit leidet er unter Zwangsvorstellungen. Ein böses Erlebnis hatte ihn zu F. geführt: Ein Offizier erzählte von einer drastischen Strafe, bei der im Orient dem Deliquent ein Topf mit Ratten vor das Gesäß gebunden werde, wonach sich die Ratten in den After bohren würden. Es kam noch viel ans Tageslicht in dieser Analyse: Von einer verführerischen Kinderfrau ist die Rede, von Inszest, Ohrfeigen und Analerotik. F. sah den verdrängten Todeswunsch gegen den Vater als Hauptursache des Übels, der Rattenmann war schon nach wenigen Monaten von seiner Zwnagsneurose geheilt. Entgegen seinem Prinzip, nie mit einem Patienten privat zu verkehren, hatte er diesen doch besonders lieb gewonnnen und lud ihn zu sich nach Hause zum Essen ein.

Daniel Paul Schreber

Daniel Paul Schreber war der Sohn des deutschen Arztes Daniel Gottlob Moritz Schreber. Nach ihm wurden die Schrebergärten benannt. Daniel Paul Schreber war ein hochgestellter Jurist, Landgerichtspräsident in Dresden, bis bei ihm im Alter von 42 Jahren eine paranoide Psychose ausbrach. Er war u. a. überzeugt davon, dass Gott ihm Strahlen schickte, die ihn auf wunderbare Weise in eine Frau verwandeln würden. Er wurde aber auch gequält von kleinen gottgesandten Männern, von allerlei technischen Apparaturen etc.. (Sein Vater hatte eine Reihe von Apparaten konstruiert, die z.B. die Kinder zur geraden Haltung beim Essen zwangen und die Masturbation mechanisch verhinderten.) In der Nervenheilanstalt verfasste der Jurist eine umfangreiche Selbstdarstellung, die unter dem Titel Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken veröffentlicht wurde. F. machte dieses Buch zur Grundlage einer Analyse – persönlich war ihm der Patient nicht bekannt. Nach seiner Ansicht wollte Schreber in eine Frau verwandelt werden, um das einzige Sexualobjekt Gottes zu werden. Und Gott repräsentierte den Vater des Nervenkranken. 1911 erschien Freuds Analyse unter dem Titel: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia.

Der Wolfsmann

Jüdischer Schwindler, er möchte mich von hinten gebrauchen und mir auf den Kopf scheißen, das sagte der reiche junge russische Aristokrat Sergej Pankejeff in einer seiner ersten Therapiestunden bei Freud. Pankejeff oder der Wolfsmann wie F. ihn später wegen seines wegweisenden Traums nannte, hatte schon eine Odyssee an Therapieversuchen hinter sich. Nach Behandlungen in seiner Heimat hatte er die berühmten deutschen Psychiater Theodor Ziehen in Berlin und Emil Kraepelin in München besucht. Der Fall reizte F. sehr, waren doch seine Vorgänger ausgewiesene Kritiker der Psychoanalyse und hatten diesen Fall als hoffnungslos aufgegeben. Der Wolfsmann war seit seiner Kindheit schwer gestört, vermutlich war er – nach der heutigen Klassifikation – an einem Borderline – Syndrom erkrankt. Er hatte Ängste, war entschlußunfähig, depressiv und gestört in seinem Bindungsverhalten. Seine Sexualobjekte wollte er in erster Linie demütigen, er bevorzugte den Geschlechtsverkehr von hinten am liebsten mit Dienstboten, die einen prallen Hintern aufwiesen. Seine ältere Schwester, die später Selbstmord verübte, spielte früh an seinem Penis. Sein Großvater spannte seinem Sohn, dem Vater des Wolfsmanns, die Braut aus. Das Kindermädchen drohte mit schlimmen Folgen für den Penis, wenn er seine demonstrative Onanie nicht aufgeben sollte. Entscheidend für die Deutung des Problems war ein seit den Kindertagen immer wieder auftretender Traum: Fünf Wölfe mit Schwänzen wie Füchse und Ohren wie Hunde sitzen nachts regungslos vor dem Fenster. Ein Windhauch öffnet das Fenster und der Wolfsmann wacht schweißgebadet auf. Aufgrund der freien Assoziation des Patienten, der zu allen Traumobjekten seine Gedanken möglichst unzensiert äußern soll, kommt F. zu dem Schluß, dass die ruhige Szene in Wirklichkeit eine sehr bewegte darstellt: Der Wolfsmann hat im Alter von ca. 1 1/2 Jahren seine Eltern beim Geschlechtsverkehr a tergo beobachtet, wobei der Vater also hinter der Mutter lag und der kleine Junge die Geschlechtsorgane der Eltern beobachten konnte. Diese Deutung habe schließlich eine deutliche Besserung der psychischen Beschwerden seines Patienten erbracht, berichtet F.. Der Wolfsmann unterzog sich sicherlich einer der längsten Therapien bei F.., es wurden insgesamt 4 1/2 Jahre, an sechs Tagen in der Woche, jeweils 1 Stunde am Tag. Die Stunde kostete damals 40 Kronen, eine beträchtliche Summe, wenn man sie mit den 10 Kronen vergleicht, die er für einen Tag im Sanatorium bezahlen mußte. F. war ein Jahr vor Abschluß der Behandlung recht verzweifelt und wandte nach eigenem Bekenntnis ein leicht erpresserisches Manöver an: Er teilte seinem Klienten mit, dass die Therapie maximal noch ein Jahr dauern würde, egal welches Ergebnis sie zeitigen würde. Der Trick half, der Wolfsmann öffnete sich und arbeitete nunmehr effektiv mit. F. bezeichnete seinen Patienten als geheilt, nachgehende Berichte und autobiografische Äußerungen zeigen aber, dass er zeitlebens – bis 60 Jahre nach dem Ende dieser Therapie – immer wieder psychische Probleme hatte und viele Jahre und Jahrzehnte weitere (psychoanalytische) Therapie in Anspruch nahm. F. veröffentlichte den Therapiebericht im Herbst 1914 unter dem Titel: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose.

Totem und Tabu

1913 veröffentliche F. eine Sammlung von vier Essays unter dem Titel: Totem und Tabu. – Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker –. Es ist Freuds stilistisch ausgefeiltestes, aber auch sein spekulativstes Werk. F. übernimmt die Vorstellung Charles Darwins, daß der Mensch ursprünglich in einer Urhorde zusammenlebte, der Urvater besaß alle Frauen dieser Gruppe, die herwanwachsenden Brüder wurden von ihm vertrieben. Irgendwann, so Freud, entschlossen sich die Söhne zum Vatermord, der – vieleicht aufgrund technischer Überlegenheit – auch vollendet werden konnte. Kaum war die Tat vollbracht, stieg schon die Scham in ihnen auf. Sie beschlossen, dass die nun frei gewordenen Frauen keinem von ihnen gehören durften, diese mussten sie nun außerhalb des Clans suchen – das Inzesttabu mit der daraus folgenden Exogamie war geboren. In Erinnerung und in Reue an den Vatermord wurden in regelmäßigen Abständen rituelle Mahlzeiten abgehalten, bei denen das Totemtier – das Symbol des Vaters – verspeist werden durfte. Auch das Abendmahl gehe auf diese Tradition zurück. So ist der Beginn aller Religion zurückzuführen auf den Ödipuskomplex. Der Vater wird zum Gott gemacht, sagt Freud und grenzt sich damit deutlich von Jung ab, der Gott zum Vater werden läßt. Die Entwicklung des Ödipuskomplex bei jedem einzelnen Mitglied der Gesellschaft spiegelt die ererbte Erinnerung an den Mord des Urvaters wieder. F. hing – wie Darwin – der Meinung von Jean-Baptiste de Lamarck an, dass Erinnerungen und erworbene Eigenschaften vererbt werden können.

Zur Einführung in den Narzißmus

Die im Juni 1914 erschienene Abhandlung Freuds mit dem Titel Zur Einführung in den Narzißmus stürzte nicht wenige Anhänger seiner Theorie in einige Verwirrung. Der Narzißmus wurde lange Zeit als Perversion angesehen, bei der nur die erotische Beschäftigung mit dem eigenen Körper Befriedigung verschaffen konnte. F. sah den Narzißmus aber auch als notwendige Phase der Sexualentwicklung des Kleinkindes an. Zunächst sei in der autoerotischen Phase der Sexualtrieb diffus auf den eigenen Körper gerichtet, später wählt das Kind gezielt das eigene Selbst zum Objekt seiner Liebe. Auch bei Erwachsenen in der Neurose, aber auch bei Gesunden gebe es häufig eine gute Portion Narzißmus als Ausdruck einer fortbestehenden Selbstliebe. F. gerät dadurch etwas in Konflikt mit seinem früheren Konzept des Sexualtriebs und des Selbsterhaltungstriebes als zwei völlig verschiedener psychischer Antriebskräfte. Freuds Anhänger wie z. B. Ernst Jones fragten sich nach dem Unterschied zwischen dem Selbsterhaltungstrieb und der vom Sexualtrieb gespeisten Selbstliebe. Eine Neuordnung der Triebtheorie schien auch F. damals unerläßlich.

Zur Geschichte der Psychoanalytischen Bewegung

Ich finde mich berechtigt, den Standpunkt zu vertreten, daß auch heute noch, wo ich längst micht mehr der einzige Psychoanalytiker bin, keiner besser als ich wissen kann, was die Psychoanalyse ist, wodurch sie sich von anderen Weisen, das Seelenleben zu erforschen, unterscheidet und was mit ihrem Namen belegt werden soll oder besser anders zu benennen ist…, dieses Zitat stammt aus Freuds 1914 gedrucktem Pamphlet Zur Geschichte der Psychoanalytischen Bewegung. Schließlich habe er selbst in der Zeit zwischen 1890 und 1900 die neue Therapie ersonnen und auch alle Kritik ertragen, die Psychoanalyse sei also recht eigentlich seine eigene Schöpfung. Die Bombe, wie F. seine Abrechnung mit den Abtrünnigen Adler und Jung nannte, betonte noch einmal seinen recht autoritären Führungsstil in der mittlerweile internationalen Bewegung.

Der erste Weltkrieg

Die allgemeine Stimmung in Europa am Vorabend des ersten Welkrieges machte selbst F. zum österreichischen Patrioten. Derselbe Mann, der einst in Frankreich bei Charcot erklärt hatte, er sei weder Deutscher noch Österreicher, sondern einfach nur Jude, schrieb in einem Brief an seinen deutschen Mitstreiter Karl Abraham im Juni 1914, er fühle sich zum ersten Mal seit 30 Jahren als Österreicher. Auch die starre Haltung Österreichs gegenüber Serbien und die deutsche Unterstützung Österreichs, zwei der Hauptkriegsgründe, begrüßte er und lobte er als mutig. Sogar der Engländer Ernst Jones, eines seiner ergebensten Mitarbeiter, bekam den neuen Patriotismus Freuds zu spüren: Während der Kriegsjahre kamen aus Wien nur mehr Briefe auf Deutsch, wo vor und nach dem Krieg Englisch an der Tagesordnung war. Aber auch im Hause Freud machte sich der Krieg schnell bemerkbar: Die Patienten blieben aus, alle drei Söhne waren aktive Soldaten, Martin und Ernst hatten sich sogar freiwillig gemeldet. Im letzten Kriegsjahr und in den ersten beiden Nachkriegsjahren, 1919 und 1920, hungerte und fror die Familie Freud wie die anderen Wiener Familien auch. Der Vater wurde aktiv, schrieb an Verwandte in England und Amerika, Nahrungsmittel von Freunden und Unterstützern aus Holland und der Schweiz trafen ein. F. hatte seine ganzen Ersparnisse durch den Krieg und die nachfolgende Inflation verloren. Nach dem Krieg änderte sich die Zusammensetztung der Patientenklientel und F. war es recht so: Zunehmend behandelte er Engländer und Amerikaner, die anstatt in wertlosen Kronen in harter Dollarwährung bezahlen konnten. Allein das fünf- oder sechsstündige Zuhören auf Englisch strengte sehr an, F. nahm sich eine Sprachlehrerin.

Metapsychologie

1915 begann F. eine große Arbeit, die Metapsychologie heißen sollte, eine Sammlung von 12 Abhandlungen, die teilweise spekulativer angelegt waren als Totem und Tabu. So sollten bestimmte Formen der Neurose bestimmten Abschnitten der Menschheitsvor- und Frühgeschichte zugeordnet werden, die Angstneurose der Eiszeit etc.. F. veröffentlichte nur fünf Teile, die anderen sieben vernichtete er. Die verbliebenen Aufsätze fassen grundlegende Fakten der Psychoanalyse zusammen: Die Trieblehre, das Unbewußte, die Verdrängung – sie bringen aber keine grundlegenden Neuerungen. Eine ähnliche Zusammenfassung, nur sehr viel leichter verständlich angelegt, sind die Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, die F. in den Wintersemestern 1915/16 und 1916/17 an der Universität Wien gehalten hatte. (Unter den aufmerksamen Zuhörern war seine Tochter Anna.) Die Buchform wird ein Bestseller: 50.000 Exemplare werden noch zu Freuds Lebzeiten verkauft, die Vorlesungen werden in 15 Sprachen übersetzt.

Der Todestrieb

Anfang 1920 stirbt Freuds Tochter Sophie im Alter von 27 Jahren in Hamburg an den Folgen einer Grippe, sie war schwanger und hinterläßt zwei Kinder im Alter von 6 Jahren und 13 Monaten. F. hatte nur ein gutes halbes Jahr vorher den Selbstmord seines Schülers Victor Tausk recht unberührt weggesteckt, schon schwerer zu verdauen war der Krebstod seines Patienten, Freundes und Förderers Aton von Freund 5 Tage vor Sophies Tod; der Verlust seiner Tochter dagegen schockierte ihn und belastete ihn lange Zeit schwer. Sicher nicht in erster Linie dieses Erlebnis, wohl aber der Eindruck des sinnlosen Mordens und Sterbens im Krieg mag F. bewogen haben, neben den Sexualtrieb, Eros, den Trieb zur Zerstörung, Thanatos zu stellen. Der Todestrieb ist das allem Organischem innewohnende Streben zur anorganischen Ruhe vor der Geburt zurückzukehren. Veröffentlicht wurden diese Gedanken 1920 in der recht kurzen Abhandlung Jenseits des Lustprinzips. Sie ist schwerer geschrieben als Freuds frühere Werke, sie kommt zu ihrer Schlußfolgerung aufgrund klinischer Beobachtung (des Wiederholungszwangs der Ereignissneurosen), aber die früher so lebhaft formulierten Fallgeschichten fehlen. Nicht alle Psychoanalytiker folgen Freud in seinen neuen Hypothesen; manchmal zweifelt er auch selber: Natürlich ist dies alles tastende Spekulation, bis man etwas Besseres hat, schreibt er 1935 an Ernst Jones.

Das Ich und das Es

Die 1923 erschiene Abhandlung Das Ich und das Es rundete die Theorie der Psychoanalyse ab, hier führte F. die Lehre der drei psychischen Instanzen Ich, Es und Über-Ich ein. Bisher gehörte die Trennung in das Bewußte und das Unbewußte zur Basis der Freudschen Lehre, sie war das erste Schibboleth.

Das Unbewußte ist dynamisch, das Ich entscheidet, welche Regungen, Vorstellungen und Wünsche ins Unbewußte verdrängt werden und dort festgehalten werden müssen. Das Vorbewußte ist die psychische Instanz, in der vergessene Telefonnummern, Jahreszahlen oder ähnliches gespeichert sind, sie sind im Moment nicht abgreifbar, werden aber nicht aktiv verdrängt.Der Widerstand ist alles, was die Therapie hemmt, peinliche Inhalte des Unbewußten werden dort aktiv festgehalten, sie dürfen nicht ins Bewußtsein steigen.

Verdrängung und Widerstand laufen aber keineswegs bewußt ab, dennoch sind sie Funktionen des Ich. Das Ich kann also keineswegs in allen Teilen bewußt sein, es hat auch unbewußte Anteile. Das gleiche gilt für die psychische Instanz des Über-Ich, es ist nur zum geringsen Teil bewußt, der größte Teil der von den Eltern, von der Gesellschaft verinnerlichten Normen sind unbewußt.

Das Es hingegen ist der Motor, die treibende Kraft der Psyche, es repräsentiert die grundlegenden Triebe, den Sexual- und den Todestrieb, und es ist gänzlich und immer unbewußt.

Um es in einem Bild Freuds zu beschreiben: Das Ich ist der Reiter, das Es das Pferd, das Über-Ich ein Schwarm von Hornissen, dem der Reiter ausweichen will.

Das arme Ich hat also Anforderungen von drei Seiten zu erfüllen: Es wird vom Es getragen und angetrieben, vom Über-Ich verfolgt und getadelt und gleichzeitig muss es auch noch die Anforderungen der Realität berücksichtigen.

Georg Groddeck, Leiter eines Sanatoriums in Baden-Baden war ursprünglich der Schöpfer des Begriffs des Es in der Psychotherapie, er hatte dazu Anleihen von Nietzsche aufgenommen. F. und Groddeck korrespondierten seit 1917 miteinander, von einem Kritiker hatte er sich zu einem Schüler Freuds entwickelt. F. legte aber Wert darauf, dass er zwar den Begriff des Es von Groddeck entlehnt hatte, ihn aber ganz anders als er auffasste: Der Mensch werde nicht vom Es gelebt, sondern das Ich wird von ihm angetrieben, das Ich sei aber auch in der Lage, es energisch in die Schranken zu weisen.

Gaumenkrebs

Im Frühjahr 1923 stellte F. bei sich einen Tumor des Gaumens fest, den er sofort für bösartig hielt. Die Schuld an dieser Rebellion wird dem Rauchen gegeben, bekannte F. freimütig in einem Brief. (Er rauchte täglich ca. 20 Zigarren.) An den Folgen der Operation wäre F. fast verblutet. Offensichtlich wurde der Tumor auch nicht radikal genug operiert, die anschließenden Röntgen- und Radiumbestrahlung konnte diesen Fehler nicht wettmachen. F. war sehr schockiert darüber, dass seine Kollegen, die behandelnden Ärzte, seinen Wunsch nach Ehrlichkeit nicht erfüllten und ihm die Bösartigkeit der Erkrankung verschwiegen. Im Herbst 1923 erfuhr F. endlich die Wahrheit und musste sich gleich noch dreimal nachoperieren lassen. Es war eine partielle Entfernung des Oberkieferknochens und des harten Gaumens erforderlich, seitdem musste F. eine Prothese tragen, die ihm sehr viel Schmerzen bereitete. F., der das Rauchen und andere Süchte als Ersatz für die Onanie sah, trennte sich aber nicht von seinen geliebten Zigarren. Bis zu seinem Tod an diesem Tumor wurden noch über 30 weitere Nachoperationen fällig, die aber bis 1936 ausschließlich den immer wieder entstehenden Leukoplakien – Krebsvorstufen – galten.

Auseinandersetzung mit Otto Rank

Otto Rank gehörte seit 1905 dem Kreis um F. an, zuletzt auch dem Komitee, das über die Reinheit der Lehre wachen sollte. Rank, von Beruf Maschinenschlosser und von Freud über viele Jahre geförderter Autodidakt, entwickelte seit 1924 zunehmend eigene, von F. abweichende Vorstellungen zur Psychoanalyse. Rank greift eine ursprünglich von Freud entwickelte Idee auf und stellt sie in den Mittelpunkt: Das Geburtstrauma als Quelle jeder Angst. Die Rolle der Mutter in der frühkindlichen Entwicklung wird von Rank stärker betont, die psychoanalyt. Therapie könne durch Verzicht auf allzu ausführliche Erhebung der Kindheitsvorgeschichte deutlich verkürzt werden. F.’s Antwort auf Rank war die 1926 erschienene Abhandlung: Hemmung, Symptom und Angst. F. änderte seine bisherige Theorie zur Entstehung der Angst: Das Geburtstrauma wurde weiter in den Hintergrund geschoben, jedes Lebensalter hat seine eigene, bevorzugte Angst: Auf das Geburtstrauma folgt die Trennungsangst, die Furcht vor Liebesverlust, die Angst vor Kastration, die Schuldgefühle und schließlich die Angst vor dem Tod. Darüber hinaus revidierte F. auch seine frühere Hypothese, dass die Quelle der Angst in der Verdrängung liege. Es sei genau anders herum, erklärte F. in der schwer zu lesenden Schrift: Die Angst erzeuge vielmehr die Verdrängung. Es kam zum endgültigen Bruch der beiden, Rank wanderte in die USA aus.

Laienanalyse

Die Mehrzahl der Ärzte ist für die Übung der Psychoanalyse nicht ausgerüstet und hat in der Würdigung dieses Heilverfahrens völlig versagt, dies war Freuds Meinung schon 1913 und er bekräftigte sie noch einmal 1926 in seiner ausführlicheren Darstellung Die Frage der Laienanalyse. Natürlich sollte der Patient vor der Therapie von einem Arzt untersucht worden sein, für den Psychoanalytiker ist eine ärztliche Ausbildung aber eher ein Handicap. Der Anlass für das Buch war eine Anklage wegen Kurpfuscherei gegen Freuds Wiener Schüler Theodor Reik, der kein Arzt war, aber die Psychoanalyse ausübte und sogar auf Freuds ausdrücklichen Rat nicht Medizin studiert hatte. F. stand ihm bei und Reik wurde freigesprochen. Die anschließende Diskussion in der internationalen Psychoanalytischen Bewegung gab allerdings ein sehr heterogenes Bild: Die Amerikaner sprachen sich kategorisch gegen die Laienanalyse aus, die Engländer und die Ungarn dafür, in Deutschland und Österreich war die Meinung gespalten.

Die weibliche Sexualität

F. war bis zum Anfang der 1920er Jahre davon ausgegangen, dass sich die Sexualität bei Jungen und Mädchen völlig identisch entwickelt. Dieses habe sich aber als unhaltbar erwiesen, schrieb er 1925 in Einige psychischen Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschiedes und 1931 in Über weibliche Sexualität. Das kleine Mädchen sei beseelt vom Penisneid, der kleine Junge fürchte die Kastration. Das Mädchen fühle sich schon kastriert, fürchte aber Liebesentzug. Diese Strafe sei weit geringer – das Über-Ich des Mädchens und später der Frau sei aus diesem Grunde weit weniger stark entwickelt als das des Mannes. Deswegen sei klar, daß die Frau weniger Rechtsgefühl zeigt als der Mann, … sich öfter in ihren Entscheidungen von zärtlichen und feindseligen Gefühlen leiten läßt. Die psychische Entwicklung der Frau sei durch den notwendigen Wechsel des ersten Liebesobjekts – zuerst die Mutter, dann der Vater – gefährdet. Außerdem müsse sie im Gegensatz zum Mann später auch die leitende Genitalzone – zunächst die Klitoris, dann die Vagina – wechseln. Nicht alle Psychoanalytiker folgten Freud in dieser Auffassung. Vor allem der Engländer Ernst Jones und die Deutsche Karen Horney widersprachen entschieden.

Telepathie

F. unternimmt 1925 Versuche zur Telepathie mit seinem ungarischen Schüler Sándor Ferenczi und seiner Tochter Anna. Ihm ist klar, dass die Beweislage dürftig ist, die Versuche seien aber so überzeugend gewesen, dass er wieder neuen Glauben gefunden habe, schreibt er an Jones. Da er die Gefahr sieht, die Psychoanalyse durch seinen Telepathieglauben in die Nähe des Okkultismus zu bringen, empfiehlt er Jones: Wenn Ihnen jemand meinen Sündenfall vorhält, so antworten Sie ruhig, das Bekenntnis zur Telepathie sei meine Privatsache wie mein Judentum, meine Rauchleidenschaft und anderes.

Die Zukunft einer Illusion

Mit der Laienanalyse wollte F. die Psychoanalyse vor den Ärzten schützen, mit dem 1927 erschienen Buch Die Zukunft einer Illusion vor den Priestern – das schrieb er ganz offen an seinen langjährigen Schüler in der Schweiz, Oskar Pfister, der von Beruf selber protestantischer Pastor war. Die Religion ist eine Illusion, schrieb F.. Eine Illusion ist eine Vorstellung, die aus dem Wunsch gespeist wird, sie sagt noch nichts über ihren Wahrheitsgehalt aus. Wer aber glaube, dass ein Messias erscheine, die Welt erlöse und das Paradies auf Erden anbreche, der nähere sich dem Wahn. Sicher war die Religion nützlich, in dem sie den in jeder Kultur notwendigen Triebverzicht befördert habe, mittlerweile aber sei der Nachteil jeder Religion für den Menschen größer als der Vorteil. Sie behindere die Wissenschaft und fördere die Unsittlichkeit ebenso wie die Sittlichkeit. Genau besehen sei sie nichts anderes als eine kollektive Zwnagsneurose, Folge einer übermäßigen Triebunterdrückung. Der allmächtige Gott sei nichts anderes als der Allmächtige, der auch schon zu Hause in der frühen Kindheit herrschte: der Vater.

Das Unbehagen in der Kultur

Von der 1930 erschienen Abhandlung Das Unbehagen in der Kultur wurden innerhalb kürzester Zeit 12.000 Exemplare verkauft, eine unvorstellbar hohe Zahl, vergleicht man sie mit den 651 Exemplaren die von der Traumdeutung in 6 Jahren verkauft wurden! F. wandte die Methoden der Psychoanalyse des Einzelnen auf die gesamte Gesellschaft an, was einigen seiner Anhänger Bauchschmerzen bereitete. Die Kultur oder die Zivilisation (F. unterschied nicht zwischen diesen beiden Begriffen) entsteht als Arbeitsgemeinschaft: Alleine kann sich der Mensch nicht gegen die übermächtige Natur durchsetzen. Aber Kultur bedeutet auch Triebverzicht, weder der Sexualtrieb noch die Agression, abgeleitet vom Todestrieb, darf ungehindert ausgelebt werden. Triebverzicht führt zu Unbehagen, das jeder Zivilisation eigen ist. Ist die Unterdrückung der Triebe zu stark, kommt es zur Neurose und zu ungezielten Ausbrüchen der Agression. Auf das rechte Mittelmaß kommt es an; ob es allerdings der Menschheit je gelänge, ihre eigene Vernichtung aufzuhalten – darüber wollte der Autor keine Prognose wagen.

Goethepreis, Tod der Mutter, Woodrow Wilson

Kein Schmerz, keine Trauer, was sich wahrscheinlich aus den Nebenumständen, dem hohen Alter, dem Mitleid mit ihrer Hilflosigkeit am Ende, erklärt, dabei ein Gefühl der Befreiung, der Losgesprochenheit …Ich durfte ja nicht sterben, solange sie am Leben war, und jetzt darf ich. Das schrieb F. an Sándor Ferenczi, als seine Mutter Amalia Freud 1930 im Alter von 95 Jahren starb.

Freud analysiert noch, er schreibt noch eifrig, aber der öffentliche Vortrag wird dem begabten Redner zum Greuel: Die Stimme hat doch zu sehr unter den Gaumenkrebsoperationen und der notwendigen Prothese gelitten. Anna Freud fährt für ihn im selben Jahr nach Frankfurt, um den Goethepreis entgegenzunehmen.

William C.Bullitt, ein früherer Mitarbeiter des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson kann F. davon überzeugen, an einer psychologischen Studie seines früheren Arbeitgebers mitzuarbeiten. F. war persönlich enttäuscht von diesem Präsidenten, der als Weltverbesserer auftrat, aber mit dem Friedensvertrag von Versailles unerfüllbare Reparationsleistungen Deutschland und Österreich aufbürdete. F. hatte auch Vorurteile gegenüber Amerikanern: Sie erschienen ihm zu prüde, zu oberflächlich und zu sehr aufs Geld fixiert. Die 1930 begonnene Studie erschien erst 1967, nach dem Tod der Präsidentengattin; es wurden aufgrund der Stilanalyse erhebliche Zweifel daran geäußert, ob F. außer beim Vorwort irgendeinen Einfluß auf die Arbeit hatte. Schließlich hatte F. mehrfach geäußert, dass die Psychoanalyse keine Waffe in der persönlichen oder politischen Auseinandersetzung sein könne.

1933

Nach der Machtergreifung durch Adolf Hitler werden auch Freuds Bücher in Deutschland verbrannt. Sándor Ferenczi entwickelte schon in den Jahren zuvor Ansichten zur Psychotherapie, die mit der Psychoanalyse Freuds nicht vereinbar waren: Die gegenseitige Analyse von Patient und Therapeut etwa. Ferenczi küsst seine Patientinnen! Ferenczi stirbt 1933 an einer Perniziösen Anämie. Der Internationale Psychoanalytische Verlag steht (wieder einmal) vor dem Konkurs. F. schreibt die Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, um dem Verlag auf die Beine zu helfen.

Verleugnung der Gefahr und Emigration

F. wird, auch schon vor der Besetzung Österreichs durch Nazi-Deutschland, von vielen seiner Anhänger gedrängt, Österreich zu verlassen. F. will in Wien bleiben, er greift zu einem Abwehrmechanismus und verleugnet die Gefahr, die ihm droht. Die Siegermächte, der Völkerbund – sie würden einen Anschluss Österreichs an Deutschland schon verhindern. Und als dieses unwahrscheinlich schien, argumentierte F.: Die Österreicher seien nicht so brutal antisemitisch wie ihre deutschen Brüder. Als die deutschen Truppen im März 1938 Österreich besetzten, zeigte sich das Gegenteil. Im Juni 1938 konnte F. durch die Intervention und tatkräftige, finanzielle und persönliche Hilfe seiner Analysandin, langjährigen Freundin und Vertreterin der französischen psychoanalytischen Bewegung Marie Bonaparte, unter Mithilfe der amerikanischen Botschaft in Paris (Botschafter: Freuds Mitarbeiter W. Bullit), des amerikanischen Konsulats in Wien, Ernst Jones aus London und vieler anderer mit dem Zug durch Deutschland über Frankreich nach England emigrieren. F. nahm so viele Angehörige und Freunde mit, wie er konnte. Seine drei Schwestern, die in Wien zurückblieben, starben in den Konzentrationslagern von Theresienstadt und Dachau. F. wurde in die Royal Society aufgenommen, er stand nun in einer Reihe mit Sir Isaac Newton und Charles Darwin – eine Ehre die er sehr schätzte. Die englische Staatsbürgerschaft, die er so gerne erlangt hätte, blieb ihm allerdings verwehrt.

Der Mann Moses

Der Mann Moses und die monotheistische Religion erschien erst 1938 im englischen Exil, obwohl F. schon seit 1934 daran arbeitete. Es war ihm eine Herzensangelgenheit, dass diese Arbeit noch vor seinem Tod auf englisch erschien. Moses war nach Freuds Ansicht ein Ägypter, der dem ausgewählten Volk der Juden die monotheistische, in Ägypten ausgerottete Athon-Religon nahe gebracht habe. Allerdings habe das jüdische Volk ihren Propheten umgebracht. Nach einer Zeit des Schuldgefühls seien sie jedoch zur alten Religion zurückgekehrt. Die Christen hingegen, mit ihrer Gott und Gottes Sohn – Theologie seien eine Regression zum alten Polytheismus. Unzweifelhalft klingen hier die alten Motive von Totem und Tabu – Vatermord und Schuldgefühl – wieder an.

Erlösung

Mit seinem Leibarzt, Max Schur, hatte F. schon vor 12 Jahren die Abmachung getroffen, dass dieser ihn auf seinen Wunsch hin von unerträglichen Leiden erlösen solle. Freuds Schmerzen steigerten sich, er war abgemagert, erschöpft und müde. Der Tumor stank so fürchterlich, dass sich sogar sein geliebter Chow-Chow von ihm abwandte. Besprechen Sie es mit Anna, und wenn sie es für richtig hält, dann machen sie ein Ende, sagte F. zu seinem Hausarzt am 21. September 1939. Zwei Tage später starb der Begründer der Psychoanalyse an einer Überdosis Morphium.

Literatur

Peter Gay Freud Eine Biographie für unsere Zeit, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt, 2006

Sigmund Freud Gesammelte Werke, S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1990

Weblink

Sigmund Freud-Museum in Wien

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Fresszellen

Als Fresszellen (syn.: Phagozyten) werden alle Zellen bezeichnet, die in der Lage sind, feste Partikel oder sogar ganze Zellen aktiv aufzunehmen und intrazellulär abzubauen. Dazu gehören die Makrophagen, die Monozyten und die neutrophilen und eosinophilen Granulozyten.

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Frauenkondom

Das Frauenkondom ist eine Hülle aus Polyurethan, die vor dem Geschlechtsverkehr von der Frau in die Scheide eingeführt wird und vor ungewollter Schwangerschaft und sexuell übertragbaren Krankheiten schützt.

Das F. ist ein etwa 17 cm langer Schlauch mit einem geschlossenen Ende und einem inneren und einem äußerem Ring. Es kleidet die Vagina aus, der innere Ring sorgt für einen sicheren Sitz während des Verkehrs, das offene Ende bedeckt das Gebiet um die Vaginalöffnung. Es kann mehrere Stunden vor dem Verkehr eingeführt werden und auch danach für längere Zeit in der Scheide verbleiben. Der Pearl Index liegt zwischen 5 und 25, der Schutz vor ungewollter Schwangerschaft ist demnach etwas geringer als beim Kondom (PI zwischen 3 und 14). Gegen sexuell übertragbare Krankheiten schützt es dagegen besser als das Kondom. Die Akzeptanz in den westlichen Industrieländern ist relativ gering. Vor allem Frauen in Entwicklungsländern mit hoher AIDS-Rate haben wenig Möglichkeiten, die Benutzung eines Kondoms durch den Mann zu fordern. Die WHO fördert die Anwendung des F. in diesen Gebieten, der relativ hohe Preis ist eines der größten Hindernisse.

Pro Familia

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Niels Ryberg Finsen (* 15. Dez. 1860 in Tórshavn, Faröer, Dänemark; † 24. Sept. 1904 in Dänemark) war ein dänischer Arzt der 1903 für seinen Beitrag zur Lichttherapie von Hautkrankheiten mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet wurde.

F. ging in seiner Heimatstadt Tórshavn, in Dänemark und in Island zur Schule; Medizin studierte er in Kopenhagen von 1882 bis 1890, anschließend hatte er eine Stelle am Anatomischen Institut in Kopenhagen, die er aber nach drei Jahren wieder aufgab, um sich ganz seinen Studien zu widmen. F. heiratete 1892 die Bischofstochter Ingeborg Balslev, mit der er 4 Kinder hatte.

Seit ca. 1885 zeigten sich bei F. erste Symptome einer chronischen Erkrankung, die mit Herzbeschwerden und chronischer Bauchwassersucht (Aszites) einhergingen und ihn schließlich in den Rollstuhl zwangen, ihn aber nie von seiner wissenschaftlichen Arbeit abhielten.

F. stellte bei sich selber fest, dass Sonnenlicht sein Befinden und die chronische Müdigkeit deutlich besserte. Zeitlebens studierte er daher die therapeutischen Möglichkeiten des Sonnenlichts. Insbesondere in der Behandlung des Lupus vulgaris, einer entstellenden Form der Hauttuberkulose, die häufig im Gesicht auftritt, hat er damit große Erfolge gehabt. Da in Dänemark die natürliche UV-Strahlung nicht ausreichend war, erzeugte er sie künstlich mit Kohlenstoffbogenlampen (Finsenlampen) und bündelte sie mit verschiedenen Optiken auf wenige Quadratzentimeter Haut. Auf einem Kongress1902 in Berlin berichtete F. über 802 Patienten mit Lupus vulgaris, von denen er mehr als die Hälfte, nämlich 412, völlig geheilt hatte. In einer Ära, in der es keine irgendwie geartete wirksame Therapie der Tuberkulose gab, waren diese Zahlen sensationell. F. führte die Lichttherapie in einem von ihm gegründeten Institut in Kopenhagen durch. Da die meisten Patienten mit Lupus und Tuberkulose sehr arm waren, wurden viele seiner Patienten umsonst, unterstützt von den Geldern von Sponsoren und der Stadt Kopenhagen, behandelt. Später spendete F. selbst die Hälfte des Nobelpreisgeldes diesem Institut.

Heute hat die wirksamere antibiotische Therapie der Tuberkulose die Behandlung mit Licht verdrängt. Lichttherapie wird aber noch in der Dermatologie bei der Behandlung von Akne, Psoriasis und anderen Hautkrankheiten eingesetzt.

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Fieberkrampf

Ein Fieberkrampf ist ein Krampfanfall bei Säuglingen und Kleinkindern mit Fieber, ohne dass ein Hinweis auf eine Erkrankung an Meningitis oder Encephalitis besteht und eine Epilepsie nicht bekannt ist.

Häufigkeit und Ursachen

F. treten meist zwischen dem 6. Lebensmonat und dem 5. Lebensjahr auf, i. d. R. zu Beginn einer viralen Infektion, wenn das Fieber zu steigen beginnt. Die Ursachen sind unklar, es wird eine Herabsetzung der Krampfschwelle durch das Fieber bei unausgereiftem Nervensystem angenommen, auch ein direktes Eindringen von Viren oder die Wirkung durch den Infekt enstandener giftiger Substanzen aus der Blutbahn wird diskutiert.

F. sind nicht selten, zwischen 2 und 5 % der Bevölkerung in Europa erleiden wenigstens eine Episode. Bei 40 % der Kinder, die einen F. erleiden, hatten Verwandte ersten Grades (Eltern oder Geschwister) ebenfalls einen F..

Symptome

Der unkomplizierte F. tritt generalisiert auf, der ganze Körper ist davon betroffen. Möglicherweise zuckt das Kind rhytmisch (klonischer Krampf) oder es ist ganz steif (tonischer K.). Wenn beide Formen abwechselnd auftreten, spricht man von einem tonisch-klonischen Krampfanfall. Selten kommt auch ein plötzlicher Verlust der Muskelspannung, eine Muskelschlaffheit vor: atonischer K.. Der unkomplizierte F. dauert weniger als 15 Minuten, nach dem Anfall schläft das Kind oder ist sehr müde.

Ein komplizierter F. zeigt eine Herdsymptomatik, so ist z. B. nur eine Körperhälfte oder ein Arm oder ein Bein beteiligt, er dauert länger als 15 Minuten und/oder das Kind weist nach dem Anfall neurologische Besonderheiten, z. B. eine Lähmung auf. Auch wenn mehrere Anfälle in einem Fieberschub auftreten, spricht man von einem komplizierten F..

Folgen

Es kommt äußerst selten vor, dass ein Kind während eines F. stirbt oder einen bleibenden Schaden zurückbehält; dies tritt nur in den Fällen auf, in denen der Krampf auch nach Stunden noch nicht abgeklungen ist (Status epilepticus). Bei 95 bis 98 % aller Kinder mit einem F. geht dieser nicht in eine spätere Epilepsie über. Das Risiko hierfür ist größer, wenn Epilepsie in der Familie häufiger vorkommt, wenn das Kind einen komplizierten Krampf erlitten hat oder neurologische Auffälligkeiten bestehen.

Diagnostik

Bei einem unkomplizierten F. ist keine weitere Diagnostik erforderlich. Bei komplizierten F. muss je nach Verdacht ein EEG, eine Lumbalpunktion und Liquoruntersuchung sowie ggf. eine Magnetresonanztomografie des Schädels druchgeführt werden.

Akutbehandlung

Die Behandlung besteht in der Gabe von Diazepam rektal in einer flüssigen Form (Diazepam Desitin rectal tube 5 oder 10 mg ®) bei einer Anfallsdauer von mehr als zwei bis drei Minuten. Weiterhin wird eine Fiebersenkung durch Wadenwickel, Paracetamol (z. B. ben-u-ron®) oder Ibuprofen (z. B. Nurofen ®) empfohlen.

Vorbeugung

Es ließ sich nicht beweisen, dass eine fiebersenkende Behandlung das Risiko für weitere F. senkt. Aus diesem Grund wird das gleiche Vorgehen wie bei anderen Kindern empfohlen: Fiebersenkung nur bei schlechtem Allgemeinbefinden.

Eine weitere medikamentöse vorbeugende Behandlung ist in der Regel überflüssig. In besonderen Fällen wie starker Ängstlichkeit der Eltern kann bei Fieber eine maximal zweitägige Prophylaxe mit Diazepam in einer Dosierung von 0,5 mg/Kg Körpergewicht als Zäpfchen verabreicht werden. Die Behandlung mit anderen Antikonvulsiva ist in der Vorbeugung nicht wirksam.

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Fieber

Fieber (von lat.: febris zu ahd.: fiebar) ist die Erhöhung der Körpertemperatur durch Verstellung des Sollwertes der Temperaturregulation. Bei einer Hyperthermie dagegen steigt die Temperatur ohne Sollwertverstellung. Meist spricht man von F., wenn die im After gemessenen Temperatur auf über 38° C steigt; zwischen 37° und 38° C von einer erhöhten Temperatur.

Ursachen

F. ist ein Symptom vieler Infektionskrankheiten, aber auch nichtinfektiöser Erkrankungen wie z. B. bei Zerfall bösartiger Tumore oder Abbau von zerstörtem Gewebe oder Blutergüssen.

Fieberauslösende Substanzen werden als Pyrogene bezeichnet, sie führen durch ihre Wirkung auf den Hypothalamus zur Verstellung des Temperatursolls.

Bestimmte Zellwandbestandteile gramnegativer Bakterien, die als Lipopolysaccharide identifiziert wurden, gehören zu den am besten untersuchten und effektivsten Pyrogenen, sie werden exogene Pyrogene genannt. Bei Infektionen durch grampositive Bakterien, Viren und Pilze etc. führen Wechselwirkungen mit körpereigenen Leukozyten zur Produktion von endogenen Pyrogenen: Interleukin 1 und 6, Tumornekrosefaktor Alpha und Prostaglandin E2 sind hier zu nennen.

Messung und Biorhythmus

Bei Messung im Ohr, im Mund und in der Achselhöhle liegen die Werte unter den rektal gemessenen Werten. Die Messung in der Achselhöhle ist ungenau.

Im Verlaufe des Tages steigt die Körpertemperatur an, vom frühen Morgen bis abends um ca. 1 ° C. Äußerst selten steigt das Fieber beim Menschen über 41° C.

Bedeutung

Die Bedeutung des Fiebers im Rahmen der Immunabwehr ist unklar; einerseits laufen biochemische Vorgänge durch die Temperaturerhöhung schneller ab, andererseits wird der Kranke durch Flüssigkeitsverlust, Pulsbeschleunigung, verstärkten Katabolismus und verminderten Appetit geschwächt; Säuglinge und Kleinkinder sind durch Fieberkrämpfe gefährdet.

Begleiterscheinungen und Komplikationen

Der Fieberanstieg ist oft von Frösteln, Frieren, Schüttelfrost und kalter Haut gekennzeichnet.

Der Blutkreislauf wird zentralisiert, es sammelt sich vermehrt Blut im Körperkern an, während die Durchblutung der Körperschale (Haut und Extremitäten) reduziert wird. Dadurch erhöht sich die Kerntemperatur, weil weniger Wärme in die Umgebung abgestrahlt wird; das Muskelzittern produziert zusätzliche Wärme.

Nach Erreichen der Solltemperatur treten gelegentlich Halluzinationen auf (Fieberwahn, Fieberdelir). Das F. kann im Verlauf von Stunden (Krisis) oder Tagen (Lysis) sinken. Ein Fieberabfall ist oft von Schwitzen oder Blutdruckabfall begleitet.

Formen

Eine Continua ist gekennzeichnet durch eine konstant erhöhte Temperatur und typisch für z. B. Virusinfekte und Endokarditis. Ein remittierendes F. tritt vor allem bei Sinusitis und anderen lokalen Infektionen auf, es zeigt stärkere Schwankungen als die Continua, die Temperatur liegt aber immer höher als normal. Ein septisches oder intermittierendes F. tritt bei Infektionen auf, bei denen schubweise Bakterien massenhaft ins Blut gelangen. Hierbei wechseln stark erhöhte Temperaturen mit normalen Tempraturen im Laufe eines Tages ab. Septisches F. tritt z. B. bei infizierten Fremdkörpern (Herzschrittmachern o.ä.) auf. Ein rekurrierendes F. mit kurzem hohen Fieber , abgelöst von fieberfreien Tagen, ist typisch für Malaria und Rückfallfieber.

Behandlung

Im Vordergrund steht die Behandlung der Ursache, z. B. einer bakteriellen Infektion durch Antibiotika, der Entfernung eines Infektionsherds etc..

Ist dies nicht möglich und der Patient durch das F. stark beeinträchtigt oder bei Kindern mit Fieberkrämpfen in der Vorgeschichte erfolgt eine symptomatische Therapie mit fiebersenkenden Medikamenten. Bei Kindern wird hierzu Paracetamol (z. B. Ben-u-ron ®) oder Ibuprofen (z. B. Nurofen ®), bei Erwachsenen auch (die bei Kindern kontraindizierte) Acetylsalicylsäure (z. B. Aspirin ®) verwendet. Noch stärker fiebersenkend wirkt das Novaminsulfon (z. B. Novalgin ®).

Auch physikalische Maßnahmen des Wärmeentzugs wie das Aufdecken, feuchte, lauwarme Waden- und Brustwickel und Abkühlungsbäder werden zur Fiebersenkung angewendet.

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Fibrinogen

Das Fibrinogen (syn.: Gerinnungsfaktor I) ist ein lösliches Glykoprotein des Blutplasmas; beim Ablauf der Kaskade der Blutgerinnung verwandelt das Thrombin das F. in Fibrin, einem unentbehrlichen Bestandteil des Blutgerinnsels.

Das F. wird in der Leber gebildet, seine Konzentration liegt zwischen 1,4 und 3,5 g/l.

Die Konzentration ist erhöht bei akuten und chronischen entzündlichen Reaktionen. Die Höhe der Fibrinogenkonzentration scheint (auch) erblich bedingt zu sein, sie wird als Risikofaktor der Atherosklerose angesehen.

Verminderungen kommen bei schweren Lebererkrankungen und bei ausgeprägten Verletzungen und Schockzuständen mit genereller Aktvierung der intravasalen Gerinnung vor (DIC = disseminated intravascular coagulation, disseminierte Blutgerinnung in den Blutgefäßen).

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