Nachrichten vom anderen Ende der Medizin

Novaminsulfon (Metamizol)

Novaminsulfon (syn.: Metamizol), gut schmerzstillendes, stark fiebersenkendes und krampflösendes, aber nur gering entzündungshemmendes Arzneimittel aus der Gruppe der nicht opioiden Analgetika, also der Schmerzmittel, die keine Ähnlichkeit mit Opium und seinen Abkömmlingen zeigen. Wegen der seltenen, aber lebensbedrohlichen Nebenwirkungen Schock und Agranulozytose (dem plötzlichen Verschwinden der weißen Blutkörperchen) erfolgt die Anwendung beim Menschen nur bei Tumorschmerzen, starken Schmerzen nach Verletzungen und Operationen sowie bei Fieber, das auf andere Behandlungsmaßnahmen nicht anspricht.

Anwendung

N. ist in Deutschland als Tablette, Brausetablette, Zäpfchen für Erwachsene und Kinder, Tropfen und Injektionslösung nur nach ärztlicher Verordnung erhältlich. Kombinationspräparate wie Baralgin®, die früher oft zur Behandlung von Nierenstein- und Gallenkoliken eingesetzt wurden, besitzen keine Zulassung mehr.

In der Schwangerschaft sollte N. nicht eingenommen werden, im ersten Drittel wegen dem ungeklärten Mißbildungsrisiko, im letzten Drittel wegen eines möglichen vorzeitigen Verschlusses des Ductus Botalli. (Im mittleren Drittel ist eine Anwendung u. U. möglich.)

N. geht in die Muttermilch über, 48 Stunden nach Einnahme sollte nicht gestillt werden.

Kinder können ab dem 3. Lebensmonat mit N. behandelt werden, wenn keine anderen Alternativen zur Verfügung stehen.

Die Dosis beim Erwachsenen liegt bei etwa 500 bis 1000mg als Einzeldosis mit einer Höchstdosis von 4 g am Tag, bei Kindern 8 bis 16 mg pro kg Körpergewicht als Einzeldosis.

Wirkungsmechanismus, Aufnahme und Ausscheidung

Der Wirkungsmechanismus von N. ist noch nicht aufgeklärt, vermutlich hemmt N. ähnlich wie Paracetamol die Synthese der Prostaglandine im zentralen Nervensystem.

Die Substanz wird aus dem Magendarmtrakt schnell und zu 90 % aufgenommen, nach der Aufnahme fast vollständig zum ebenfalls wirksamen Stoffwechselprodukt 4-N-Methylaminoantipyrin (MAA) umgewandelt. Die Wirkung setzt bei oraler Aufnahme nach etwa 30 bis 60 Minuten, nach parenteraler Gabe nach 30 Minuten ein.

N. wird zu 95 % mit dem Urin und zu 5 % über den Stuhl ausgeschieden. Bei Leberzirrhose und eingeschränkter Nierenfunktion sowie bei älteren Menschen ist der Abbau verlangsamt, deswegen sollten in diesen Fällen höhere Dosen vermieden werden.

Nebenwirkungen

Risiko Agranulozytose

N. wurde 1920 in den Hoechst-Werken in Frankfurt/Main zum ersten Mal hergestellt und unter dem Markennamen Novalgin® auf den Markt gebracht. In den 1970er Jahren entstanden zunehmend Vermutungen über ein gehäuftes Auftreten von Agranulozytose unter Novalgin®. Die 1986 veröffentlichte Boston Studie sollte diese Frage klären. In mehr als 300 Kliniken aus verschiedenen Ländern wurde 221 Agranulozytose – Patienten mit 1425 Kontrollpersonen verglichen. Die Boston Studie ergab eine Häufigkeit der Agranulozytose von 6,2 Fällen auf 1 Million Einwohner, 1,1 Fälle davon sollten nach der statistischen Kalkulation auf N. entfallen. In Deutschland war ein Viertel aller Fälle von Agranulozytose auf N.-Einnahme zurückzuführen, in Rumänien und Israel erstaunlicherweise keiner. Die Studie war von der Firma Hoechst finanziert, aber von unabhängigen Fachwissenschaftlern durchgeführt worden. Das Risiko veranlasste die deutschen Behörden dazu, N. unter Rezeptpflicht zu stellen. In vielen anderen Ländern der Welt wie z. B. Großbritannien, den USA, Kanada und Australien ist es aus diesem Grunde nicht zugelassen. In vielen Ländern Afrikas und Lateinamerikas sowie Russland ist N. hingegen rezeptfrei erhältlich und stellt einen Großteil des OTC-Verkaufs an Schmerzmitteln. In Deutschland kommt es pro Jahr zu ca. 5 Millionen Verordnungen.

Spätere Untersuchungen ergaben ein von der Boston Studie abweichendes Bild. Eine 2002 veröffentlichte schwedische Untersuchung ergab eine Häufigkeit von einem Fall auf 1439 Verordnungen. Die beiden Untersuchungen sind nicht direkt vergleichbar: In Schweden wurden Fälle aus dem Krankenhaus nicht berücksichtigt, in der Boston Studie waren es nur stationär behandelte Patienten.

Das Risiko, an einer Agranulozytose zu sterben, wird in der Fachliteratur mit 9 bis 23 % angegeben.

Risiko Kreislaufschock

Der Kreislaufschock nach der Gabe von N. tritt vor allem nach parenteraler Gabe auf, ist aber auch bei oraler Aufnahme nicht ausgeschlossen. Die parenterale Anwendung sollte sehr langsam erfolgen und nur dann, wenn sie unvermeidlich ist Der Schock kann vor allem bei unzureichender Behandlung tödlich enden, die Häufigkeit wird mit einem Fall auf 1000 Anwendungen geschätzt.

Allergie

Wie auch andere Arzneimittel aus der Gruppe der Nicht-opioiden-Analgetika kann auch N. einen Asthma-Anfall auslösen. Allergische Reaktionen von Hautausschlägen bis hin zum anaphylaktischen Schock sind ebenfalls möglich.

Zusammenfassung der Boston Studie auf Pubmed (engl.)

Schwedische Metamizol Studie auf Pubmed (engl.)