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Archive for 27. Juli 2007

Paracetamol

Paracetamol (syn.: Acetaminophen), Arzneimittel mit fiebersenkender und schmerzstillender, aber kaum entzündungshemmender Wirlung; bei korrekter Dosierung sehr nebenwirkungsarm, aufgrund der leichten Verfügbarkeit und der geringen therapeutischen Breite kommt es jedoch häufig zu absichtlichen oder versehentlichen Vergiftungen durch Überdosierung.

Struktur von Paracetamol

Die korrekte chemische Bezeichnung ist N-Acetyl-para-aminophenol, alternativ wird auch die Bezeichnung 4′-Hydroxyacetanilid gebraucht, die Summenformel lautet C8H9NO2.

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P. ist in Deutschland rezeptfrei erhältlich, aber apothekenpflichtig. Es wird als Monosubstanz in Form von Tabletten, Kapseln, Brausetabletten und Zäpfchen verkauft (z. B. ben-u-ron®). Auch eine (rezeptpflichtige) Zubereitung als Infusion ist im Handel.

Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl fester Kombinationen von P. mit anderen Wirkstoffen. Als Schmerzmittel wird es häufig mit Codein und Coffein kombiniert (z. B. Azur compositum®), dadurch wird eine Verstärkung der schmerzstillenden Wirkung erreicht. Zur Behandlung der Migräne wird oft ein Mittel gegen Erbrechen hinzugefügt (z. B. Metoclopramid in Migränerton®), bei der Therapie krampfartiger Schmerzen im Bauchbereich ein krampflösendes Mittel (z. B. Butylscopolamin in Buscopan comp.®). Auch viele Kombinationspräparate gegen grippale Infekte enthalten P. als Partner.

P. wird speziell zur Fiebersenkung bei Virusinfekten im Kindesalter empfohlen, weil Acetylsalicylsäure (z.B. Aspirin®) in diesem Alter das lebensbedrohliche Reye-Syndrom auslösen kann. Bei älteren Menschen wird es mitunter als Schmerzmittel bei z. B. Verschleißerkrankungen der Gelenke bevorzugt, weil es weniger Magengeschwüre erzeugt als die sog. nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR). Außerdem ist die Rate an Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten gering. Auch in der Schwangerschaft und Stillzeit ist P. einsetzbar.

Aufnahme, Verteilung, Ausscheidung

Nach oraler Gabe wird P. zu 70 bis 90 % aufgenommen. Die Wirkung beginnt bereits nach 10 Minuten, sie hat ihr Maximum nach 30 bis 60 Minuten. Nach rektaler Gabe werden 60 bis 80 % aufgenommen, die maximale Wirkung wird erst nach drei bis vier Stunden erreicht. P. wird in der Leber zu unwirksamen Verbindungen abgebaut, indem es hauptsächlich an Glucuron- und Schwefelsäure gebunden und so über die Nieren ausgeschieden wird. Zu 4 bis 5 % wird P. auch unverändert über die Nieren ausgeschieden. In kleinen Mengen enstehen beim Abbau von P. die giftigen Stoffwechselprodukte p-Aminophenol und N-Acetyl-p-benzochinonimin. Diese werden durch Bindung an Glutathion und Cystein in der Leber unschädlich gemacht.Die Zeit, nach der die Hälfte der eingenommen P.-Dosis aus dem Körper entfernt wurde, die sog. Eliminationshalbwertszeit von P. beträgt 1,5 bis 2,5 Stunden. Bei Leber- und Nierenfunktionsstörungen, bei Überdosierungen und bei Neugeborenen ist diese Zeit verlängert.

Wirkungsweise

Die genaue Wirkungsweise ist bis heute – mehr als 100 Jahre nach Entdeckung – noch nicht geklärt. P. vermindert die Bildung von Prostaglandinen (PG) im Gehirn, vermutlich durch Hemmung einer cerebralen Form des Enzyms Cyclooxygenase (COX), das für die Bildung der PG erforderlich ist. Dadurch wird die Weiterleitung des Schmerzes im Gehirn gebremst.

Die im übrigen Körper stattfindende PG-Synthese wird dagegen kaum gehemmt, P. zeigt kaum Wirkung auf die Isoenzyme COX-1 oder COX-2. Dies erklärt die fehlende antientzündliche Wirkung, aber auch die gute Magenverträglichkeit.

Darüber hinaus hemmt P. die Wirkung vom menschlichen Körper selbst erzeugter, fiebersteigender Substanzen (endogener Pyrogene) am Hypothalamus.

Dosierung

Im allgemeinen werden 10 – 15 mg P. pro kg Körpergewicht als Einzeldosis gegeben, die Tageshöchstdosis liegt bei 50 mg/kg, das Dosierungsintervall beträgt sechs bis acht Stunden, d. h. es können drei bis vier Einzeldosen am Tag verabreicht werden. Bei Leber- und Nierenerkrankungen muss niederiger dosiert oder das Intervall zwischen zwei Gaben verlängert werden. Das gleiche gilt für Patienten, die an der Meulengracht-Krankheit leiden.

Nebenwirkungen

Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch sind Nebenwirkungen von P. äußerst selten. Es kann zu allergischen Reaktionen, Blutbildveränderungen oder der Auslösung eines Asthma-Anfalls kommen.

Patienten, die einen Hemmstoff der Blutgerinnung wie z. B. Marcumar® einnehmen, können bei akuten Schmerzen oder Fieber P. gebrauchen, ohne dass Wechselwirkungen zu befürchten sind. Bei langfristiger Einnahme (über eine Woche) sind Wechselwirkungen nicht ganz auszuschließen, die Gerinnungswerte müssen dann engmaschig überwacht werden.

Vergiftung

Die akute Vergiftung mit P. ist lebensbedrohlich, bereits ab 6 g P. sind tödliche Verläufe durch akutes Leberversagen und anschließendes Leberkoma beschrieben worden. Der gleichzeitige Genuss von Alkohol und die Einnahme von Medikamenten, die in der Leber als Enzyminduktoren wirken (bestimmte Schlafmittel oder Medikamente gegen Epilepsie), können dazu führen, dass sonst nicht giftige Mengen von P. leberschädigend wirken.

Die Vergiftung entsteht durch die giftigen Stoffwechselprodukte (s.o.) des P., die üblicherweise durch Glutathion und Cystein entgiftet werden. Bei einer Überdosierung stehen in der Leber keine ausreichende Mengen dieser sog. SH- (Sulfhydryl-)Donatoren mehr zur Verfügung. In der Therapie der Vergiftung steht daher die Gabe von N-Acetylcystein oder anderen SH-spendenden Verbindungen im Vordergrund. Bei der akuten Vergiftung kann bis zu sechs Stunden nach einer oralen Aufnahme eine Magenspülung die weitere Aufnahme verhindern. Eine Dialyse (Blutwäsche) kann die Konzentration von P. im Blut senken.

Die akute Vergiftung kommt häufig in suizidaler Absicht vor, selten als versehentliche Überdosierung. Oft war den betroffenen Patienten vorher nicht bewusst, dass nicht der sofortige Tod, sondern ein mitunter langes Leiden im Leberkoma oder eine Lebertransplantation die Folge der Vergiftung ist.

Bei längerfristiger Anwendung (ab ca. 3 g/Tag über ein Jahr) können durch P. chronische Vergiftungen mit Schädigungen der Leber auftreten. Es besteht der Verdacht auf eine Schädigung der Nieren bei chronischem Gebrauch.

Open Drug Database (ODDB): Paracetamol

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