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Archive for 11. September 2007

Syphilis

Syphilis (med.: Lues, veraltet: harter Schanker), eine sexuell übertragbare bzw. bei der Geburt erworbene Infektionskrankheit durch das Bakterium Treponema pallidum, befällt fast alle Organe des Körpers.

Häufigkeit

Die S. ist weltweit verbreitet, die WHO schätzt die Zahl der Neuerkrankungen auf etwa 12 Millionen Fälle jährlich. In den 1990er Jahren schien die Erkrankung in Deutschland fast ausgerottet, 2001 wurden nach Angaben des Robert Koch-Instituts 1669 Neuinfektionen gemeldet, 2006 waren es schon 3146. Der Anstieg der Neuerkrankungen betrifft zu einem großen Teil Männer, vorwiegend in Großstädten. Derselbe Trend wurde auch in anderen Ländern Westeuropas festgestellt, er ist überwiegend auf ein geändertes Risikoverhalten einer Untergruppe (vorwiegend jüngerer) homosexueller Männer zurückzuführen. Seit dem Jahr 2001 muss die S. anonym vom untersuchenden Labor direkt an das Robert Koch Institut gemeldet werden.

Erreger

Das T. pallidum, das zu den Spirochaeten („Schraubenbakterien“ gehört, wurde 1905 von dem Zoologen Fritz Schaudinn und dem Arzt Erich Hoffmann entdeckt. Es ist korkenzieherartig geformt und dringend auf Feuchtigkeit und Nährstoffe des Wirtsorganismus angewiesen, kann deswegen außerhalb des Körpers nur kurz überleben. Im menschlichen Körper vermehrt sich T. pallidum dagegen lebenslang, wenn es nicht durch eine Behandlung abgetötet wird.
treponema.jpgDer Syphiliserreger Treponema pallidum
Übertragung

Die Übertragung erfolgt fast immer durch sexuellen Kontakt, dabei ist T. pallidum wesentlich infektiöser als z. B. HIV, es kann auch durch Küssen übertragen werden. Durch die routinemäßige Testung der Schwangeren im Rahmen der Vorsorge ist eine Übertragung auf das Ungeborene in Deutschland selten geworden. Eine Übertragung durch infizierte Blutkonserven ist möglich, aber in Deutschland seit 20 Jahren nicht mehr berichtet worden.

Nur etwa die Hälfte der Infektionen mit T.p. führt zur Erkrankung, etwa 30 % aller Erkrankungen heilen spontan aus.

Primäres Stadium

Die Krankheit verläuft in drei Stadien. Nach einer Inkubationszeit von meist 2 bis 3 Wochen (maximal 3 Monaten) tritt am Ort der Infektion ein kleines Knötchen auf, das sich zu einem Geschwür (Ulcus durum) weiterentwickelt. Beim Mann ist dieses Geschwür meist an der Eichel, bei der Frau oft an den Schamlippen zu finden und verursacht dort wenig oder keine Schmerzen. Die Lokalisation des Ulcus durum an den Lippen, im Rachen, im Anus oder Rectum macht dagegen häufiger Beschwerden.

Nach einigen Wochen heilt das Geschwür auch ohne Behandlung ab, hinterlässt dabei keine Narben. Zusammen mit dem Geschwür schwellen Lymphknoten schmerzlos in der näheren Umgebung an, die Kombination von Ulcus durum und geschwollenem lokalen Lymphknoten wird Primärkomplex genannt.

Sekundäres Stadium

4 bis 10 Wochen später beginnt das sekundäre Stadium mit einer Vielzahl von Symptomen. Beschwerden wie bei einem grippalen Infekt mit Fieber und Gliederschmerzen stehen am Anfang, Masern-ähnliche Hautausschläge und derbe Schwellungen vieler Lymphknoten können folgen. Bei schlechter Abwehrlage (z. B. AIDS – Erkrankung) können auch Geschwüre am ganzen Körper auftreten (Lues maligna). Knötchenförmige Hautausschläge, Ausschläge an den Mundschleimhäuten, eine Mandelentzündung (Angina spezifica) und Haarausfall können hinzutreten. Derbe Knoten in den Bereichen, in denen Haut auf Haut liegt (Achselhöhle, Leisten), werden Condylomata lata genannt.

Die Vielgestaltigkeit der Symptome hat der S. die Bezeichnung Chamäleon unter den Infektionskrankheiten eingebracht, weil sie eine Vielzahl anderer Erkrankungen imitieren kann. Das sekundäre Stadium heilt nach etwa zwei Jahren folgenlos aus.

Tertiäres Stadium

Nach der zweiten Phase der S. tritt eine sehr unterschiedliche Latenzzeit (einige Monate bis hin zu vielen Jahren und Jahrzehnten) ein, während dessen der Patient keine sichtbaren Zeichen der Erkrankung trägt. Ungefähr ein Viertel der Patienten entwickelt danach die dritte Stufe der Erkrankung, die tertiäre Syphilis.

Fast jedes Organ kann von der tertiären Syphilis befallen werden. Ist die Aorta (große Körperschlagader) betroffen, kann es zur Bildung von Aneurysmen (Ausweitung und Verdünnung der Gefäßwand mit der Gefahr der Ruptur) und Degenerationen an der Aortenklappe (Herzklappe am Übergang vom Herzen zur Aorta) kommen.

Geschwüre, die sich aus zunächst gummiweichen Knoten (sog. Gummen) entwickeln, können an allen Organen, besonders der Leber, der Haut, den Knochen und im Gehirn auftreten.

Neurosyphilis

Die Neurosyphilis kann viele andere neurologische Erkrankungen imitieren und wird vielfach auch als das vierte Stadium der S. bezeichnet. (Quartäre S.).

Bei Befall der Hirnhäute kommt es zu Lähmungen und Krampfanfällen. Ohne Behandlung kommt es zur progressiven Paralyse, bei der sich oft Psychosen entwickeln und die nach 4 bis 5 Jahren zum Tode führt.

Ein Befall der Hinterstränge des Rückenmarks wird Tabes dorsalis genannt; heftige, in Beine und Unterbauch ausstrahlende Schmerzen und Sensibilititätsstörungen sind die Folge.

Infektion im Mutterleib

Die Infektion des Ungeborenen im Mutterleib kann zur Fehl-, Früh- und Totgeburt führen, das Neugeborene kann Missbildungen bei der Geburt aufweisen oder auch erst viel später (manchmal erst als Jugendlicher) an tertiärer Syphilis erkranken.

Diagnose

T. pallidum kann mikroskopisch aus Abstrichen aus den Hautveränderungen der ersten Phase nachgewiesen werden. Später tritt der Nachweis von Antikörpern im Blut des Erkrankten in den Vordergrund. Hierzu ist eine Vielzahl von Tests entwickelt worden, wobei jeder eine gewisse Irrtumswahrscheinlichkeit beinhaltet. Jeder Bluttest auf S. muss daher mit einem oder mehreren Bestätigungstests kombiniert werden, um volle diagnostische Sicherheit zu erhalten.

Therapie

Die Therapie erfolgt vorzugsweise mit Penicillin, Resistenzen sind bisher nicht bekannt. Nur bei der (seltenen) Penicillinallergie werden andere Antibiotika eingesetzt.

Vorbeugung

Safer Sex schützt, aber nicht vollständig. Von zentraler Bedeutung ist die frühe Erkennung und Behandlung, Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern sollten sich regelmäßig auf eine unbemerkte S.- Infektion untersuchen lassen. Wird irgend eine sexuell übertragbare Krankeit festgestellt, solte auch nach einer S.- Infektion gesucht werden (Bluttest).

Auch safer use schützt, da S. durch gebrauchte Injektionsnadeln übertragen wird.

Geschichte

Die Ausbreitung der S. begann 1495 in Neapel. Der französische König Karl VIII. (1470-1498) hatte die Stadt im Februar eingenommen und ein rauschendes 80tägiges Fest veranstaltet. Von Februar bis Mai 1495 traten die ersten Fälle von S. in Neapel auf, die Krankheit verbreitete sich von dort in nur 5 Jahren über ganz Europa.

Es wird vermutet, das Christoph Kolumbus die S. von seiner Reise aus der Karibik 1493 nach Spanien gebracht hat. Von dort kam sie mit den spanischen Söldnern nach Neapel.

Befunde an Skeletten aus dem 13./14. Jahrhundert in England, die Zeichen der tertiären Syphilis aufwiesen, legten allerdings den Verdacht nahe, dass die S. bereits vor Kolumbus in Europa endemisch war. Wenn diese Vermutung richtig ist, dann müsste der S.- Erreger Ende des 15. Jahrhunderts eine abrupte Verstärkung seiner Virulenz erfahren haben.

Die S. verlief zu dieser Zeit schon im Primärstadium viel auffälliger als heute: Die Kranken waren über und über mit sichtbaren, übel riechenden Geschwüren bedeckt.

Das Auftreten der S. in Europa führte zu einem grundlegenden Wandel der sittlichen Vorstellungen: Abdrängung der früher anerkannten Institution des Dirnenhauses an den Rand der Legalität, Verlust der mittelalterlichen Badehauskultur und ein völlig neue Einstellung zur Promiskuität.

Den heutigen Namen erhielt die S. nach einem Gedicht des Veroneser Arztes, Seuchenforschers und Philosophen Girolamo Fracastoro (1483–1553) aus dem Jahre 1530. Darin wird der Hirte Syphilis wegen eines Frevels mit der Seuche gestraft, alle Symptome werden in dem Gedicht beschrieben.

Man war sich unter zeitgenössischen Autoren einig, dass die neue Krankheit aus Amerika eingeschleppt worden war, aber warum sie gerade jetzt die Europäer heimsuchte, dafür gab es verschiedene Erklärungen. Die Astrologen vermuteten eine bestimmte Konstellation der Gestirne, theologische Erklärungen gaben der weit verbreiteten Unzucht die Schuld, die hipppokratisch orientierten Ärzte einem Überschuß an schwarzer Galle.

G. Fracastoro sah schon damals einen spezifischen Krankheitserreger, ein Kontagium, als Ursache der S.

Die Behandlung mit Quecksilber war schon seit der Antike ein bewährtes Heilmittel bei Hautkrankheiten, sie blieb fünf Jahrhunderte lang trotz der erheblichen Nebenwirkungen Mittel der ersten Wahl bei der Behandlung der S.. Das aus Amerika importierte Guajakholz dagegen erwies sich als weitestgehend unwirksam und konnte die Quecksilbertherapie nicht verdrängen.

Erst die Anwendung des von Paul Ehrlich (1854 – 1915) und Sahachiro Hata 1909 entwickelten Salvarsans brachte einen Durchbruch in der Therapie: 1928 waren die Fälle von S. im ersten und zweiten Stadium bereits um zwei Drittel zurückgegangen. Seit 1943 bis heute wird das von Alexander Fleming 1928 entdeckte Penicillin in der Behandlung der S. eingesetzt und erlaubt in den meisten frühen Stadien eine völlige Heilung.

Centers for Disease Control (engl.)

Pro Familia: Broschüre zu sexuell übertragbaren Krankheiten (Pdf-Download)

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