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Archive for 22. April 2008

Rund zehn Sekunden bevor der Mensch eine Handlung plant, hat sein Gehirn die Vorbereitung dazu schon begonnen, ohne dass ihm dies bewusst wird.

Unbewusstes im Kernspin sichtbar gemacht

Das ist kurz zusammengefasst das Ergebnis einer Studie, die eine Forschergruppe um John-Dylan Haynes am Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, der Charité – Universitätsmedizin Berlin sowie des Bernstein Zentrums für Computational Neuroscience Berlin kürzlich durchgeführt haben.

Die Versuchspersonen lagen in einem Kernspintomografen. Sie sollten entweder die rechte oder die linke Hand heben – nach eigener Wahl.

Die Probanden beobachteten bei der Untersuchung eine Abfolge wechselnder Buchstaben. Sie sollten sich den Buchstaben merken, der in dem Moment eingeblendet wurde, in dem sie den Entschluss zum Heben der Hand fassten. Dadurch war es den Wissenschaftlern möglich, festzustellen, zu welchem Zeitpunkt der Versuchsperson ihr eigener Wille bewusst wurde.

Zehn Sekunden vor dem bewussten Entschluss: Das Gehirn hat schon entschieden

Das erstaunliche Ergebnis der Studie: Schon sieben Sekunden vor dem bewussten Entschluss konnten die Forscher Hirnaktivitäten in bestimmen Gehirnzentren feststellen, die der Vorbereitung der Handlung dienen. Da die Kernspintomografie die Aktivität dieser Zentren erst drei Sekunden später nachzuweisen erlaubt, kommt man auf zehn Sekunden Vorlaufzeit.

Ist der freie Wille seit Benjamin Libet tot?

Der amerikanische Physiologe Benjamin Libet kam schon in den 1970er Jahren zu ähnlichen Ergebnissen Nur hatte er keinen Kernspin zur Verfügung, sondern nur ein EEG und die Zeitspanne zwischen erster Hirnaktiviät und bewusstem Entschluss wurde nicht mit sieben sondern nur einer halben Sekunde gemessen.

Die Arbeiten von Libet wurden oft kritisiert und viel diskutiert, aber keiner wagte sich, sie zu wiederholen, zu wiederlegen oder zu bestätigen.

Nicht wenige schlussfolgerten aus den Versuchen Libets, der freie Wille des Menschen existiere in Wirklichkeit nicht, sei nur eine Vorspiegelung des Gehirns.

Weder Benjamin Libet noch sein Kollege John-Dylan Haynes glauben allerdings, dass ihre Experimente die Existenz des freien Willens widerlegen. Immerhin, sagte Libet, wird uns trotz unbewusster Vorbereitung die Handlung vor ihrer Ausführung bewusst und wir können sie daher noch rechtzeitig stoppen. Wenn das Gehirn nicht (auch) unbewusst reagieren würde, wäre es mit der Integration unserer Wahrnehmung und Ausführung unserer Handlungen hoffnungslos überfordert, sagt Haynes.

Dass unser Gehirn unsere Handlungen unbewusst vorbereitet, sei genau besehen keine neue Erkenntnis: Schon seit langem sei klar, daß die Mehrzahl der Sinneseindrücke und alltäglichen Handlungen völlig unbewusst ablaufen.

Libet starb im hohen Alter von 91 Jahren in Kalifornien. Noch ein Jahr vor seinem Tod erklärte er das Bewusstsein zur völlig ungelösten Frage. Am ehesten sei es eine Eigenschaft der belebten Natur, aber wir könnten nicht wissen, wie und warum die Natur diese Eigenschaft hervorbringe – genau so wenig wie wir wissen, warum die Materie Schwerkraft erzeugt.

Links

3Sat.de: Wo ist mein Ich?

Pressemitteilung der Max Planck Gesellschaft: Unbewusste Entscheidungen im Gehirn

Die Zeit.de: Der unbewußte Wille

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