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Archive for 10. September 2008

Alle Welt spricht vom Bürokratieabbau. „Wir nicht“ – so heißt es in der Praxis des Kassenarztes. (Pardon – der heißt jetzt neuerdings „Vertragsarzt“.)

Seit 1985 fülle ich Kuranträge („Anträge auf Leistungen zur medizinischen Rehabilitation“) für meine Patienten aus. Sie wurden mal bewilligt, mal nicht. Warum ein Kurantrag mal abgelehnt wurde und mal nicht, konnte ich noch nie verstehen. Ich hätte das Ergebnis auch auswürfeln können.

Sensation: Formularinkompetenz nach 20 Jahren aufgedeckt!

Im Jahre 2005 hat man festgestellt, dass ich diese Anträge nicht mehr ausfüllen kann.

Entweder musste ich einen Fortbildungskurs besuchen, in dem mir erklärt wird, wie ich das richtig mache. Oder ich musste nachweisen, dass ich so und so viele Kuranträge schon ausgefüllt habe.

Mir kommt es so vor, als ob ich in den 20 Jahren zwischen 1985 und 2005 Millionen von Kuranträgen ausgefüllt hätte. „Kurantrag ausfüllen“ ist nicht lustig, es macht keinen Spaß. Ich habe es nur gemacht, um meinen Patienten zu helfen.

Im besagten Jahr 2005 sollte ich nun 15 Kuranträge nachweisen. Wollte ich nicht. (Glaubt eigentlich irgend jemand, dass ein Allgemeinarzt in 20 Jahren keine 15 Kuranträge zusammen bekommt?) Zur Fortbildung wollte ich aber auch nicht und meine Kollegen in der Nachbarschaft hatten auch keine Lust. (Haben wir eigentlich nichts besseres zu tun?)

Genehmigung zur Verordnung von Leistungen zur medizinischen Rehabilitation gemäß der Rehabilitations-Richtlinie nach § 92 Abs. 1 Satz 2 Nr. 8 SGBV vom 16.03.2004 in Verbindung mit der Qualitätssicherungsvereinbarung gemäß § 135 Abs. 2 SGBV vom 01.03.2005 – so heißt übrigens die Lizenz zum Kur – Verordnen.

Keiner will mehr Kuranträge ausfüllen

Also blieb ich ohne Genehmigung zur Verordnung von Leistungen zur medizinischen Rehabilitation gemäß…. Ich erkundigte mich bei den zuständigen Stellen, wer denn noch dem Patienten zur Kur verhelfen dürfte.

Die Liste mit zehn Adressen kam postwendend. Meine Sprechstundenhilfen telefonierten sich die Finger wund. Der eine Kollege wollte nicht, der andere war verstorben, der dritte durfte gar nicht – er stand nur aus Versehen auf der Liste.

Schließlich blieben zwei übrig. Der eine war der Meinung, mein Patient braucht gar keine Kur. Der andere durfte zwar Kuren beantragen, wollte dies aber nicht mehr für andere übernehmen.

Also bin ich zu Kreuze gekrochen, habe 15 Kuranträge irgendwo zusammengesucht und den Antrag gestellt.

Nunmehr darf ich, der schon seit 20 Jahren Kuranträge stellt, dies auch weiterhin tun.

Ärzte können keine zwei Formulare unterscheiden

Man hat aber festgestellt, dass Ärzte nicht wissen können, welches Formular das richtige ist.

Deshalb hat man das „Formular Nr. 60“ erfunden. Das Formular Nr. 60 ist – man glaubt es nicht – der Antrag auf einen Kurantrag. (In Wirklichkeit heißt es natürlich viel bedeutender, das habe ich aber vergessen.) Das Formular Nr. 60 geht zur Krankenkasse, dann erhält man postwendend das Formular Nr. 61, wenn die Krankenkasse zuständig ist. Ist stattdessen z.B. die Rentenversicherung zuständig, dann wird das entsprechende Formular für die Deutsche Rentenversicherung geschickt. Kann aber auch sein, dass die Krankenkasse nur mitteilt, man möge doch lieber dort das Formular anfordern.

Kurz zusammengefasst: Das Formular Nr. 60 wurde erfunden, weil ein Mensch mit Abitur, abgeschlossenem Medizinstudium, 5 Jahren Weiterbildung und 20 Jahren Berufserfahrung nicht in der Lage ist, zu erkennen, ob die Rentenversicherung oder die Krankenversicherung für den Kurantrag zuständig ist.

Es ist noch keine zwei Wochen her: Ich stelle einen Antrag auf Formular Nr. 60, den Antrag auf den Kurantrag. Ich bekomme den falschen Antrag zurück. Ich weiß, das dieser Antrag falsch ist. Die Patientin ist Rentnerin, da bezahlt die Rentenversicherung keine Kur. Ich fülle den Antrag trotzdem aus. Zwei Wochen später: Die Patientin kommt wieder in meine Praxis.

Die Krankenkasse hat ihr kommentarlos einen zweiten Antrag geschickt – den richtigen.

Ist jetzt jedem klar, womit wir unsere Zeit verbringen und warum die Kosten des Gesundheitssystems nicht in den Griff zu kriegen sind?

Quellen

Eigene Erfahrung

Rehaklinik: Ärzte füllen keine Kuranträge mehr aus

Bild: © El-Fausto auf pixelio.de

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Kürzlich bemerkte ein Kollege von mir in einer Diskussion, die beste Lösung für die Gesundheitsreform in Deutschland wäre eine Kombination aus holländischer Ausbildung und dänischem Gesundheitswesen.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich das dänische Gesundheitswesen bisher überhaupt nicht kannte. Ich habe mich also schnell hingesetzt und nachgeforscht. (Das holländische System ist mit einigermaßen vertraut, wir kommen später drauf zurück.) Und hier sind die Ergebnisse: Die Pluspunkte und die Nachteile des dänischen Gesundheitssystems aus meiner Sicht.

1.) In Dänemark gibt es nur eine Krankenkasse. Ein enormer Kostenvorteil, wie ich denke. Ich habe noch nie verstanden, warum wir 220 Stück davon in Deutschland brauchen. Jede Däne und jeder in Dänemark lebende EU-Ausländer ist automatisch krankenversichert.

2.) Das dänische Gesundheitssystem wird über Steuern finanziert. Die Finanzierung über Steuern finde ich wesentlich gerechter als die über Krankenkassenbeiträge. Somit tragen auch höhere Einkommen mehr zur Finanzierung der Krankheitskosten bei, in Deutschland werden niedrige Einkommen relativ stärker belastet. (Auf Arbeits – Einkommen müssen in Deutschland nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze (5300 Euro West, 4500 Euro Ost) Beiträge zur Krankenversicherung abgeführt werden Wer mehr verdient, kann sich entweder privat versichern oder bekommt Rabatt bei der gesetzlichen Versicherung.)

3.) Nicht jeder Arzt darf seine Praxis gründen, wo er will. Ein örtlicher Ausschuss, besetzt mit Vertretern der Gesundheitsbehörde und der Ärzte entscheidet darüber, wo sich ein Arzt niederlassen darf. Das deutsche Problem: Überversorgung in den Städten und Ärztemangel auf dem Lande existiert nicht in Dänemark. Die ärztliche Versorgung ist flächendeckend garantiert bis auf die kleinste Insel.

4.) Die Patientenakte wird ausschließlich elektronisch organisiert und ist über das Internet einsehbar. Und zwar darf nicht nur der Arzt, sondern auch der Patient in seiner Akte lesen. Bei einer Notfallbehandlung kann die Akte vom behandelnden Arzt eingesehen werden. Die Notfallbehandlung wird sofort eingetragen, der Hausarzt ist sofort informiert. Das Rezept geht auf dem gleichen Weg zur Apotheke. Hat ein anderer Arzt als der Hausarzt in die Akte geschaut, wird der Patient informiert, das reicht den Dänen als Datenschutz. Alle im Krankenhaus erhobenen Befunde, Röntgenbilder etc. sind als Link in die Akte eingefügt. Ein Klick auf den Link und das Bild ist da! Ohne Zweifel wirft diese Vorgehensweise eine gewaltige Einsparung von Kraft, Mühe und Geld ab. In Deutschland wird sich dies vermutlich nie durchsetzen lassen, die Furcht vor dem gläsernen Patienten ist zu groß.

5.) In Dänemark ist ein strenges Hausarztsystem installiert. (Fast) jeder Däne ist bei einem Hausarzt registriert. Dieser ist sein erster Ansprechpartner in allen Fragen der Gesundheit und Vorsorge. Und bei den Hausärzten werden auch 90 % aller Behandlungen abgeschlossen. 3500 niedergelassene Allgemeinmediziner, 1000 Fachärzte und 3800 Zahnärzte versorgen die rund 5,5 Millionen Dänen. Herrschten deutsche Verhältnisse im Land der Dänen, dann wäre die Zahl der Fachärzte mehr als drei mal so hoch. Außer bei den HNO- und den Augenärzten gibt es ein Zugang zum Facharzt nur über den Hausarzt. Fachärzte sind in der Regel bei den Krankenhäusern angesiedelt.

Die Dänen scheinen mit diesem System zufrieden zu sein. Die Dänen können auch eine andere Variante der Krankenversicherung mit freiem Facharztzugang wählen. Das ist etwas teurer und der Patient muss die Kosten der Behandlung vorschießen. Nur 2 % der Dänen wählen diese Art der Versicherung.

Die Medizinerausbildung an den Universitäten ist auf die Ausbildung von Hausärzten zugeschnitten. Ähnlich wie in Deutschland dauert das Medizinstudium sechs Jahre, es folgt ein Praktikum von 18 Monaten und eine Weiterbildung zum Allgemeinarzt von weiteren fünf Jahren.

6.) Die Dänen sind zufrieden mit ihrem Gesundheitssystem. Jedenfalls ist die Gesundheitsreform kein Thema in Dänemark. Keine der bestehenden Parteien stellt das bestehende System grundsätzlich in Frage, Umfragen bei Patienten zeigen gute bis sehr gute Zufriedenheit.

Apropos Zufriedenheit: Den Hausärzten geht es blendend in Dänemark. Sie haben eine 37- Stunden Woche, verdienen dabei aber fast doppelt so viel wie ihre deutschen Kollegen. Dänemark ist Ärztezuwanderungsland – vor allem schwedische Kollegen lockt der höhere Verdienst. (Die frei werdenden Stellen in Schweden werden unter anderem von deutschen Ärzten aufgefüllt.) Im Gegensatz zu Schweden, die auch eine staatliche Einheitskrankenkasse besitzen, sind die Hausärzte in Dänemark Freiberufler wie in Deutschland, in Schweden dagegen Staatsangestellte.

7.) Das dänische Gesundheitssystem arbeitet kostengünstig. Die Ausgaben für Gesundheit – gemessen in Prozentanteilen am Bruttoinlandsprodukt – liegen weltweit am höchsten in den USA, in der Schweiz und in Deutschland. Dänemark liegt hingegen unter dem EU-Durchschnitt und genau im Durchschnitt der OECD-Länder.

Nun kann man ein 5-Millionen-Land schlecht mit einem 80-Millionen-Land vergleichen, trotzdem: Es scheint, als hätten die Dänen wichtige Einsparpotenziale aufgetan, ohne die Zufriedenheit der Beteiligten zu stören.

8.) Lange Wartezeiten auf (planbare) Operationen Die Dänen müssen mitunter lange auf eine neue Hüfte warten, länger als in Deutschland jedenfalls. Allerdings kann jeder Däne jedes dänische Krankenhaus in Anspruch nehmen und alle Krankenhäuser veröffentlichen die Wartezeiten im Internet. Muss der Patient länger als einen Monat auf den operativen Eingriff warten, dann kann er ihn auf Staatskosten auch im Ausland oder in einer Privatklinik vornehmen lassen.

Privatkliniken entstehen zunehmend in Dänemark, für die Behandlung in diesen Spezialeinrichtungen kann man eine private Krankenversicherung abschließen. Viele Gesundheitspolitiker kritisieren diesen Trend: Sie werfen den Versicherungsgesellschaften vor, sie würden Privatkliniken mit Defizit betreiben, nur um die Nachfrage nach privaten Krankenversicherungen künstlich zu schaffen.

9.) Ärztemangel zeichnet sich ab. Vor allem Hausärzte auf dem Land haben Probleme, Nachfolger für ihre Praxis zu finden. Auch in Dänemark wird die Arbeit auf dem Lande für Ärzte zunehmend unattraktiver. Immer mehr Frauen studieren Medizin, wie in Deutschland sind auch in Dänemark bereits 60 % der frischgebackenen Mediziner Ärztinnen. Und die bevorzugen Teilzeitstellen oder solche in der Nähe der Stadt, wo der Ehemann arbeitet und die Kinder bessere Betreuungs- und Schulmöglichkeiten haben. Nimmt der Frauenanteil an der Medizinerschaft zu, dann muss mehr Nachwuchs her, es müssen mehr Medizinstudenten ausgebildet werden. Frauen scheiden nun mal häufiger als Männer zeitweise aus dem Berufsleben wegen Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung aus. Diese Tatsache wurde und wird sowohl von deutschen als auch von dänischen Gesundheits- und Bildungspolitikern nicht erkannt.

10.) Hohe finanzielle Patientenbeteiligung beim Zahnarzt und bei Medikamenten. Die ersten 70 Euro im Jahr für Medikamente muss der Patient selbst bezahlen. Im Vergleich zu Deutschland ist das ungünstiger für die Leichtkranken, die nur wenig Medikamente brauchen. Für die Schwerkranken mit hohem Medikamentenbedarf wäre das dänische System von Vorteil.

Für den Zahnarzt zahlt die dänische Krankenkasse nur 25 % der Rechnung, den Rest trägt der Patient.

Fazit

Das dänische Gesundheitswesen kann nicht ohne weiteres in Deutschland übernommen werden. Die Struktur in Deutschland ist über Jahrzehnte gewachsen und kann nicht in einem Kraftakt umgebogen werden. Allerdings: Es gibt vieles, was wir meines Erachtens von den Dänen lernen können: Weniger Krankenkassen und mehr Hausärzte – das spart im Gesundheitswesen!

Übrigens: Ich würde mich freuen über Kommentare von Patienten, die das dänische Gesundheitswesen von innen – als Patient oder als Gesundheitsberufler – kennen gelernt haben.

Quellen

Dirk Schnack: Hausarztpraxis in Dänemark, Schleswig Holsteinisches Ärzteblatt 1/2002

Erfahrungsbericht einer Schweizer Ärztegruppe über das dänische Gesundheitswesen

WOZ – Die Wochenzeitung, 22.2.2007: Reinhard Wolff: Beispiel Dänemark

Rheinisches Ärzteblatt 2/2004: Das dänische Gesundheitssystem

Manuskript SWR: Billiger muss nicht schlechter sein – Was Gesundheit in anderen Ländern kostet, 1.9.2004

Rheinhessische Patienteninformation: Das Gesundheitssystem Dänemarks, 12.5.2004

SPD-Bundestagsfraktion: Internationale Studie Gesundheit, 1.9.2005

Heinz Bhend, Dänemark – hast du es gut!?, Primary Care, 8/2008

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