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Archive for 23. September 2008

Die Bundesärztekammer sagt: „Ja !“ – und die Ärzte müssen eine (extra) Vergütung erhalten, wenn sie diese Krankheit behandeln. Die Spitzenverbände der Krankenkassen sagen: „Nein !“, denn Beratung rund ums Rauchen gehöre zu den (pauschal) vergüteten Kernaufgaben der Hausärzte. (Und was zu den Kernaufgaben der Hausärzte gehört und bereits bezahlt wird, ist keine Krankheit.) Sabine Bätzing, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, möchte differenzieren: Suchtraucher, Schwerstabhängige – die brauchten medizinische Hilfe. (Die anderen dürfen weiterrauchen?)

Was ist eine Sucht?

Nach Pschyrembel’s Klinischem Wörterbuch (261. Auflage), einem Standardwerk seit Jahrhunderten, spricht man von einer körperlichen Sucht (= Abhängigkeit), wenn:

1.) eine Toleranz (= Gewöhnung) an das Suchtmittel eintritt, der Süchtige also immer mehr von der Droge vertragen kann und wenn

2.) nach dem Absetzen der Substanz Entzugssymptome auftreten: Unruhe, Depression, Schwitzen etc. oder der Süchtige die Substanz nur noch konsumiert, um diese Entzugssymptome zu vermeiden.

Eine seelische (psychische) Abhängigkeit zeigt sich neben anderem dadurch, dass eine Substanz weiter konsumiert wird, obwohl der Konsument genau weiß, dass er sich damit schadet.

(Ich habe die Pschyrembel Definition in meine eigenen Worte gefasst und nur die Teile wiedergegeben, die auf das Rauchen passen.)

Die Antwort ist also ziemlich eindeutig: Rauchen ist (in aller Regel) eine Sucht – in rund 90 % der Fälle. Die sogenannten „Genussraucher“ – Menschen, die nur hin und wieder qualmen, stellen die absolute Minderheit dar.

Schwere Entwöhnung, der Arzt als Vorbild ?

Nichtraucherkurse haben eine schlechte Erfolgsrate: Eine Abstinenzrate von 20 % nach einem Jahr gilt als gut.

Eigentümlicherweise wird der Rat des Arztes anlässlich einer akuten Erkrankung erstaunlich oft befolgt, das zeigen meine eigenen Erfahrungen. Leider vergessen wir den entscheidenden Hinweis zu oft in der Routine und Hektik des Alltags.

Rauchende Ärzte geben übrigens seltener den Hinweis auf das Rauchen als Ursache einer Krankheit als ihre nichtrauchenden Kollegen. Ärzte rauchen in Deutschland nicht öfter als die Durchschnittsbevölkerung, wie der Autor des Ärztehasserbuchs Dr. med. W. Bartens meint. 20 % der Ärzte rauchen, 33 % ihrer Patienten. Aber: 20 % sind noch zuviel. In den USA wird schon in der Ausbildung der Medizinstudenten Wert auf Nikotinabstinenz gelegt und die Vorbildrolle des Arztes betont. In den Vereinigten Staaten rauchen nur 5 % der Ärzte. Vielleicht sollte man hier einmal ansetzen.

Nach meiner Überzeugung ist Rauchen eine Abhängigkeitserkrankung. Eine besondere Vergütung brauchen die Ärzte nicht, um ihre Patienten von den Vorzügen der Nikotinabstinenz zu überzeugen. Aber etwas mehr Motivation und vielleicht noch ein bisschen mehr eigenes Nichtrauchertraning.

(Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Autor dieser Zeilen ist Exraucher.)

Quellen

Deutsches Ärzteblatt:BÄK: „Tabakabhängigkeit als Krankheit anerkennen“

Deutsches Ärzteblatt: „Kassen gegen Einstufung von Rauchern als Kranke“

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung zum Thema Tabakabhängigkeit

Süddeutsche Zeitung vom 26.04.2008: „Butterkuchen für alle“

Institut für Ärztegesundheit: „Wenn Ärzte rauchen“
Bild: Claudia35 auf Pixelio.de

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