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Archive for 20. Oktober 2008

Es ist wieder soweit: Alle Frauen in meiner Praxis im Alter zwischen 50 und 69 Jahren erhalten in diesen Tagen eine Einladung zur Röntgenuntersuchung der Brust (Mammographie), die zur Früherkennung des Brustkrebses dienen soll.

Viele Frauen gehen hin, ohne mich zu fragen, andere lehnen das Angebot rundweg ab. Andere fragen mich: „Was soll ich tun?“ und erwarten von mir eine klare Antwort in der Art von „Hingehen!“ oder „Zu Hause bleiben!“.

Leider ist die Antwort nicht so einfach und ich will hier erklären, warum das so ist.

Wem nützt die Vorsorgemammografie?

Das vorsorgliche Röntgen der Brust nutzt den Frauen, die einen Brustkrebs haben, der durch diese Untersuchung entdeckt wird, sonst aber nicht entdeckt worden wäre. Das ist aber noch noch nicht alles: Der Brustkrebs muss so klein sein, dass er noch gut zu heilen ist und die Frau durch die Behandlung zusätzliche Lebensjahre geschenkt bekommt.

Die Cochrane Collaboration, eine internationale wissenschaftliche Vereinigung, hat alle bekannten Untersuchungen weltweit zum Thema Mammografie analysiert und kommt zu folgenden Ergebnissen.

Unter 2000 Frauen, die 10 Jahre lang mammografiert werden ist eine, deren Leben durch diese Untersuchung verlängert wird.

Wem schadet die Mammografie?

10 Frauen unter den oben genannten 2000 Untersuchten werden in den 10 Jahren eine Krebsdiagnose erfahren und behandelt werden, ohne dass ihr Leben dadurch verlängert wird. Sie werden also unnütz behandelt. Außer den Nebenwirkungen der Behandlung (Operation, Bestrahlung, Chemotherapie) gehen ihnen auch etliche Jahre unbeschwerten Lebens verloren, weil die Krebsdiagnose wie ein Damoklesschwert über ihnen schwebt.

200 Frauen aus der gleichen Gruppe der 2000 erhalten in 10 Jahren die Mitteilung, dass „irgend etwas nicht stimmt“. Dies bedeutet meistens, dass zusätzliche Untersuchungen erforderlich werden: Ultraschalluntersuchungen zum Beispiel oder Probeentnahmen. Die Erfahrung zeigt mir, dass viele Frauen alleine diese Mitteilung, „das irgend etwas nicht stimmt“, nur sehr schwer verkraften können. Manchen ist die Stimmung für ein paar Wochen versaut, andere leiden jahrelang unter dem Schock und der Angst.

Die Mammografie arbeitet mit energiereicher Röntgenstrahlung. Theoretisch kann diese selbst Brustkrebs verursachen. Das Risiko ist aber so klein, dass es schwer ist, verlässliche Zahlen darüber zu finden.

Manche Frauen empfinden den Druck, der auf die Brust durch das Gerät ausgeübt wird, als schmerzhaft.

25 % weniger Brustkrebstote durch Mammografie ?

„Durch die Früherkennungsmammografie wird die Sterblichkeit an diesem Krebs um 25 % gesenkt“, das ist eine häufige Aussage der Befürworter dieser Reihenuntersuchung.

Stimmt und stimmt nicht, möchte ich dagegen sagen. Sie stimmt, weil der Prozentsatz richtig ist, sie stimmt nicht, weil sie einen vollkommen falschen Eindruck erweckt.

Es verhält sich so: Von 1000 Frauen, die zehn Jahre lang regelmäßig zur Mammografie gehen, sterben sechs nach Angaben der Deutschen Krebsgesellschaft an Brustkrebs, von 1000 anderen Frauen, die sich nicht untersuchen ließen, sterben acht. Tatsächlich wurde die Sterblichkeit um 25 % gesenkt – aber andererseits gingen 998 von 1000 Frauen zehn Jahre lang völlig überflüssig zum Röntgen, manchen von ihnen schadete dies sogar.

Nun verstehen Sie, liebe Patientinnen, vielleicht, warum die Antwort auf die Frage: „Hingehen oder zu Hause bleiben ?“ für ihren Arzt nicht so ganz einfach ist.

Quellen und weiterführende Links

Deutsche Krebsgesellschaft: Die Mammografie

Nationales Netzwerk Frauen und Gesundheit: Informationen zur Mammografie – eine Entscheidungshilfe (Broschüre als PDF-Datei herunterzuladen)

Deutsches Ärzteblatt vom 18.10.2006: Cochrane: Neue Zweifel am Wert der Mammographie

The Cochrane Library: [Review]
Screening for breast cancer with mammography

www.ein-teil-von-mir.de – Webseite der Kooperationsgemeinschaft Mammographie in der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung GbR

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