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Archive for 30. Juni 2009

259062_R_K_B_by_Gerd-Altmann-geralt-_pixelio.deFoto: © Gerd Altmann auf Pixelio.de

Ist das Insulin Glargin, unter dem Handelsnamen Lantus im Handel, krebsfördernd? Dieser Verdacht wurde am Wochenende durch mehrere Presseveröffentlichungen gefördert und prompt erhielt ich am Montagmorgen Anfragen von Patienten in meiner Praxis.

Meine klare Antwort: Man weiß es (noch) nicht. Es wurden am Wochenende insgesamt fünf verschiedene Studien bekannt, deren Ergebnisse auf jeden Fall sehr verwirrend sind.

Widersprüchliche Studienergebnisse

Studie eins kam vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftlichen Institut der AOK. Es wurden Daten von 130.000 Patienten der AOK, die Lantus oder ein herkömmliches Humaninsulin erhalten haben, ausgewertet. Verglich man die beiden Gruppen, stellte man weniger Krebsdiagnosen bei den mit Lantus behandelten Patienten fest. Allerdings hatten Patienten, die mit Lantus behandelt wurden, durchschnittlich weniger Insulin erhalten als die mit herkömmlichem menschlichem Insulin therapierten.

Das IQWiG rechnete nun die Krebsfälle pro injizierter Lantusdosis aus und kam damit auf eine (gering) erhöhte Krebshäufigkeit.

Die vier anderen Studien kamen zu deutlich abweichenden Ergebnissen. Eine schwedische, eine schottische und eine englische Studie konnten keinen Zusammenhang zwischen Lantus und Krebs nachweisen. Eine Studie des Herstellers, die eigentlich die Wirkung auf Netzhauterkrankungen des Diabetikers untersuchen sollte, lieferte sogar eine geringere Krebsrate unter Lantus, verglichen mit den anderen Insulinpräparaten.

Die Lage ist unklar, sollte aber alle Patienten, deren Diabetes mit Lantus gut eingestellt ist, nicht beunruhigen. Insulin ist ein wachstumsförderndes Hormon. Jedes Insulin, auch das körpereigene aus der Bauchspeicheldrüse, kann vorhandene Tumore in ihrem Wachstum fördern. Insulin erregt aber keinen Krebs, das heißt, es verwandelt keine gesunde Zelle in eine Krebszelle.

Weitere Studien sind erforderlich, um die Lage zu klären. Wenn Sie beunruhigt sind, sprechen Sie bitte mit Ihrem Hausarzt. Setzen Sie aber auf keinen Fall Ihre Lantus-Spritzen ab.

Alle Studien sind leider nur auf Englisch und nur im Format PDF nachzulesen, Sie finden sie als Link im Bericht des Deutschen Ärzteblatts.

Was sind Insulinanaloga?

Insulin Glargin wurde 2000 als Medikament in Deutschland zugelassen. Menschliches Insulin ist aus 51 Aminosäuren aufgebaut. Beim Insulin Glargin wurden vier Aminosäuren ausgetauscht, um die Wirkungsdauer zu verlängern. Insulin Glargin wird zu den sogenannten Insulin-Analoga gerechnet, sie unterscheiden sich von dem herkömmlichen zur Therapie verwendeten Humaninsulin in einer oder mehrerer Aminosäuren, sie wirken teils kürzer (Lispro, Insulinaspartat, Insulin Glulisin), teils länger (Insulin Glargin, Insulin Detemir) als die bisher verfügbaren Präparate.

Bei den kürzer wirkenden Analog-Insulinen, die zu den Mahlzeiten gespritzt werden, wird der fehlende Spritz-Eß-Abstand und die geringere Rate an Unterzuckerungen einige Stunden nach der Mahlzeit als Vorteil gesehen. Der Patient werde dadurch unabhängiger, er könne sofort nach dem Spritzen mit der Mahlzeit beginnen und könne auf eine Zwischenmahlzeit verzichten.

Bei den langwirkenden Analog-Insulinen wird die echte 24 Stunden Wirksamkeit als Vorteil gesehen. Langzeitinsuline werden meist abends gespritzt, durch den sehr langsamen Anstieg der Wirksamkeit sollen nächtliche Unterzuckerungen vermieden werden.

Kritiker sehen allenfalls minimiale Vorteile der neuen, veränderten, gegenüber den alt eingeführten, unveränderten Humaninsulinen. Sie fürchten unbekannte Nebenwirkungen, die Diskussion um den Krebsverdacht ist so alt wie die Inuslinanaloga selbst. Die kritischen Stimmen sind außerdem der Meinung, dass der Mehrpreis für die Neuentwicklungen sich nicht auszahlt.

Die gültigen Arzneimittelrichtlinien, die für jeden Vertragsarzt in der Behandlung von gesetzlich Versicherten bindend sind, schließen eine Verordnung von Insulinanaloga weitgehend aus, wenn sie Mehrkosten im Verhältnis zu den herkömmlichen Insulinen verursachen. (Für bestimmte Fälle wurden allerdings Ausnahmeregelungen geschaffen.)

Quellen

Deutsches Ärzteblatt: „Insulinanalogon Glargin unter Krebsverdacht“, dort auch alle weiterführenden Links

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