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Archive for 13. Januar 2010

Es ist ganz still und dennoch pfeifft, rauscht, klopft oder knackt es in Ihrem Ohr, das nennt der Fachmann Tinnitus. Niemand weiß so ganz genau, woher das kommt. Niemand weiß so ganz genau, was dagegen hilft. Eines scheint mir dagen sicher zu sein: Lassen Sie sich bitte nicht verrückt machen! Der schlimmste Schaden des Tinnitus sind die Sorgen, die er auslöst. Und durch diese Sorgen wird er immer schlimmer. Also das Wichtigste diesmal ganz am Anfang: Der Tinnitus ist kein Vorbote von Schlaganfall und Herzinfarkt und er weist auch nicht auf eine drohende Geisteskrankheit hin. Ein Tinnitus ist ein Tinnitus und am besten straft man ihn mit Verachtung.


© rebel auf Pixelio.de

Tinnitus ist ein Symptom

Erstmal ist Tinnitus ein Symptom, also ein Anzeichen für etwas anderes. Wenn Sie schon mal bei einer Blutentnahme bewußtlos wurden, dann können Sie sich vielleicht auch noch an das intensive Pfeiffgeräusch erinnern, bevor Ihnen schwarz vor Augen wurde. Tatsächlich erschien mal bei mir ein Patient, bei dem hat sich eine Fliege im Gehörgang verirrt und konnte da nicht wieder raus. Diese Art von Tinnitus ist sehr selten, ich löse diese Problem mit einer Ohrenspritze und Wasser. Die Fliege überlebt nicht dabei.

Manchmal klingelt es auch im Ohr, wenn das Hörvermögen nachlässt. Dann kann ein Hörgerät helfen. Die meisten Menschen (mehr als 90 %, habe ich mir sagen lassen) entwickeln einen Tinnitus, wenn sie einige Zeit in einem wirklich stillen Raum verbringen. Somit wäre der Tinnitus so etwas wie der Phantomschmerz des Hörnerven: Gibst Du mir nichts zu hören, dann mach ich mir meine eigenen Geräusche!

Probleme mit der Halswirbelsäule oder dem Kiefergelenk sollen ebenfalls einen Tinnitus auslösen können. Aber da bin ich skeptisch: Tinnitus und Schmerzen an der Halswirbelsäule, beides gibt es so oft, da muss es einfach eine Reihe von Patienten geben, bei denen beides gleichzeitig auftritt. So richtig aussagekräftige Untersuchungen zum Zusammenhabg zwischen Klingeln im Ohr und Schmerzen im Nacken oder beim Kauen kenne ich nicht.

Von gutartigen Tumoren am Hörnerven oder von der Menière-Krankheit will ich jetzt nicht reden. Nur soviel: Auch sie können Tinnitus hervorrufen, aber in der Regel gibt es noch andere Symptome, die den aufmerksamen Arzt auf die richtige Fährte leiten.

Tinnitus gibt‘ s auch, wenn die Musik in der Disco zu laut war (was eigentlich immer der Fall ist) oder der Discman zu weit aufgedreht wurde. Neben diesem Lärmtrauma gibt es auch noch das Knalltrauma als Tinnitus-Ursache, wenn man zu nahe beim Jäger stand (bevor die Flinte losging) oder der Kanonenschlag zu Silvester ganz nah am Ohr gezündet hat.

Depression, Stress und Angst: Verursachen sie Tinnitus? Keine Ahnung, vielleicht richtet der Mensch in diesen Situationen seine Aufmerksamkeit verstärkt auf das Geräusch. Manchmal wird es ihm dann unerträglich.

Zuviel Aspirin® (Acetylsalicylsäure) oder Chinin (auch in Limonaden und in Medikamenten gegen Wadenkrämpfe) kann Klingeln in den Ohren auslösen.

Tinnitus ist eine Krankeit …

… wenn keine Ursache gefunden wurde. Dann spricht man vom idiopathischen Tinnitus, auf Deutsch will der Arzt damit sagen: „Weiß auch nicht, woher das kommt.“

Volkskrankheit Tinnitus

Selten ist der Tinnitus beileibe nicht: Nach Angaben des Robert Koch-Instituts in Berlin erinnert sich ein Viertel aller Deutschen über 10 Jahre schon einmal an ein Ohrgeräusch in ihrem Leben. Bei 4 % der Befragten piepste, pfiff oder knackte es in den Ohren zum Zeitpunkt des Interviews. Je älter der Mensch, um so häufiger der Tinnitus, aber auch Kinder können schon darunter leiden. Apropos Leiden: Nur ein Drittel der Befragten litt wirklich unter dem Ohrgeräusch, also etwas mehr als ein Prozent. Immerhin: Fast eine Million Deutsche fühlen sich nicht wohl, weil der Tinnitus ihnen zu schaffen macht.

In allen westlichen Industrieländern tritt der Tinnitus gleich häufig auf.

Was tun bei Tinnitus?

Es gibt so gut wie keine wirksame Behandlung bei Tinnitus, wenn keine Ursache gefunden wurde. Leider (oder glücklicherweise) ist dies bei der überwiegenden Mehrzahl der Tinnituspatienten der Fall, also bei den meisten kann keine Ursache gefunden werden.

Wenn Sie erstmalig ein Ohrgeräusch bei sich bemerken, sollten sie Ihren Hausarzt aufsuchen. Je nachdem, was er bei der Untersuchung feststellt, wird er ihnen eine Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung vorschlagen oder Sie weiter überweisen, z.B. zum HNO-Spezialisten. In den allermeisten Fällen wird er keine Grunderkrankung feststellen und in diesen Fällen heißt es: Ruhe bewahren und den Tinnitus ignorieren, soweit es geht.

Für die Patienten, die durch die Sensations-Presse, durch einen Modearzt, durch Angehörige und Nachbarn oder sonst wen übermässig verunsichert wurden, hilft nachweislich eine spezielle Form der Psychotherapie: die sog. Kognitive Verhaltenstherapie. Das Ohrgeräusch wird dadurch auch nicht leiser, aber man lernt, mit ihm zu leben. Besser ist es, sich von vornherein nicht verrückt machen zu lassen.

Quellen

Karl C. Meyer, Neurologe und Psychiater: „Tinnitus – Mythen und Fakten“

Gesundheitsinformation. de zum Thema

Die Cochrane Library zum Thema Therapie bei Tinnitus (englisch)

Robert Koch-Institut: „Hörstörungen und Tinnitus“ – pdf-Datei

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