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Archive for 6. Oktober 2011

Die Grippezeit naht, Impfungen gegen die Virusgrippe haben bei uns in der Praxis jetzt Hochkonjunktur. Fast bei keiner anderen medizinischen Maßnahme gibt es so viele Missverständnisse wie bei der Grippeimpfung.

Grippeimpfung bei der Navy


„Nach der Impfung habe ich gerade erst richtig die Grippe bekommen!“

Diesen Satz höre ich oft von Patienten, die sich früher regelmäßig gegen Grippe impfen ließen, jetzt aber die Impfung kategorisch ablehnen. Dabei haben meine Patienten völlig recht. Sie waren sterbenskrank nach der Impfung, doch hatte dies oft gar nichts mit der Grippeimpfung zu tun. Viele lassen sich erst dann impfen, wenn die Grippewelle schon so richtig im Gange ist; wenn die Zeitungen und das Fernsehen täglich darüber berichten, wie die Grippe das Arbeitsleben lahm legt, die Krankenhäuser überfüllt und die Sterbefälle ansteigen. Das passiert jedes Jahr zu einem etwas unterschiedlichen Zeitpunkt und die Grippewelle ist auch mal stärker und mal schwächer. Im letzten Winter verlief sie sehr bescheiden etwa von Ende Dezember bis Anfang März. Die Grippeimpfung braucht aber zwei Wochen, bis sie wirkt. Wer sich impfen lässt, wenn alles um ihn herum schon schnauft und schnieft, der hat den (Influenza-)Virus möglicherweise schon in sich, wenn er die Grippespritze bekommt. Erkrankt wäre er an Grippe so oder so, die Impfung hat nichts damit zu tun.

200 verschiedene Viren verursachen „grippale Infekte“

Es kann natürlich auch sein, dass unser Impfskeptiker sich einen ganz anderen Virus eingefangen hat als den Influenzavirus. Die Grippeimpfung schützt aber nur vor der „echten“ Grippe, ausgelöst durch Influenzaviren. Auch die anderen Erkältungen können ganz schön heftig verlaufen. Die Grippeimpfung schützt nicht davor.

Schutz bei weitem nicht zu 100%

Aber auch vor der echten Grippe schützt die Impfung nicht zu hundert Prozent. Das hat mehrere Gründe. Zum einen kann der Virusmix falsch sein und gegen andere Grippeviren gerichtet sein, als tatsächlich zu uns kommen. Grippeimpfstoffe werden aufgrund der Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO hergestellt. Die WHO nimmt an, dass die Grippeviren, die im letzten Sommer auf der Südhalbkugel die Menschen heimgesucht haben, uns im kommenden Winter im Norden quälen werden.

Das hat was für sich, muss aber nicht sein. Grippeviren sind erfinderisch und ändern sich dauernd. Wann genau sie sich mal wieder verwandeln, weiß niemand. Im Moment lautet die Empfehlung der WHO, denselben Impfstoff zu verwenden, wie er im letzten Jahr zur Anwendung kam. Trifft die WHO-Empfehlung ins Schwarze, schützt die Impfung diesmal gut, kommt ein anderer Virus, ist die Wirkung schwach.

Aber auch bei einem total gut passenden Virusmix ist der Schutz gegen eine Grippeerkrankung alles andere als vollständig. Die Daten aus den vorhandenen Studien sind aber sehr unterschiedlich: Es gibt Studien, die zeigen nur 25 % Schutz, andere bis zu 90 %. Große Studien zur Grippeimpfung sind schwer durchzuführen. Würden Sie gerne als Proband an einer Studie teilnehmen, bei der Sie nicht wissen, ob Sie eine Grippeimpfung oder nur ein Placebo gespritzt bekommen?

Schutz abhängig vom Alter

Je älter der Mensch, desto schwächer reagiert er auf Impfungen. So nimmt die Reaktion genau in den Altersgruppen ab, in der der Schutz am wichtigsten wäre: bei den über 60 jährigen. Gerade alte Menschen sind besonders von Grippekomplikationen betroffen, reagieren aber mit zunehmendem Alter zunehmend schwächer auf die Impfung. Einen Vorteil können aber die älteren Menschen trotzdem verbuchen: Gegen Viren, die schon vor vielen Jahren zirkulierten, sind sie immer noch immun. Das zeigte sich bei der Schweinegrippe – hier wurden die Alten selten krank. Übrigens: Die Impfung der Kontaktpersonen alter Mensch ist oft sehr viel ergiebiger ist als die der Alten selbst. Würde man die Enkel, die Altenpfleger und die behandelnden Ärzte impfen, könnte man eine deutliche Verbesserung des Impfschutzes erreichen.

Wer sollte sich impfen lassen?

Geimpft werden sollten:

* Alle Menschen, die älter sind als 60 Jahre

* Alle Menschen, die eine chronische Erkrankung wie z.B. Diabetes, eine Herz- oder Lungenerkrankung haben

* Alle Menschen, die in Berufen mit reichlich Publikumsverkehr arbeiten

* Alle Menschen, die andere Hochrisikogruppen anstecken könnten, z.B. Altenpfleger, Krankenschwester und Pfleger, Ärzte

* Alle Menschen, die in Heimen leben

* Ale Menschen mit Abwehrschwäche, z.B. durch AIDS, Organtransplantation etc.

* Alle Schwangere im zweiten und dritten Drittel der Schwangerschaft

* Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose, die sich durch Grippe verschlechtern

Und die Nebenwirkungen?

Ja, die gibt es, wie bei allen medizinischen Maßnahmen, die wirklich etwas wirken. Die Grippeimpfung ist allerdings gut verträglich.

Im wesentlichen gibt es vier Gruppen von Nebenwirkungen.

* Zur ersten Gruppe von Nebenwirkungen, die bei zwischen eins und vier Prozent der Geimpften auftritt, zählen Fieber, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen – eine abgeschwächte Grippe also.

* Über Schmerzen an der Injektionsstelle klagen 0,8 % der Geimpften.

* Allergische Reaktionen sind sehr selten und betreffen vor allem Menschen, die an einer Allergie gegen Hühnereiweiß leiden.

* Das Guillain-Barré-Syndrom ist eine schwerwiegende Erkrankung des Nervensystems. Es tritt ohne Grippeimpfung ca. in 20 Fällen auf 1 Million Einwohnern auf. Die Ursachen sind weitgehend unbekannt, auch Viruskrankheiten werden als Auslöser diskutiert. Die Grippeimpfung erhöht das Risiko um 1,6 Fälle/ Million Geimpfter.

Nebenwirkungen sind demnach kein Grund, die Grippeimpfung zu versäumen.

Impfung gesunder Erwachsener bringt keinen Vorteil

Leider zeigt sich in einer Vielzahl von Studien, dass die Impfung gesunder Erwachsener keinen gesundheitlichen Vorteil bringt. Noch nicht einmal die Zahl der „gelben Scheine“ wegen grippaler Infekte wird dadurch verringert.

Schlussfolgerung

Der Effekt der Grippeimpfung ist schwer abzuschätzen.Der Nutzen ist am größten bei alten, kranken und abwehrgeschwächten Menschen, bei Gesunden geht er gegen Null. Schwestern, Pfleger und Ärzte schützen weniger sich selbst als ihre Klienten. Die geringe Zahl von Nebenwirkungen bedeutet für mich: Im Zweifelsfall impfen!

Quellen

Impfempfehlungen des Robert Koch.Instituts

Epidemiologisches Bulletin vom 1.8.11

RKI: Informationen über aktuelle Grippeimpfstoffe

Empfehlungen der Ständigen Impfkommission zur Grippeimpfung

Verlauf der Grippe in der Saison 2010/2011 auf den Seiten des RKI

Vaccines for preventing influenza in the elderly – Eine Übersichtsarbeit in der Cochrane Library

Influenza vaccination for healthcare workers who work with the elderly – Cochrane Review

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Das neue Statistische Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland ist erschienen. Man kann es sogar kostenlos als Pdf herunterladen.

Logo des Statistischen Bundesamtes


Das Statistische Jahrbuch wird jährlich vom Statistischen Bundesamt mit Hauptsitz in Wiesbaden veröffentlicht. In ihm stecken eine Fülle von Informationen, die für alle Menschen, die sich z.B. für Gesundheit und Gesundheitspolitik interessieren, hoch interessant sind.

Die Lebenserwartung neu geborener Mädchen liegt heute bei 82,4 Jahren und damit um 13 Jahre höher als 1950, ein heute geborener Junge darf mit 77 Jahren durchschnittlich 13 Jahre länger leben als vor 60 Jahren. Dafür gibt es immer weniger Geburten: Im letzten Jahr wurden 8 Kinder pro tausend Einwohner gezählt, 1950 war die Geburtenrate doppelt so hoch: 16 Kinder auf tausend Einwohner. Damit liegt Deutschland international auf den letzten Plätzen, auch wenn wir uns mit den westlichen Industriestaaten vergleichen: z.B. mit Frankreich mit 13 und den USA mit 14 Neugeborenen pro Tausend Einwohnern im letzten Jahr.

Noch eine Zahl zum Schluss: Die überwiegende Zahl der Erwerbstätigen (rund 40 Mio.) arbeiten nicht im produzierenden Gewerbe, sondern im Bereich der Dienstleistungen. 10 % aller Beschäftigten haben ihren Arbeitsplatz im Gesundheitswesen – auch diese Zahl sollte bei zukünftigen Gesundheitsreformen bedacht werden.

Quelle

Statistisches Jahrbuch 2011 in Teilen oder auch komplett zum kostenlosen Downlaod als pdf.

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