Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for the ‘Arzneimittelregress’ Category

Eine Untersuchung der Schwäbisch Gmündener Ersatzkasse (GEK) brachte es ans Tageslicht: Die Deutschen gehen so oft zum Arzt wie (vermutlich) kein anderes Volk der Erde.

Wir nehmen jetzt erstmal an, die Daten stimmen. Sicher ist das nicht. Die Gebührenordnungen wechseln in Deutschland im Jahrestakt. Mittlerweile sind Abrechnungsziffern pauschalisiert. Die Untersuchung der GEK beruht auf der Analyse der Abrechnungsziffern. Pauschalisiert heißt: Ob Sie einmal, zweimal oder zehnmal im Quartal zum Arzt gehen – das ändert nichts an der Ziffer. Die Krankenkasse erfährt nichts davon, das Honorar des Arztes bleibt gleich. Die Zahlen der GEK sind geschätzt, nicht exakt erhoben.

Sind wir wirklich so wehleidig, und rennen wir viel zu oft zum Arzt? Ich glaube kaum. Verschiedene Gesundheitssysteme in verschiedenen Ländern sind schwer zu vergleichen. Man kann nicht einfach einen Punkt heraus picken, man muss auch das Ganze sehen.

Wussten Sie z.B., dass Sie in Holland nicht zum Arzt müssen, um den „gelben Schein“ zu erhalten?

Wussten Sie z.B., dass es in Deutschland ein ganz bösartiges System gibt, bei dem die Arzneikosten eines Arztes durch die Zahl der Patienten im Quartal geteilt werden? Überschreitet der Arzt die (zugebilligten) Arzneikosten pro Patient im Quartal, dann muss er den Überschuss möglicherweise selbst bezahlen.

Also eigentlich könnte Ihr Hausarzt Ihnen Ihr Dauermedikament für ein halbes oder ein ganzes Jahr verordnen, vorausgesetzt, es wären keine weiteren Kontrollen nötig. Geht aber nicht, weil er dann nur die Hälfte oder nur ein Viertel der nötigen Patienten im Quartal hat, was wiederum die Arzneikosten auf das Doppelte oder Vierfache pro Patient hochschnellen lassen würde. Das wäre sein Ende als Hausarzt…

In Norwegen z.B. erhält der Hausarzt eine Pauschale pro Patient – egal ob er zum Arzt geht oder nicht. In Deutschland muss jeder chronisch kranke Patient wenigstens zweimal im Vierteljahr kommen, damit der behandelnde Arzt das volle Honorar erhält.

Anderseits erhält der Arzt für einen schwerkranken (Krebs-)Patienten, den er im Quartal 30 oder 40 Mal sieht oder zu Hause besucht, genauso viel wie für den leichtkranken, grenzwertig Zuckerkranken, der zweimal in drei Monaten die Praxis aufsucht.

In Deutschland ermöglicht die Chipkarte der Krankenkasse den Zugang zu jedem Facharzt. Ein Patient mit Rückenschmerzen kann also seinen Hausarzt, den Orthopäden und vielleicht auch noch den Urologen nacheinander besuchen. Vermutlich ist das nicht sinnvoll, aber keiner will das zur Zeit ändern.

In anderen Ländern Europas wie z.B. in Norwegen (drei Arztbesuche pro Jahr) ist das anders: Hier ist der Hausarzt vorgeschaltet. Durch seine Steuerung und Koordination werden überflüssige und vor allem auch doppelte Untersuchungen vermieden.

Quellen

Barmer GEK Arztreport 2010 Viele Patientenkontakte, wenig Zeit

„Diagnose Achtzehn“ Von Dr. med. Bernd Hontschik auf FR Online

Bild: © Rainer Sturm auf pixelio.de

Read Full Post »

Turmbau zu Babel

Zweiundsiebzig verschiedene Sprachen, das war die göttliche Strafe für die Überheblichkeit der Menschen, die sich im Turmbau zu Babel zeigte. Das Pfingstwunder soll diese babylonische Sprachverwirrung überwunden haben. Kein Wunder zeigte sich in diesem Jahr zu Pfingsten bei einem der Dokumente, mit der der Vertragsarzt (früher: Kassenarzt) schon seit über 15 Jahren leben muss und das wahrlich mehr Verwirrung als Klarheit schafft. Die Rede ist von den Arzneimittelrichtlinien, die zum 1.4.2009 weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit eine neue Fassung erhalten haben.

Was regeln die Arzneimittelrichtlinien?

Die Arzneimittelrichtlinien werden vom Gemeinsamen Bundesausschuss erlassen und regeln verbindlich, was der Arzt seinen Patienten, die in den gesetzlichen Krankenkassen versichert sind, an Medikamenten verschreiben darf.

Dagegen kann man erst mal gar nichts einwenden – völlig klar, das nicht jeder alles verschreiben kann, was und wie viel er will. Wo ist also das Problem? Das Problem liegt in der absoluten unklaren, sprachlich schwammig und unnötig komplizierten, verzettelten Form.

Kommt die Krankenkasse zu der Ansicht, ein Arzt habe sich mit seiner Verordnung von Medikamenten nicht an die Arzneimittelrichtlinie gehalten, so stellt sie einen Regressantrag gegen den Arzt. Der Arzt kann dem widersprechen, kommt die zuständige Prüfungsstelle zu der Meinung, die Krankenkasse habe Recht, dann muss der Arzt die Medikamente, die er seinem Patienten verschrieben hat, aus eigener Tasche bezahlen.

Die Krankenkassen stellen die Anträge oft Jahre später, das gibt dann eine größere Ausbeute – so kann man dem Arzt Verordnungen mehrer Jahre von seinem Honorar abziehen.

Natürlich hat der Arzt die Möglichkeit, vor dem Sozialgericht zu klagen. Das kostet Geld und Zeit. Im Zweifelsfall wird er bei einer Summe von einigen hundert Euro zähneknirschend bezahlen, das nächste Mal wird er bei der Verordnung eben ein bisschen vorsichtiger sein als bisher – und genau das wollte die Krankenkasse ja auch erreichen.

Verwirrende Sprache in 12 Anlagen

Sie können hier den ganzen Text der Richtlinie herunterladen und werden sich zunächst wundern: Was will der denn? Na klar, die ganze Richtlinie hat nur 38 Seiten – der Teufel steckt im Detail und hier heißt das Detail „Anlagen“. Davon gibt es 12, elf offizielle und auch die sogenannte „Negativliste“ ist noch als zwölfte Anlage beigefügt.

Interessant für die tägliche Arbeit sind für mich vier: Die Anlage 1 mit dem Titel „OTC-Übersicht“, die Anlage 3 – „Übersicht über Verordnungseinschränkungen und – ausschlüsse“ – , die Anlage 4: “ Therapiehinweise“ und die „Negativliste“.

Die Anlage 1 mit dem harmlosen Titel ist gar nicht das, was sie vorgibt zu sein. Sie ist eben keine OTC-Übersicht. „OTC“, das ist Englisch und heißt „Over the Counter“, „über den Ladentisch“. Es bezieht sich auf Medikamente, die zwar apothekenpflichtig, aber nicht verschreibungspflichtig sind, sie können diese Medikamente also ohne Rezept in der Apotheke kaufen.

Medikamente, die nicht verschreibungspflichtig sind, können nicht mehr auf Kassenrezept verordnet werden. Aber es gibt Ausnahmen und die sind in der „OTC – Übersicht“ auf 5 Seiten in 46 Punkten zusammengefasst. Da steht dann also z.B. drin, dass Abführmittel, die ja in der Regel rezeptfrei in der Apotheke zu kaufen sind, bei Therapie mit Morphinpräparaten auch zu Lasten der Krankenkasse verordnet werden dürfen. Oder Eisenpräparate bei gesicherter Blutarmut durch Eisenmangel und vieles anderes mehr.

Die sogenannte „OTC-Übersicht“ gibt also die Ausnahmen vor, bei denen ich als Vertragsarzt meinen Patienten Medikamente auf Kassenrezept verschreiben darf, die nicht verschreibungspflichtig sind.

Weiter geht’s zum nächsten Anhang, sprich zur nächsten Liste, ich darf den Titel ausnahmsweise mal in ganzer Länge zitieren:

Anlage III – Übersicht über Verordnungseinschränkungen und -ausschlüsse in der Arzneimittelversorgung durch die Arzneimittel-Richtlinie und aufgrund anderer Vorschriften (§ 34 Abs. 1 Satz 6 und Abs. 3 SGB V) sowie Hinweise zur wirtschaftlichen Verordnungsweise von nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln für Kinder bis zum vollendeten 12. Lebensjahr und für Jugendliche mit Entwicklungsstörungen bis zum vollendeten 18. Lebensjahr

(Und das ist nur der Titel… 🙂 )

Auch hier finden sich eine ganze Reihe von Vorschriften, die sinnvoll, manchmal selbstverständlich erscheinen. Andere sind recht unverständlich und allgemein gehalten. Andere Regeln wiederum stellen geradezu eine Unverschämtheit dar. So fordert die Arzneimittelrichtlinie bei der Verordnung von alkoholhaltigen Arzneimitteln an Kinder vom Arzt das Studium der Fachinformation und der Gebrauchsinformation (des sogenannten Beipackzettels). Sollte sich hier ein Warnhinweis finden, dann darf dieses Mittel nicht zu Lasten der Krankenkassen verordnet werden.

„Warum denn nicht? Alkohol in Arzneimitteln für Kinder, das ist doch schädlich, oder etwa nicht ?“, werden Sie jetzt vielleicht fragen. Und ich möchte Ihnen darin völlig zustimmen!

Pflanzliche Arzneimittel wieder besonders betroffen

Bloß: Warum werden diese Arzneimittel dann nicht generell für Kinder verboten? Beipackzettel und Fachinformationen ändern sich. Wie soll ich als Arzt in fünf Jahren, wenn der Regressantrag der Krankenkasse eintrifft, nachweisen, wie der Beipackzettel und die Fachinformation vor fünf Jahren ausgesehen hat? Völlig aussichtslos, besser ist es da wohl auf alle Arzneimittel zu verzichten, die auch nur die geringste Menge Alkohol enthalten. Schade nur, dass davon in erster Linie pflanzliche Arzneimittel betroffen sind, also solche, die man gerne bei Kindern als ersten Versuch bei der Behandlung von Husten und Schnupfen einsetzt. Pflanzliche Arzneien benötigen oft Alkohol, um den Wirkstoff aus der Pflanze zu lösen. Der Alkohol ist also nicht im Hustensaft, um die Kinder besoffen zu machen.

Keine Mittel gegen Durchfall mehr

Durchfallmittel dürfen generell nicht mehr auf Kassenrezept verordnet werden, auch nicht für Säuglinge und Kleinkinder. Ausnahmen sind Präparate mit dem Hefepilz Saccharomyces boulardii oder Elektrolytmischungen, beides aber nur bis zum Alter von 12 Jahren. Alle anderen Patienten werden sich in Zukunft ihre Durchfallmittel selber kaufen müssen. Das gleiche gilt für Rheumamittel zum Einreiben, aber auch für Salben gegen Prellungen und Schwellungen.

Lustig finde ich die Tatsache, dass der Hefepilz Saccharomyces boulardii nun extra als Ausnahme für Kinder aufgenommen wurde. Noch bis vor kurzem machten große Krankenkassen Jagd auf Hausärzte, die solche Präparate (z.B. Perenterol®, Perocur ®, Santax®, Floratil® oder Yomogi®) ihren kleinen Patienten verschrieben haben. Eingeleitet wurden Arzneimittelregresse wegen des vermeintlichen Verstoßes gegen die Arzneimittelrichlinien.

Beruhigungsmittel (die Richtlinie spricht von „Tranquilantien“) dürfen nur noch für vier Wochen auf Kassenrezept verordnet werden. Durchblutungsfördernde Mittel sind mit wenigen Ausnahmen ebenfalls ausgeschlossen. Auch Mittel gegen niedrigen Blutdruck gibt es ab 1.4.2009 nicht mehr auf Kassenrezept.

Homöopathie hatte die bessere Lobby

Homöopathische Mittel dürfen übrigens auch nach dieser neuen Arzneimittelrichtlinie eingesetzt werden. Auch dann, wenn nicht nachgewiesen wurde, dass die wirksam sind. Auch dann, wenn sie, nicht verschreibungspflichtig sind. Für pflanzliche Arzneimittel gilt dies nicht: Nur Johanniskraut hochdosiert bei Depressionen und Ginko-Extrakt bei Durchblutungsstörungen haben es geschafft, alles andere muss der Patient selbst bezahlen.

Weiter geht’s zur nächsten Anlage. Die Therapiehinweise nach Nummer IV umfassen 138 Seiten und ich muss gestehen, ich habe sie noch nicht komplett gelesen. Aber alles, was ich gelesen habe, kommt mir bekannt und vernünftig vor. Die letzte Anlage, die ich tagtäglich brauche, ist die Negativliste. Die Negativliste ist in meinem Praxiscomputersystem eingearbeitet. Sofort poppt ein Fenster auf, wenn ich ein Präparat aus dieser Liste verordnen möchte. Ganz überwiegend landen in der Negativliste nur Präparate, die offensichtlich keine Wirksamkeit entfalten. (Wenn man von einem von mir, vielen meiner Patienten und Kollegen hochgeschätzten Präparat gegen Wadenkrämpfe absieht.)

Warum keine Positivliste ?

38 Seiten Vorschriften, dazu mehrere Hundert Seiten Anlagen, muss das sein? Wird die Arbeit in der Praxis wirklich besser, wenn der Arzt mehrmals täglich nacheinander mehrere Dokumente mit teilweise unverständlichen Formulierungen durchsehen muss, bevor er entscheiden kann, welches Medikament er auf Kassenrezept verordnen darf?

Sollte sich nicht jeder Arzt besser mit seinen Patienten oder sinnvoller Fortbildung in seinem Fachgebiet beschäftigen, anstatt dicke Packen Papier voller Paragrafen vor jeder Verordnung zu wälzen ?

Die Lösung ist ganz einfach: Der Gemeinsame Bundesausschuss beschließt eine Positivliste. Dort sind alle Medikamente versammelt, die der Vertragsarzt seinen Kassenpatienten verschreiben darf. Diese Positvliste wird ganz einfach in die Praxisprogramme eingefügt. Alle Ärzte können sofort entscheiden, was sie aufschreiben dürfen und was nicht.

Bürokratie abbauen? Nein danke!

Auch die Kassenärztlichen Vereinigungen, die zur Zeit eine Unmenge von Anfragen bearbeiten müssen, wären erheblich entlastet. Das gleiche gilt für Prüfungsausschüsse und Sozialgerichte.

Bürokratie abbauen – das fordern alle Politiker in ihren Sonntagsreden. Die Wirklichkeit sieht anders aus, der bürokratische Aufwand auch in der Arztpraxis wird leider täglich grösser, die neue Arzneimittelrichtlinie ist ein weiterer Schritt in die falsche Richtung.

Quellen

Bild: „Der Turmbau zu Babel“ von Pieter Brueghel dem Älteren, 1563

Gemeinsamer Bundesauschuss – Arzneimittelrichtlinien und Anlagen

Read Full Post »

Auch für das Jahr 2006 bin ich wieder dabei: 46.000 Euro soll ich zahlen. Von meinem Geld. Nicht zurückzahlen, wie manche meinen. Ich soll zahlen für Medikamente, die ich meinen Patienten verordnet habe.

Der Patient kommt aus dem Krankenhaus

Mein Patient kommt heute aus dem Krankenhaus. Er war dort zwei oder drei Wochen. Seine Medikamente sind alle. Sie müssten allerdings noch reichen. Er hat aber seine eigenen, recht teuren Pillen, die ich ihm vorher verordnet habe, im Krankenhaus weiter eingenommen.

Das ist eigentlich nicht korrekt. Warum? Das Krankenhaus bekommt für jeden Tag, in dem der Patient dort „liegt“, einen bestimmten Eurobetrag – den sogenannten Pflegesatz. Dafür muss das Krankenhaus den Patienten behandeln, ihm Essen und Medikamente geben. Wenn der Patient im Krankenhaus die Medikamente schluckt, die ich ihm zuvor verordnet habe, bedient sich das Krankenhaus aus meinem Budget.

Mein Patient hat einen Arztbrief dabei. Im Krankenhaus hat er die teuren Originalpräparate bekommen. Die bekommt das Krankenhaus vom Hersteller geschenkt, habe ich mal gehört. Schon seit Jahren bitten wir die Krankenhäuser, auf solche Empfehlungen zu verzichten. Vergeblich!

MVZ: Der Poliklinik gehört die Zukunft

Krankenhäuser gründen MVZ’s, Medizinische Versorgungszentren. Ein medizinisches Versorgungszentrum ist vergleichbar einer Poliklinik. Die Ärzte dort sind Angestellte.

MVZ’s kennen keinen Arzneimittelregress. Ein MVZ gibt es nicht auf dem Dorf und wird es dort auch nicht geben. Ein MVZ ist einfach zu groß für das Dorf. Ein MVZ darf auch ruhig mal Defizite machen. Die Krankenhausgesellschaft, die das MVZ betreibt, lebt von den Einweisungen des MVZ.

Unter dem Strich macht die Krankenhausgesellschaft ein Plus, die Einweisungen bringen das Geld.

Regress – Express!

Ich muss, nein: ich darf zur Regressforderung Stellung nehmen. Ich muss meine Praxisbesonderheiten herausarbeiten. Dafür habe ich vier Wochen Zeit. Ich habe um Fristverlängerung gebeten. Die wurde abgelehnt.

Ich bekomme die Daten aller meiner Rezepte auf einer CD. Dort steht die Versicherungsnummer des Patienten, die Pharmazentralnummer des Medikaments, das Datum der Verordnung etc. in einer fortlaufenden Datei, deren einzelne Datensätze nur durch ein Komma getrennt sind. Sie können sich das nicht vorstellen? Ich konstruiere ein Beispiel: „9990324567, 88888, 23.09.08, 1, 0, Aspirin Tbl., 1, 0, 1;“ usw. – ein paar hunderttausendmal – jedes Rezept ergibt einen Datensatz nach dieser Art. Alle diese Zahlenketten werden locker hintereinander gereiht.

Mit detektivischer – tagelanger! – Kleinarbeit müssen wir herausfinden, welcher Datensatz zu welchem Patienten gehört. (Patienten wechseln ihre Versicherungsnummer, wenn sie die Kasse wechseln!)

Ich habe eine Arzthelferin (medizinische Fachangestellte heißt es korrekt) ganztägig abgestellt, um diesen Wust abzuarbeiten. Sie fehlt den ganzen Tag in der Versorgung der Patienten.

Sie ist gerade (23:00) nach Hause gegangen. 1400 Rezepte tragen eine sogenannte Pharmazentralnummer, aber keinen Medikamentennamen, teilte sie mir mit. 1400 Medikamente zu den Pharmazentralnummern herauszusuchen – das alleine kann Wochen Arbeit bedeuten.

Wir schaffen den Landarzt ab

Meine Kassenärztliche Vereinigung (KV) wohnt in Aurich. Nie gehört? Aurich liegt in Ostfriesland und ist natürlich erheblich größer als Ditzum, das Dorf, in dem ich praktiziere. Die KV Aurich versorgt einen ausgesprochen ländlichen Raum. Von dort höre ich, dass außerordentlich viele Kollegen vom Regress 2006 betroffen sind. Wie viele, weiß ich nicht, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

Insgesamt sind nicht mehr als 5 % der Praxen betroffen, das ist gesetzlich so festgelegt. Ich bin sicher, auf dem Land sind es mehr. Ein MVZ ist nie dabei. Ärzte in der Stadt sind weniger betroffen.

Landarzt? – Nein danke!

Überall laufen Kampagnen, um mehr Ärzte aufs Land zu locken. Da werden Umsätze garantiert und Räumlichkeiten angeboten. Alles dies ist verlogen.

Die gegenwärtige Tendenz im deutschen Gesundheitswesen lautet: Der Landarzt wird abgeschafft. Die Solidarität unter den Ärzten ist gleich Null.

Das MVZ in der Hand der Krankenhauskette oder eines anderen industriellen Gesundheitsanbieters wird den Sieg davon tragen.

Kein anders Land der Welt, zumindest keins in Europa, betreibt diesen Unsinn, vom Arzt für zuviel verordnete Medikamente Geldbeträge bis zur Höhe des Anderthalbfachen seines Jahresumsatzesabzufordern, also des dreifachen seines Jahresverdienstes vor Steuern Wir haben eines der teuersten, aber nicht das effektivste Gesundheitssystem der Welt. Trotzdem halten wir an unseren Prinzipien fest.

Suche den gesunden Kranken!

Was ist meine Reaktion auf den Regress? Ich muss Patienten zur Medikamentenverordnung an andere Kollegen überweisen. Eine junge Patientin mit Gelenkrheuma ( der sog. PCP) musste ich bis nach Oldenburg (70 km weiter) schicken. Nach mehreren Telefonaten habe ich endlich einen Facharzt erreicht, der bereit war, das unbedingt erforderliche, aber sehr teure Rheumamedikament zu verordnen.

Werden dadurch Kosten für das Gesundheitssystem eingespart? Nein! Die Behandlung wird eher teurer.

Die effektivste Strategie gegen einen Regress? Suche den gesunden Kranken! Der Regress lebt vom Durchschnitt. Bestelle jedes Quartal Patienten ein, die eigentlich nicht krank sind. Rede ihnen ein, dass sie jedes Quartal zur Kontrolle kommen müssen, dann hast Du wenig Arbeit und keinen (Regress-)Ärger.

Ich kann das leider nicht. Ich muss mich auf die kranken Patienten konzentrieren, sonst schaffe ich meine Arbeit nicht. Die brauchen mehr Medikamente. Die Prüfungsstelle glaubt mir nicht.

Manchmal bin ich froh, dass mein Renteneintrittsalter nicht mehr in so weiter Ferne liegt. Für die ärztliche Versorgung auf dem Lande sehe ich schwarz. Sie wird in den nächsten Jahren völlig zusammenbrechen.

Quelle

Eigene Erfahrung

Bild: ©El-Fausto auf pixelio.de

Read Full Post »

In Sachsen herrscht Ärztemangel. Die sächsische Landesregierung hat sich einiges einfallen lassen, um dem entgegen zu wirken: Österreichische Ärzte werden angeworben; Medizinstudenten bekommen Unterstützung, wenn sie sich nach dem Studium in Sachsen niederlassen.

Das alles wird wenig nützen: 40 Millionen Euro sollen 272 sächsische Arztpraxen bezahlen, weil sie zu viele Medikamente verordnet haben.

Das alles läuft unter dem Stichwort „Arzneimittelregress“. Kaum jemand in der Öffentlichkeit versteht das richtig. Der Arzneimittelregress heißt nicht, dass ein Arzt weniger Honorar erhält. Nein, es heißt, dass er für die Medikamente, die er seinen Patienten verordnet hat, mit seinem ganzen Hab und Gut haftet.

Ja, sie haben richtig verstanden: Mit seinem ganzen Hab und Gut. Die Summe, die der Arzt für ein Jahr bezahlen muss, kann um ein Vielfaches höher sein, als das, was er in diesem Jahr verdient hat. Die einzige Begrenzung: Der Umsatz (nicht Verdienst!) von einem und einem halben Jahr.

Ich habe enorme Schwierigkeiten, solche Widersprüche zu verstehen: Auf der einen Seite wird Geld verschwendet, um Medizinstudenten und ausländische Ärzte nach Sachsen zu holen – auf der anderen Seite werden bestehende Praxen in den Ruin getrieben.

In Sachsen und auch anderswo in Deutschland ist vor allem die Hausarztpraxis auf dem Land vom Aussterben bedroht. Und genau diese Praxen sind auch überdurchschnittlich oft vom Regress betroffen. Die ländliche Lage wird nicht als „Praxisbesonderheit“ gewertet. Der Landarzt muss in vielen Fällen Rezepte schreiben, weil der Weg für den Patienten zum Facharzt viel zu weit ist. Und dennoch gelten für ihn die gleichen Arzneimittelrichtgrößen wie für seinen Stadtkollegen. Wen wundert es noch, dass keiner mehr auf dem Land praktizieren will?
Quellen

Deutsches Ärzteblatt: „Arzneimittelregresse: Sächsischen Ärzten droht Insolvenz“

Sächsische Landesärztekammer zum selben Thema

Read Full Post »

Am Mittwoch, 11.7.2007, haben wir – meine Frau, meine beiden Arzthelferinnen und ich – uns auf den Weg nach Hannover gemacht. Die Freie Ärzteschaft hatte zur Demonstration gegen die Arzneimittelregresse in Niedersachsen aufgerufen.

regen.jpg

Wir stehen im Regen – in Hannover (Foto: Ärzte Zeitung)

Es war nur ein kleiner Haufen von ca. 350 Demonstranten, der sich vor dem AOK-Gebäude an der Hans-Böckler-Allee in Hannover im strömenden Dauerregen zusammenfand: Ärzte, Patienten und Arzthelferinnen. Aber das mediale Echo war besser als bei den großen Ärztedemonstrationen in Berlin im letzten Jahr, wo selbst 30.000 demonstrierende niedergelassene Ärzte nur mit einem Satz am Ende der Tagesthemen erwähnt wurden. Diesmal traf der Beitrag der Tagesthemen am Mittwochabend tatsächlich den Nagel auf den Kopf.

Hausärzte auf dem Land besonders schwer betroffen

Es ist nicht so, wie der Kassenvertreter in der gleichen Sendung verleumderisch behauptet: 90 % der Ärzte sind sparsam und die 10 % Geldverschwender brauchen ihre Strafe. Arzneimittelregresse treffen die Hausärzte und in dieser Gruppe besonders die, die den anstrengendsten Job haben: Die Hausärzte auf dem Land besonders hart. (Radiologen z.B. stellen gar keine Rezepte aus!)

Und diese Ärzte haften nicht nur mit ihrem Honorar sondern mit allem, was sie besitzen für ihre Arzneiverordnungen. Der Regress dreht sich um die Jahre 2003 bis 2005, es geht also teilweise um Verordnungen, die 4 Jahre alt sind. Nach vier Jahren wird vom Arzt, der nie einen persönlichen Vorteil davon hatte, Geld für zu viel verordnete Medikamente verlangt.

Der Arzt wurde zuvor arglistig getäuscht: Man hatte ihm versprochen, dass Morphinpräparate (z.B. zur Schmerzbekämpfung bei Tumorpatienten) von der Regressforderung ausgenommen sein würden. Der Arzt, der darauf reinfiel (ich z.B.) muss jetzt die Morphinpräparate für seine schmerzgeplagten Patienten selbst bezahlen.

Welcher andere Berufsstand lässt sich eine solche Behandlung wohl gefallen?

Read Full Post »

Über 100 Millionen Euro sollen Niedersachsens Kassenärzte als Strafe dafür zahlen, dass sie in den Jahren 2003 bis 2005 zu viele und zu teure Arzneimittel an ihre Patienten verordnet haben. In einzelnen Fällen betragen die Summen bis zu 600.000 Euro, betroffen sind 825 Praxen von rund 9200.

Ich selbst bin mit 160.000 Euro dabei.

Arzneimittelregress nennt sich das. Der Kassenarzt, der neuerdings Vertragsarzt heißt, haftet mit seinem eigenen Geld für seine Verordnungen. Überschreitet er eine bestimmte Summe, die „Richtgröße“ genannt wird, muss er den „Schaden“ aus der eigenen Tasche begleichen.

Bestimmte Medikamente – z.B. Morphinpräparate oder Blutzuckerteststreifen – wurden bisher schon vor der Einleitung des Verfahrens abgezogen. Beim jetzigen Regressverfahren wurde dies in vielen Fällen versäumt.

Der Arzt, der in einen Regress gerät, kann zu seiner Verteidigung „Praxisbesonderheiten“, z.B. ungewöhnlich viele teure Patienten, geltend machen. Er muss dazu innerhalb von vier Wochen – auf Antrag wird die Frist auf acht Wochen verlängert – alle Rezepte der betroffenen Jahre durchsehen. Bei mir sind das rund 30.000.

Bei der Durchsicht fällt auf, dass viele Verordnungen falsch gespeichert wurden – das Medikament wurde von mir gar nicht verordnet oder das Medikament gibt es gar nicht. Auch diese Fehler müssen vom Arzt aussortiert und geltend gemacht werden. Viele Ärzte schliessen dafür ihre Praxis. Ich habe es bisher nicht getan, arbeite alles am Abend und am Wochenende durch.

Es ist ein sehr bedrückendes Gefühl, wenn man nach fast 20 Jahren Tätigkeit als Allgemeinarzt von jetzt auf gleich die Existenzgrundlage verliert, weil man zu hohe Arzneimittelkosten verursacht hat.

Welcher andere Berufsstand ließe sich wohl so etwas gefallen?

Quellen: Ärztezeitung, Der Kassenarzt

Read Full Post »