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Archive for the ‘Biografien berühmter Ärzte’ Category

hoffmannheinrichportraitHeinrich Hoffmann war ein deutscher Arzt und Autor eines der bekanntesten Bilderbücher der Welt, dem Struwwelpeter. Hoffmann wurde vor rund 200 Jahren, am 18. Juni 1809 in Frankfurt am Main geboren. Hoffmanns Mutter starb wenige Monate nach der Geburt. Hoffmanns Vater, von Beruf Architekt und zuständig für die Straßen und Wasserwege Frankfurts, heiratete die Schwester seiner ersten Frau, die dem jungen Heinrich eine liebevolle Stiefmutter wurde.

Praktischer Arzt

Nach dem Studium der Medizin in Heidelberg und Halle lässt sich Hoffmann 1835 als praktischer Arzt in Frankfurt-Sachsenhausen nieder. Nebenher arbeitet er in der Armenklinik, in der mittellose Patienten kostenlos behandelt werden. Ab 1844 unterrichtet er zusätzlich Anatomie am Senckenbergischen Institut.

1840 heiratet Hoffmann die Kaufmannstochter Therese Donner; aus der Ehe gehen drei Kinder hervor: Carl Phillip wird 1841 geboren, es folgt Antonie Caroline 1844 und 1848 Eduard.

Der Struwwelpeter – ein Weihnachtsgeschenk

Den Struwwelpeter zeichnet und dichtet der praktische Arzt zu Weihnachten 1844 als Weihnachtsgeschenk für den dreijährigen Sohn Carl Phillip. (Die Bilderbücher, die es zu kaufen gab, fand der Vater zu langweilig.)

1848 wird er zum Abgeordneten im Vorparlament, das die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche vorbereitete.

Hoffmann setzt sich für psychisch Kranke ein

1851 übernimmt Hoffmann die Leitung der Frankfurter Anstalt für Irre und Epileptische.

Er setzt sich für den Neubau der Klinik ein, die den Insassen ein menschenwürdiges Leben garantiert. Ein Leben ohne Gitter vor dem Fenster und den Versuch einer Therapie und nicht nur die damals übliche, meist menschenverachtende Verwahrung der psychisch Kranken.

Der umtriebige Doktor sammelt bei den Reichen der Stadt und erreicht schließlich sein Ziel: 1864 wird die neue Klinik eingeweiht, auf der damals vor den Toren der Stadt gelegenen Hammelswiese am Affensteiner Weg. Die Klinik zählt zu den modernsten Europas.

War Hoffmann selbst der Zappelphillipp ?

zappelphillip1Bei der Betrachtung des Lebens Heinrich Hoffmanns wird man einen Gedanken nicht los: Litt der Autor des Zappelphillipps selbst an der Krankheit, die er hier im Kinderbuch so treffend beschreibt?

Vieles spricht dafür. Sein Vater setzte ein Schriftstück auf, das Hoffmann bis an sein Lebensende aufhob. Darin schreibt der Vater über seinen Sohn:

„Da der Heinrich … in ungeregelter Tätigkeit und leichtsinniger Vergeßlichkeit fortlebt, überhaupt nicht im Stande ist, seine Betriebsamkeit nach eigenem freien Willen auf eine vernünftige und zweckmäßige Weise zu regeln, und im Verfolg dieser Regellosigkeit, die Schande für seine Eltern, der größte Nachteil für ihn selbst zu gewärtigen ist, so will ich ihn hiermit nochmals die Pflicht ans Herz legen … zum geregelten Fleiß, zur vernünftigen Einteilung seiner Zeit zurückzukehren … In der Besorgnis, daß auch diese Ermahnung nichts helfen wird, und in dem festen Willen, wenigstens die bevorstehende letzte Ferienwoche nicht in tagdiebischem Schlendrian zugebracht zu sehen, befehle ich folgende Einteilung der Zeit:…“ (Es folgt der Zeitplan.)

Und es gibt noch viele andere Hinweise, die die Vermutung rechtfertigen, dass Hoffmann in seiner Kindheit und als Erwachsener von ADHS betroffen war. Offensichtlich hat er und seine Umwelt aber nicht so sehr darunter gelitten, wie manch anderer. Im Gegenteil: Hoffmann war umtriebig, unruhig und vielleicht gerade deswegen ein Gewinn für seine Mitmenschen, die Kinderbuchliteratur und die Medizin.

Sechs Jahre nach seiner Pensionierung als Irrenarzt 1888 stirbt Hoffmann am 20 September 1894.

Quellen

Hyperaktiv.de: Der Psychiater Heinrich Hoffmann, Autor des „Struwwelpeter“ – selbst ein Betroffener?

frankfurt-nordend.de: DAS »IRRENSCHLOSS«

Frankfurt-Interaktiv.de: Heinrich Hoffmann – Ein Portrait

Hoffmann-sommer.de

Der Struwwelpeter im Projekt Gutenberg

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Dorothea Christiane ErxlebenDorothea Christiane Erxleben war die erste deutsche Ärztin mit einem Doktortitel. Sie wurde am November 1715 in Quedlinburg, einer kleinen Stadt am Nordrand des Harzes im heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt – damals zu Preußen gehörig – , geboren.

Ihr Vater, Christian Polykarp Leporin, praktizierte als Arzt und war mit der Pastorentochter Anna Sophia Leporin verheiraretet. Weil die kleine Dorothea sehr kränklich war, war sie von der Hausarbeit befreit und wurde von ihrem Vater zusammen mit ihrem älteren Bruder unterrichtet. Später erhielt sie auch privaten Unterricht vom Direktor des örtlichen Gymnasiums – Mädchen war der Besuch dieser Schulen verboten. Ihr Vater führte sie in die praktische Medizin ein, nahm sie auch zu Hausbesuchen mit.

1741 genehmigten die preußischen Behörden im ersten Jahr der Regentschaft des aufgeklärten Friedrichs des Großen Dorothea als erster Frau das Medizinstudium an der Universität Halle. Als ihr Bruder, der mit ihr studieren wollte, sich jedoch durch Flucht dem preußischen Militärdienst entzog, traute sich Dorothea nicht mehr an die exklusiv männliche Einrichtung.

Dorothea gab ihre Studienpläne zunächst auf und heiratete den verwitweten Prediger Johann Christian Erxleben, der fünf Kinder mit in die Ehe brachte, vier eigene Kinder kamen im Laufe der Jahre noch hinzu.

Der Familie ging es finanziell schlecht, die vielbeschäftigte Mutter versuchte, durch die illegale Ausübung des Arztberufs das Familieneinkommen aufzubessern. Natürlich wurde sie von den eingesessenen Ärzten beim Quedlinburger Stiftshauptmann angeschwärzt, der ihr prompt das weitere Praktizieren ohne die damals dafür erforderliche Dissertation untersagte.

timbre_allemagne_60pf_dorothea_erxleben_1988.jpgAm 6. Januar 1754 – kurze Zeit nach der Geburt ihres vierten Kindes – war es dann soweit, Erxleben hat ihre Dissertation mit dem Titel: Academische Abhandlung von der gar zu geschwinden und angenehmen, aber deswegen öfters unsichern Heilung der Krankheiten fertiggestellt. Sie verteidigt die Doktorarbeit mit Bravour in flüssigem Latein vor den Professoren der Universität.

Mit Doktortitel durfte „Frau Dr.“ Erxleben nunmehr legal den Arztberuf ausüben und betrieb in Quedlinburg eine erfolgreiche Praxis, in der sie schwerpunktmäßig Frauen und Kinder behandelte, bis sie 1762 – viel zu früh im Alter von 46 Jahren – an einem Brustkrebs verstarb.

Bereits 1742 erschien ihre Abhandlung mit dem Titel: Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studiren abhalten. Den Beweis ihrer Behauptung, dass Frauen ebenso wie Männer zu einer akademischen Laufbahn und Tätigkeit als Ärztin befähigt sind, hat sie mit ihrem eigenen Leben eindrucksvoll und zum ersten Mal in Deutschland erbracht.

Es dauerte dennoch über 100 Jahre, bis Frauen in Deutschland generell zum Medizinstudium zugelassen wurden – in Preußen erstmals zum Wintersemester 1908/1909.

Ausführlicher Lebenslauf auf der Geschichtsseite von Till Bergner

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pare.jpgAmbroise Paré (* um 1510 in der Nähe von Laval, Frankreich, † 22. Dezember 1590 in Paris) war ein bedeutender französischer Chirurg. Er zeigte, dass die damals übliche Behandlung von Schusswunden mit siedendem Öl mehr schadete als nutzte. Bei der Amputation von Gliedmaßen verzichtete er darauf, die Blutung durch das Ausbrennen mit glühenden Eisen zu stillen – stattdessen unterband er die durchtrennte Schlagader durch eine Naht (Ligatur).

Paré gehörte zum Berufsstand der Handwerkschirurgen, die in Deutschland auch Bader, Wundärzte oder Feldscher genannt wurden. Er veröffentlichte seine Werke in Französisch, sehr zum Spott der akademisch gebildeten Ärzte, die wissenschaftliche Abhandlungen in Latein verfassten.

Paré praktizierte bis ins hohe Alter und erreichte hohes Ansehen in seinem Land und den europäischen Nachbarländern.

Ambroise Pare in der Enzyklopaedia Britannica (engl.)

Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon

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John Robin Warren, (* 11. Juni 1937 in Adelaide, Australien), australischer Arzt und Pathologe, erhielt zusammen mit Barry Marshall 2005 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für die Entdeckung des Bakteriums Helicobacter pylori und seine Rolle bei der Entstehung von Gastritis sowie Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren.

W. studierte Medizin in Adelaide, von 1961 bis 1968 war er als Assistenzarzt in Woodville, Adelaide und Melbourne tätig. Seit 1968 bis zu seiner Pensionierung 1999 arbeitete W. als Pathologe am Royal Perth Hospital in Perth. 1979 beobachtete W. massenhaft spiralförmige Bakterien in gefärbten Präparaten von Gewebeproben, die aus der Magenschleimhaut Gastritis-kranker Patienten bei der Magenspiegelung entnommen wurden. Diese Bakterien wurden schon seit mehr als hundert Jahren beschrieben. Obwohl sie aus dem Magen stammten, konnte man sich nicht vorstellen, dass sie dort in dem stark sauren Milieu leben und sich vermehren konnten.

W. brauchte die Zusammenarbeit mit einem klinisch tätigen Kollegen, um seine Hypothese, dass die Gastritis und das folgende Geschwür Infektionskrankheiten sind, beweisen zu können. Besonders glücklich war das Zusammentreffen mit dem jungen Assistenten Marshall, der gerade ein Thema zur Forschung suchte. Gemeinsam konnten sie das Bakterium kultivieren und den Zusammenhang von Helicobacter pylori und Gastritis beweisen.

Warrens Frau Win, mit der er sechs Kinder hat, war die erste Patientin, die wegen eines Magengeschwürs mit Antibiotika erfolgreich behandelt wurde.

Autobiografie auf nobelprize.org (engl.)

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rudolf-virchow.jpgRudolf Ludwig Karl Virchow (* 13. Okt. 1821 in Schivelbein, Pommern, Preußen, heute Swidwin/Polen; † 5. Sept. 1902 in Berlin), deutscher Arzt und Politiker, Begründer der Zellularpathologie, die Veränderungen an der Zelle als Ursprung der Krankheiten sieht. Medizin war für V. vor allem Naturwissenschaft. Politisch setzte sich Virchow für Demokratie und soziale Reformen und die Weiterentwicklung der öffentlichen Hygiene ein.

Jugend, Studium und Ausbildung

V. wuchs als einziger Sohn des Landwirts und Kämmerers Carl Virchow und seiner Frau Johanna, geb. Hesse, in schlichten Verhältnissen auf.

Mit 18 Jahren beginnt er sein Medizinstudium an der Berliner militärärztlichen Akademie, der sog. Pépinière. Diese Einrichtung existierte seit 1795 und diente der Ausbildung tüchtiger Chirurgen für das preußische Heer. Wer sich für 8 Jahre zum Militärdienst verpflichtete, konnte umsonst studieren und erhielt einen Sold noch dazu. Das Friedrich-Wilhelm-Institut, wie es damals hieß, ermöglichte somit auch Studenten aus einfachen Verhältnissen die Ausbildung zum Arzt.

Nach der Promotion 1843 erhielt V. eine Assistentenstelle an der Berliner Charité, es folgt das Staatsexamen 1846 und die Habilitation 1847. Bereits während seiner Assistententätigkeit veröffentlicht er eine grundlegende Arbeit über die Leukämie. Nach dem Staatsexamen erhält V. eine Anstellung an der Pathologie der Charité.

Typhus in Oberschlesien, Virchow als Revolutionär

1848 erhält er von der preußischen Regierung den Auftrag, eine Fleckfieberepidemie in Oberschlesien zu untersuchen. Der 27jährige Privatdozent nennt als wahre Ursachen den Hunger und die schlechten Wohnverhältnisse. Er fordert Demokratie, ohne die Gesundheit für das Volk nicht zu erreichen sei. Die Regierung war reichlich verärgert über den Bericht und seinen Autor. In der Märzrevolution 1848 half er in Berlin beim Barrikadenbau und gab eine Zeitschrift mit dem Titel „Die Medicinische Reform“ heraus, in der eine öffentliche Gesundheitspflege forderte. 1849 verlor er die Stelle in Berlin wegen seiner revolutionären Umtriebe.

Sieben fette Jahre in Würzburg

Er hatte sich allerdings schon vorher einen Ruf in der Pathologie als Mitherausgeber der Zeitschrift „Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie und für klinische Medizin“ erworben; noch im selben Jahr erfolgte ein Ruf nach Würzburg, auf den ersten deutschen Lehrstuhl für Pathologische Anatomie. Allerdings – das war Bedingung des bayerischen Königs Max des Zweiten – hatte sich V. schriftlich verpflichtet, auf jede politische radikale Tätigkeit zu verzichten. Die sieben Jahre in Würzburg, von 1849 bis 1856, waren die wissenschaftlich produktivsten im Leben des Forschers. Als V. in Würzburg ankam, teilte er noch die Ansicht Theodor Schwann’s – dem Begründer der modernen Histologie – dass Zellen aus einer amorphen Masse entstehen. Als er Würzburg verließ, hatte er den Grundstein seiner 1858 veröffentlichen These, dass alle Zellen nur aus Zellen entstehen und die Erkrankung der Zelle die Grundlage aller Krankheiten ist, gelegt. Die Universität Würzburg hat die Berufung ihres emsigen Professors nicht bereut – die Zahl der Medizinstudenten stieg in Virchows Würzburger Zeit von 98 auf 388 an; die medizinische Fakultät wurde zur führenden medizinischen Forschungsstätte im deutschsprachigen Raum.

Ehe und Familie

In die Würzburger Zeit fällt auch die Heirat mit Rose Mayer, die V. schon in Berlin kennen gelernt hatte. Rose war die Tochter von Professor Carl Mayer, Märzrevolutionär wie sein Schwiegersohn und Vorsitzender der Berliner Gesellschaft für Geburtshilfe. Rose und Rudolf hatten zusammen sechs Kinder, über die Ehe ist nicht viel bekannt. Angesichts des riesigen Arbeitspensums des ehrgeizigen Vaters wird nicht viel Zeit für die Familie geblieben sein. Schon während der Hochzeitsreise in die Schweiz konnte der frisch gebackene Ehemann einem Besuch des Kretinenhospitals im Berner Oberland nicht widerstehen. Während der einzigen größeren Urlaubsreise der Familie in Virchows Heimat soll der Familienvater viele Stunden am Strand mit seinem Reisemikroskop verbracht haben. Bis nachts um drei war Licht im Arbeitszimmer, berichteten Zeitgenossen und morgens früh um 7 Uhr war der Rastlose schon wieder in der Universität zu finden. „Rose weint viel“, schrieb V. an seinen Vater.

Armut und Gesundheit im Spessart

Die Württembergische Regierung beauftragte den jungen Professor 1852 mit einer Untersuchung des gesundheitlichen Zustands der Bevölkerung im Spessart. Auch hier kam er zum Ergebnis, dass die Armut und die mangelnde Bildung der Gesundheit im Wege stehen, aber der Untersucher geht weniger streng mit der Regierung ins Gericht als weiland in Schlesien mit den Preußen. Insbesondere muss er konstatieren, dass trotz Elends und Hungers im Spessart die Sterblichkeit in Würzburg höher liegt.

1854 beginnt er mit der Herausgabe des sechsbändigen Werks „Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie“, von dem er einen großen Teil selbst verfasst, der letzte Band erscheint 12 Jahre später.

Rückehr nach Berlin

Die medizinische Fakultät in Berlin war sowohl was den Ruf als auch was die Zahl der Studenten angeht, auf den zweiten Rang nach Würzburg zurückgefallen. Man war jetzt bereit, politische Bedenken zurückzustellen und baute extra ein neues pathologisches Institut und schuf einen neuen Lehrstuhl, um den verlorenen Sohn an die Spree zurück zu holen. Aber auch er selbst dachte in Berlin eine bessere Plattform für seine neue Theorie zu finden und der antiklerikal eingestellte Forscher dachte auch mit Grauen an die bevorstehende katholische Erziehung seiner Kinder in Würzburger Schulen. Beide Seiten sind hochzufrieden, als V. dem Ruf an das Pathologische Institut der Berliner Universität 1856 folgt.

Die Zellularpathologie

1858 veröffentlicht der frischgebackene Berliner Professor seine Abhandlung „Die Cellularpathologie“ in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre. Die Zellularpathologie führte alle Krankheiten des Organismus auf Erkrankungen der Zelle zurück. Dieses integrierende naturwissenschaftlich begründete Konzept löste endgültig die Humoralpathologie („Vier – Säfte – Lehre“) von Hippokrates und Galen aus der Antike ab. Berlin wird zum Mittelpunkt der naturwissenschaftlich orientierten Medizin.

Virchow als Politiker

In Berlin nimmt V. auch seine politischen Aktivitäten wieder auf. 1859 wird er Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung und bleibt dies bis zu seinem Tode. Er erreicht den Neubau mehrerer Krankenhäuser und fördert die epidemiologische Forschung. 1861 begründet er mit anderen die Deutsche Fortschrittspartei, als deren Abgeordneter er in den Jahren von 1862 bis 1867 im Preußischen Abgeordnetenhaus sitzt. Nach einer hitzigen Debatte fordert Otto von Bismarck ihn zum Duell heraus, das nur durch Vermittlung des Kriegsministers abgewendet werden kann. V. erreicht, dass Berlin eine zentrale Kanalisation und Trinkwasserversorgung erhält. Berlin wird dadurch vorbildlich für andere europäische Großstädte in diesen Jahren.

In den Kriegen von 1866 und 1870/71 war V. aktiv im militärärztlichen Dienst, u. a. organisierte er die Lazarettzüge, die verwundete Soldaten von der Front holten.

Von 1880 bis 1893 war V. Abgeordneter im Deutschen Reichstag, zunächst für die von ihm mitbegründete Deutsche Fortschrittspartei, später für die Deutsche Freisinnige Partei, ein Zusammenschluss der Fortschrittspartei mit anderen liberalen Strömungen.

Universalgelehrter

Oft fühlte sich V. noch als Universalgelehrter alter Schule, er interessierte sich und forschte auch selbst auf den Gebieten der Archäologie, der Anthropologie und der Ethnologie. Er war befreundet mit Heinrich Schliemann und er sorgte dafür, dass seine Sammlung nach Berlin und nicht, wie von Schliemann ursprünglich vorgesehen, nach London kam.

Am 5. Sept. 1902 verstirbt V. in Berlin an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs, den er sich beim Aussteigen aus einer fahrenden Straßenbahn zugezogen hatte.

Bedeutung

V. war ein ungemein arbeitsamer, produktiver und selbstbewusster Forscher. Seine Stimme war eher dünn, aber seine Formulierungsgabe enorm. Er prägte eine Reihe von Begriffen und Redewendungen in der Medizin und Politik. So geht z. B. der unselige Ausdruck vom Kulturkampf als Bezeichnung für die Auseinandersetzung der Regierung des Deutschen Reichs mit der Katholischen Kirche auf V. zurück. Der Ausdruck Omnis cellula e cellula (Jede Zelle aus der Zelle) wird zwar oft V. zugeschrieben, wurde aber von dem Franzosen Vincent Raspail bereits 1825 geprägt. Dennoch beschreibt diese Redewendung sehr gut den Kerninhalt des Beitrags Virchows zur medizinischen Forschung. Insbesondere die Anwendung der Mikroskopie in diesem Gebiet geht wesentlich auf ihn zurück. V. systematisierte die Obduktion, er legte eine standardisierte Reihenfolge fest, in der die Organe entnommen werden. Zuvor entschied der zuvor behandelnde Arzt, welche Organe untersucht wurden – eine Quelle vieler pathologischer Fehldiagnosen. Der Beitrag Virchows zur Epidemiologie ist ebenfalls enorm. Umso erstaunlicher erscheint seine Ablehnung der Forschung des österreichischen Arztes Ignaz Semmelweis über die Ursachen des Kindbettfiebers. Gerade von V. hatte sich Semmelweis Unterstützung erhofft, er war tief enttäuscht über die Ablehnung des weltbekannten medizinischen Empirikers. Auch zum neu aufkommenden Gebiet der Bakteriologie hatte V. eine zutiefst misstrauische Haltung, die Evolutionstheorie Darwins hielt er für wenig belegt. Seine Beiträge zur Tumorforschung sind auf der einen Seite unschätzbar groß, weil hier die Anwendung der Zellularpathologie besonders fruchtbar wirkte. Getrübt werden sie durch die Annahme Virchows, dass alle bösartigen Tumore aus dem Bindegewebe hervorgehen. Alle diese Irrtümer dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass V. Verdienst sein Beitrag zur Entwicklung der Medizin zur Wissenschaft ist.

Berliner Medizinhistorisches Museum der Charite

Berlin-Lexikon

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sertuern.jpgFriedrich Wilhelm Adam Sertürner (* 19. Juni 1783 in Neuhaus bei Paderborn; † 20. Feb. 1841 in Hameln), deutscher Apotheker, Entdecker des Morphins.

Schon während seiner Lehrzeit in Paderborn führte S. wissenschaftliche Experimente durch. Opium hatte, obwohl in gleicher Menge verabreicht, oft sehr unterschiedliche Wirkungen. S. vermutete, dass im Opium ein unbekannter Stoff in verschiedener Konzentration enthalten ist, der für die Wirkung der Droge verantwortlich ist. Es gelang ihm auch um 1804, diesen Stoff, den er später Morphium nannte, aus dem Opium zu extrahieren.

Wurde dieses Extrakt einem Hund verabreicht, so schlief er ein; Opium, vom Extrakt befreit, blieb ohne Wirkung. S. schickte seine Aufzeichnungen an den Fachkollegen Johann Bartholomäus Trommsdorf (1770-1837), der sie 1806 in seinem Journal der Pharmacie veröffentlichte.

S., der von 1806 bis 1817 in Einbeck als Apotheker arbeitete, testete die neue Substanz auch im Selbstversuch, zusammen mit zwei Jugendlichen. Er schreibt über den Erfolg des Morphins: Er zeigt sich durch Schmerz in der Magengegend, Ermattung und starke an Ohnmacht grenzende Betäubung. Auch ich hatte dasselbe Schicksal; liegend geriet ich in einen traumartigen Zustand (…) Nach dieser wirklich höchst unangenehmen eigenen Erfahrung zu urteilen, wirkt das Morphium schon in kleinen Gaben als heftiges Gift.

In einem Aufsatz in Gilberts Annalen der Physik 1817 nennt S. den neu entdeckten Stoff erstmals Morphium, benannt nach Morpheus, dem griechischen Gott der Träume.

Dieser Aufsatz machte ihn in der Fachwelt berühmt, Johann Wolfgang von Goethe veranlasste 1817 seine Ernennung zum Mitglied der Societät für die gesammte Mineralogie zu Jena, S. erhält die philosophische Doktorwürde der Universität Jena.

S. hatte mit der Entdeckung des Morphiums das erste Mitglied einer ganzen Klasse von Substanzen entdeckt, die später Alkaloide genannt wurden.

1821 pachtet S. eine Apotheke in Hameln und gründet eine Familie. Er forscht über den Galvanismus, Metalllegierungen für Geschosse, Hinterladegewehre und v.a.

1831 – 50 Jahre vor Entdeckung des Choleraerregers durch Robert Koch – behauptet er schon, dass die Ursache der Cholera ein lebendes, sich fortpflanzendes Wesen sein müsse. Seine Ansicht wird von der Fachwelt abgelehnt. S. fühlt sich verkannt, er gründet 1826 seine eigene Zeitschrift, die Annalen für das Universalsystem der Elemente.

In der Zeitspanne bis zu seinem Tod 1841 entwickelte er viele unhaltbare spekulative Behauptungen. S. wurde in Einbeck beigesetzt.

Uni Giessen

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ignaz_semmelweis.jpgIgnaz Phillip Semmelweis, ung.: Ignác Fülöp Semmelweis (* 1. 7. 1818 in Ofen bei Buda, heute Budapest; † 13.8.1865 in Wien), österreichisch-ungarischer Arzt und Entdecker der Prophylaxe des Kindbettfiebers durch desinfizierendes Händewaschen, zu seinen Lebzeiten in Fachkreisen wenig anerkannt.

S. studierte Medizin in Pest und in Wien. Schon als Assistenzarzt an einer geburtshilflichen Klinik in Wien begann er, die Ursachen der hohen Hospital-Sterblichkeit von Wöchnerinnen zu untersuchen.

Die meisten Frauen entbanden in der damaligen Zeit zu Hause, in die Klinik kamen nur arme und ledige Wöchnerinnen sowie solche mit Komplikationen. S. stellte fest, dass die Sterblichkeit vor allem in der Abteilung seiner Klinik sehr hoch lag, in der Medizinstudenten unterrichtet wurden. Schwangere, die in der Abteilung für den Hebammenunterricht entbanden, hatten weitaus bessere Überlebenschancen.

Der Tod eines Freundes an einer Wundinfektion, die er sich bei der Untersuchung einer kranken Schwangeren zugezogen hatte, brachten S. auf die entscheidende Vermutung: Offensichtlich übertrugen die Studenten die Krankheit mit ihren Händen von den Leichen der an Sepsis verstorbenen Patientinnen des Präparationssaales auf die Schwangeren.

S. ordnete an, dass die Studenten ihre Hände mit Chlorkalklösung wuschen, bevor sie die Schwangeren untersuchten. Mit dieser Maßnahme konnte er 1848 die Sterblichkeit der Wöchnerinnen von 18,27 % auf 1,27 % senken.

Obwohl S. einen Lehrstuhl in Wien erhielt, wurden seine Ansichten unter Kollegen nicht akzeptiert. Die zunehmende Feindschaft veranlasste S. 1850 nach Pest in Ungarn zurückzukehren, wo er eine Stelle am Rochus Hospital erhielt. S. konnte seine Maßnahmen zur Vorbeugung des Kindbettfiebers auch hier durchsetzen und die Sterblichkeit auf 0,85 % senken, während sie in Wien und Prag immer noch zwischen 10 und 15 % lag. 1855 wurde S. zum Professor für Geburtshilfe an der Universität Pest ernannt.

1861 verfasste Semmelweis sein grundlegendes Werk mit dem Titel: „Die Ätiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers“ und schickte es an alle europäischen Autoritäten, fand aber weiterhin größtenteils Ablehnung in der wissenschaftlichen Welt.

1865 wurde S. in eine psychiatrische Klinik in der Nähe von Wien eingeliefert. Er starb dort an der gleichen Krankheit, an der er Zeit seines Lebens geforscht hatte: An einer Sepsis infolge einer Wundinfektion, die er sich zuvor bei einer Operation zugezogen hatte.

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