Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for the ‘Biografien berühmter Wissenschaftler’ Category

Karl Popper (voller Name: Sir Karl Raimund Popper; * 28. Juli 1902, Wien, † 17. Sept. 1994, Croydon, Greater London, England), österreichisch-britischer Philosoph, Begründer des von ihm so genannten Kritischen Rationalismus. Wissenschaft zeichnet sich nach P. dadurch aus, dass die aufgestellten Hypothesen falsifizierbar sind, d. h. der Wissenschaftler sucht nach einer Beobachtung, die seiner Hypothese widerspricht. Es gibt eine objektive Wahrheit, aber der Mensch kann sich nie sicher sein, ob er sie ganz oder nur teilweise erkannt hat (Fallibilismus). Aus P.’s erkenntnistheoretischem Standpunkt ergibt sich sein Kampf für die offene Gesellschaft: Revolutionen und Diktaturen brauchen absolute Wahrheiten, demokratische Reformen sind mühsam, rechnen aber mit der unvermeidlichen Fehlbarkeit des Menschen.

Kindheit und Jugend

P. war das dritte Kind des Rechtsanwalts, Sozialreformers und Literaten Dr. Simon Sigmund Carl Popper und seiner Frau Jenny Popper, geb. Schiff. Schon zwei Jahre vor seiner Geburt waren seine Eltern vom Judentum zum Protestantismus konvertiert. P. hat sich zeitlebens nie als Jude verstanden. Sein Vater besaß eine riesige Bibliothek mit schätzungsweise 14.000 Büchern zum Thema Philosophie. Seine Mutter stammte aus einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie, sie führte ihren Sohn in die Liebe zur klassischen Musik ein.

Vom 6. bis zum 11. Lebensjahr besuchte der kleine Karl die Freie Schule, eine private Einrichtung, die der Reformpädagogik anstelle des damals üblichen Drills verpflichtet war. Nach einem Jahr Realgymnasium wechselte P. wegen des langen Schulwegs auf das humanistische Franz Josef Gymnasium in der Nähe. Die Konfrontation mit offenem Antisemitismus konnte das sensible Kind kaum ertragen, er wechselte zurück auf die alte Schule, ging aber von dort nach einem Jahr ohne Abschluß ab.

In den Jahren 1918 bis 1920 erlebte der Jugendliche drei für sein späteres Denken prägende Ereignisse.

Als Mitglied in der sozialistischen Schülerbewegung Wiens, die der Kommunistischen Partei Deutsch-Österreichs (KPDÖ) nahe stand, erlebte er in der Wiener Hörlgasse einen blutigen Zusammenstoß von Demonstranten mit der Polizei: 12 von ihnen wurden erschossen, 80 verletzt. Er konnte die Vertreter der Partei nicht verstehen, die Tote im Dienst der als absolut richtig erkannten Sache für unvermeidlich hielten. Die KPDÖ hatte die Demonstration insgeheim als Putsch geplant, die Demonstranten aber im Unklaren gelassen.

P. arbeitete in sozialpädagogischen Einrichtungen die von dem Freud – Mitarbeiter Alfred Adler geleitet wurden. P.’s Erfahrungen mit den betreuten Jugendlichen kontrastierten oft mit Adlers Theorie. Adler – anstatt die Theorie zu ändern – interpretierte das Verhalten der Jugendlichen so um, dass die Abweichung die Theorie bestätigte.

Albert Einstein wiederum postulierte für die Sonnenfinsternis im Mai 1919 eine Verschiebung der Lage von Fixsternen in Sonnenähe aufgrund der von der Relativitätstheorie vorausgesagten Krümmung der Lichtstrahlen. Zwei englische Astronomen bestätigten die Vermutung. Die Theorie Einsteins war so formuliert, dass sie aufgrund von Beobachtungen widerlegt werden konnte.

Musiker, Lehrer oder Schreiner?

P. war von Jugend auf von einem prostestantischen Arbeitsethos durchdrungen, dabei ließ er sich aber ungern die Inhalte seiner Arbeit von außen auferlegen. 1924 schloss er eine Tischlerlehre mit der Gesellenprüfung ab und beendete erfolgreich das Studium zum Grundschullehrer. Zwei Jahre zuvor hatte er als Externer die Matura (das Abitur) abgelegt – im zweiten Versuch. Beim ersten Mal scheiterte er in Latein und – bezeichnenderweise – Logik. Kurz zuvor hatte er mit der Komposition einer Fuge nach Bach die Aufnahmeprüfung am Wiener Konservatorium bestanden. Er sah aber nach kurzer Zeit ein, dass ihm für die Musik die Begabung fehle.

P. fand eine Stelle als Erzieher in einem Heim für schwer Erziehbare und besuchte nebenbei das Pädadogische Institut, an dem er zunehmend mit philosophischen und psychologischen Themen konfrontiert wurde. Er lernte die Gestaltpsychologie von Karl Bühler kennen und kam in Kontakt mit dem Neukantianismus, vertreten in der damaligen Zeit von dem in Göttingen lehrenden Leonard Nelson. Nelson hielt jede Erkenntnistheorie für unmöglich, denn … das Kriterium der Wahrheit der Urteile kann nicht selbst wieder ein Urteil sein …. Wollte man Grundprinzipien beweisen, musste man voraussetzen, dass gewisse Aussagen bereits wahr waren – und somit hatte man nichts bewiesen, sondern nur Schlussfolgerungen aus ungeprüften Voraussetzungen entwickelt. Der Wiener Philosophieprofessor Heinrich Gomperz vertrat die Richtung des Positivismus und war ein wichtiger Lehrer und Förderer des jungen Lehramtsstudenten.

1928 promovierte P. mit dem Thema: Zur Methodenfrage der Denkpsychologie, 1929 folgte die pädagogische Arbeit Axiome, Definitionen und Postulate in der Geometrie. Mit dieser Arbeit hatte er die Qualifikation eines Hauptschullehrers für Mathematik und Physik erlangt.

Hennie

Am Pädagogischen Institut lernte P. die vier Jahre jüngere Sportstudentin Josefine Anna Henninger, genannt Hennie, kennen. Die beiden heirateten am 11. April 1930, beide fanden eine Anstellung an der Hauptschule und mit zwei Gehältern ließ sich selbst in der damaligen schwierigen Zeit eine einigermaßen auskömmliche Existenz gründen.

Die Ehe blieb kinderlos und hielt lebenslang. Hennie wurde die Frau an seiner Seite, das heißt sie stellte ihre eigenen Interessen zurück und wurde die Beraterin, Sekretärin und Managerin ihres Mannes. Hennie wurde aber nie zur Hausfrau, Kochen und Hausarbeit waren ihr ein Gräuel.

Der Wiener Kreis

Der Wiener Kreis war eine lockere Gespächsrunde, die sich regelmäßig bei dem Wiener Physiker und Philosophen Moritz Schlick traf. Zu dieser Runde ging man nicht aus freien Stücken, man wurde von Schlick eingeladen. P. wurde nie eingeladen, er war nie erfreut darüber und hat Schlick diese Tatsache Zeit seines Lebens nie vergessen. Zu verschieden waren die Charaktere: Schlick war sanftmütig und konziliant, P. eher aufbrausend und rechthaberisch. Außer Schlick waren der Soziologe Otto Neurath und der Logiker Rudolf Carnap bekannte Repräsentanten.

Das Hauptanliegen des Wiener Kreises bestand darin, die Philosophie zu einer Wissenschaft zu machen. Er stand in der Tradition der Empiriker David Hume und John Stuart Mill, nach denen nur empirische Wissenschaften gesichertes Wissen über die Welt vermitteln können. Sinnvolle Aussagen der Philosophie sind nur solche, die durch empirische Mehtoden verifiziert werden können, alles andere – insbesondere metaphysische Spekulation – sind sinnlos. Wahre Aussagen lassen sich über die Methode der Induktion gewinnen. Ausgehend von empirischen Einzelbeobachtungen werden allgemeine Gesetzmäßigkeiten induktiv abgeleitet. Der pilosophische Ansatz des Wiener Kreises wurde oft auch als Logischer Empirismus oder Neopositivismus bezeichnet.

Insbesondere das Frühwerk Ludwig Wittgensteins, der Tractatus logico-philosophicus wurde intensiv diskutiert, aber keineswegs alle Teilnehmer stimmten Wittgensteins Haltung des Schweigens vor den letzten Fragen des Lebens und seiner Reduktion der Philosophie auf die Klärung des Sinns von Sätzen zu.

Logik der Forschung

P. entschloss sich, neben seiner Tätigkeit als Hauptschullehrer ein Buch zu schreiben. Er wollte darin seine vom Wiener Kreis abweichende Meinung zur Erkenntnistheorie niederlegen. Ende 1932 war das Manuskript fertig, aber erst Ende 1934 konnte es unter dem Titel Logik der Forschung erscheinen. Der Verlag forderte eine radikale Kürzung des Manuskripts, P. dachte eher an eine Ausweitung. Nun nahm P.’s Onkel, Walter Schiff, die Kürzungen vor, nach dem sein Neffe mehrere Fristen hatte verstreichen lassen. Ohne ihn wäre das Werk wohl nie erschienen.

P. kritisierte die induktive Methode des Wiener Kreises: Aus der Beobachtung, dass Kupfer wiederholt Strom geleitet habe, schlussfolgert man durch Induktion, dass alles Kupfer Strom leitet. Man versucht dies durch wiederholte Messungen positiv zu verifizieren. Man bräuchte wohl unendliche viele Messungen, um zum Ziel zu kommen, meint P. in Anlehnung an eine schon von Hume geäußerten Kritik. Wissenschaft und Spekulation (Metaphysik) grenzt P. hingegen durch das Kriterium der Falsifizierbarkeit voneinander ab. Wissenschaftliche Erkenntnisse sollten so formuliert werden, dass es möglich ist , sie durch eine empirische Beobachtung zu falsifizieren. Die Verifikation wissenschaftlicher Erkenntnisse ist dagegen kaum möglich, alle Naturgesetze sind lediglich Hypothesen, die so lange gelten, bis eine neu beobachtete Tatsache ihre Ungültigkeit oder beschränkte Gültigkeit beweist. So war es gerade mit der Newtonschen Physik durch die Relativititätstheorie geschehen: Bisher für unumstößlich gehaltene Naturgesetze galten nicht mehr in jedem Fall. An die Stelle von Kants grundlegenden Unerkennbarkeit des Dings an sich setzte P. den grundsätzlichen Vermutungscharakter wissenschaftlicher Erkenntnis.

Die Logik der Forschung machte P. auf einen Schlag international bekannt. Er bekam Einladungen zu internationalen Kongressen und diskutierte mit Philosophen und Wissenschaftlern.

Emigration

Schon vor dem Anschluss an Deutschland im Jahre 1938 entstand in Österreich eine zunehmend antidemokratische und antisemitische Atmosphäre. Moritz Schlick wurde am 22. Juni 1936 in der Wiener Universität von einem Studenten erschossen. Viele Wiener Zeitungen sympathisierten mit dem Mörder, Schlick wurde fälschlicherweise für einen Juden gehalten. P. bemühte sich vergeblich um eine Anstellung vornehmlich in England, aber auch in Amerika und anderen Ländern. Zum Schluss erhielt er eine Dozentenstelle für Philosophie am Canterbury University College in Christchurch in Neuseeland, die er im März 1937 antrat.

Die offene Gesellschaft

Was ist Dialektik? war P.’s erste Arbeit auf Englisch, sie entstand 1938 und wurde 1940 veröffentlicht.

Hegel nahm an, dass der Weltgeist sich im Laufe der Geschichte selbst realisiert. Dabei gibt es Widersprüche zwischen These und Antithese, die in der Synthese aufgelöst und auf eine höhere Stufe gehoben werden. Karl Marx übernahm diese Vorstellung, sah aber nicht den Weltgeist, sondern die ökonomischen Widersprüche als Treibkraft der Geschichte.

Hegel und Marx wenden die Dialektik so an, sagte P., dass sowohl eine Aussage als auch ihr Gegenteil zugleich wahr sein können. Jedes Gegenargument wird dabei auch als Widerspruch im Sinne der Dialektik aufgefaßt, die Lehre wird dadurch immun gegen Kritik.

Das Elend des Historizismus erschien 1944, aber P. arbeitete daran schon seit 1936. In dieser Schrift versuchte er nachzuweisen, dass sich in der Geschichte keine Gesetzmäßigkeit nachweisen lässt. Es gibt überhaupt keine Geschichte als Ganzes, sondern nur eine Menge von Geschichten. P. wandte sich gegen Sozialutopien, seien sie von Platon, Thomas Morus oder Karl Marx. An Stelle des Utopisten trat für ihn der nüchterne Politiker, der versucht, konkrete Missstände in kleinen Schritten nach dem System von Versuch und Irrtum zu ändern.

Das Hauptwerk P.’s zur Gesellschaftsphilosophie ist aber Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, das zwischen 1939 und 1943 entstand. P. sah den Ursprung der totalitären Ideologie nicht im 20. Jahrhundert, sondern schon bei Platon. Hegel und Marx sind neben Johann Gottlieb Fichte Vertreter der orakelnden Philosophen, die ebenso wie Platon vorgeben, zu wissen, wie die geschichtliche Notwendigkeit, der ideale Staat auszusehen hat. Der Staat wird dabei immer dem Individuum übergeordnet, Hitler und Stalin gründen sich gleichermaßen auf diese irrigen Ansichten, meinte P..

London School of Economics

P. wollte im Gegensatz zu seiner Frau nie wieder zurück nach Wien. England,dessen Staatsbürger er 1949 wurde, war für ihn aber das Vorbild der offenen Gesellschaft, er war hoch erfreut als er Anfang 1946 an der London School of Economics eine Stelle als Dozent für Logik und Wissenschaftstheorie erhielt. P. wurde leidenschaftlicher Brite, angefangen vom Schulsystem bis hin zum Mehrheitswahlrecht fand er fast alles, was seine neue Heimat anzubieten hatte, trefflich eingerichtet. 1950 wurde er zu einer Vortragsreise nach Amerika eingeladen. Auch das amerikanische politische System fand seine ungeteilte Zustimmung.

Zurück aus Übersee, kauften sich die Poppers Fallowfield, ein westlich von London auf dem flachen Land gelegenes Haus, in völliger Abgeschiedenheit.

Obwohl P. international immer bekannter wurde, war er doch unter seinen englischen Philosophenkollegen weitgehend isoliert. Zum Teil war diese Isolation selbst gewählt, zum Teil war sie seinem Diskussionsstil geschuldet. P. hatte die Falsifikation, also die Kritik an scheinbar feststehenden Wahrheiten, zum Maßstab der Erkenntnis gemacht. Aber selbst konnte er Kritik schlecht vertragen, er neigte dazu, beleidigt oder rechthaberisch zu reagieren.

Der Ungar Imre Lakatos, der Wiener Paul Feyerabend, der Israeli Joseph Agassi – alle wurden wegen ihrer kritischen Haltung vom Meister verstoßen. Die einzige bedeutende Ausnahme war ausgerechnet der Deutsche Hans Albert. Die beiden lernten sich 1958 auf dem jährlichen Philosophentreffen im Tiroler Bad Alpach kennen. Es war der erste Deutsche, dem er nach dem Krieg die Hand gegeben habe, sagte P.. Er hatte den Deutschen die Begeisterung für den Österreicher Adolf Hitler zeitlebens nicht vergeben. Albert führte den Kritischen Rationalismus in Deutschland ein.

Sein mitunter scharfer Diskussionsstil in seinen Seminaren, besonders gegenüber Anfängern, brachte ihm den Spitznamen das liberale Rasiermesser ein.

P. arbeitete weiter ohne Unterbrechung von morgens bis abends an 365 Tagen im Jahr. Die arbeitsintensive Zeit in England ergab aber zunächst keine neuen Positionen, sondern im wesentlichen die Untermauerung seiner alten Anschauung, die er in der Logik der Forschung und der Offenen Gesellschaft schon dargelegt hatte.

Vermutungen und Widerlegungen erschien 1963 und ist eine Sammlung von Aufsätzen aus der englischen Zeit. Unter anderem wird hier noch einmal der Fallibilismus präzisiert: Die Wahrheit ist das Ziel des Denkens, sie existiert auch außerhalb des menschlichen Bewußtseins, aber der Mensch kann nie sicher sein, ob er sie erreicht hat.

Kritik

Mit zunehmender Bekanntheit nahmen auch kritische Äußerungen an P.’s Philosophie seit Beginn der 1950er Jahre zu.

Rudolf Carnap bekräftigte in seinem 1959 erschienen Buch Induktive Logik und Wahrscheinlichkeit gerade in der Kritik an P. noch einmal die Induktion als Methode wissenschaftlicher Erkenntnis.

Der P.-Schüler Imre Lakatos hält in Beweise und Widerlegungen an der Falsifikation fest, meint aber, Theorien und Hypothesen seien nur in einem größeren Zusammenhang, eines wissenschaftlichen Forschungsprogramms zu beurteilen.

Der amerikanische Wissenschaftstheoretiker Thomas Samuel Kuhn betont gegenüber P., der Übergang einer wissenschaftlichen Theorie auf eine andere sei kein kühler rationaler Vorgang, sondern oft ein irrationaler Machtkampf, eine wissenschaftliche Revolution. Kuhn prägte den Begriff des Paradigmenwechsels und betonte die Irrationalität in der Wissenschaft: Auch wenn eine Theorie offensichtlich falsifiziert sei, werde sie noch lange nicht aufgegeben, insbesondere dann nicht, wenn noch keine bessere in Sicht sei.

Paul Feyerabend, ebenfalls ein Schüler P.’s, ging in seiner Kritik noch über Kuhn hinaus. Nach Feyerabend gibt es außer der Wissenschaft noch viele andere Methoden wie Religion oder Kunst, um die Wahrheit zu erkennen. Anything goes war der Slogan seiner Erkenntnistheorie.

Der Positivismusstreit

Der deutsche Soziologe, Politiker und P.-Schüler Ralf Dahrendorf lud sowohl seinen Lehrer als auch den führenden Kopf der neomarxistischen Frankfurter Schule, den Philosophen Theodor W. Adorno, zum Tübinger Soziologentag 1961 ein. Er erhoffte sich eine Auseinandersetzung zwischen diesen beiden grundverschiedenen deutschsprachigen philosophischen Traditionen.

P. betonte in seinem Referat, dass auch in der Soziologie das Ideal der wissenschaftlichen Objektivität anzustreben sei. Es sei jedoch dem Soziologen selten möglich, sich völlig von den Vorurteilen seiner Schicht so weit zu lösen, dass er wirklich wertfrei untersuchen könne.

Adorno stimmte in seinem Referat P. im wesentlichen zu. Die von Dahrendorf erhoffte Kontroverse war – zumindest auf dem Soziologentag – ausgeblieben.

Es war der Adorno – Schüler Jürgen Habermas, der später P. vorwarf, er rechtfertige alles Bestehende und übersehe das notwendigerweise Wertbehaftete aller soziologischen Forschung. Er war es auch, der P. – vermutlich wider besseres Wissen – als Positivisten bezeichnete. P. selbst sah sich nie als Positivist, entwickelte seine Philosophie ja gerade als Kritik am Neopositivismus des Wiener Kreises.

Hans Albert, der deutsche Schüler P.’s antwortete auf Habermas und betonte noch einmal den Unterschied zwischen wissenschaftlichen Tatsachen und Werten. Wissenschaftliche Erkenntnisse seien von sich aus zunächst wertfrei und könnten nicht ein Werturteil belegen oder politisches Engagement begründen.

Ruhestand

1965 wurde P. von Queen Elizabeth II. wegen seiner Verdienste um die Demokratie in den Adelsstand erhoben. 1969 folgte die Emeritierung. Die außerparlamentarische Opposition der 1968er Jahre hatte ihn zum Feind erklärt.

P. lebte zunehmend zurückgezogen, war aber weiterhin emsig tätig und veröffentlichte in den 25 Jahren, die er noch lebte, zahlreiche Aufsätze und Bücher. 1974 erschien sein zweibändiger Beitrag zu Paul Arthur Schilpps Library of Living Philosophers. Ein Teil davon, seine geistige Autobiografie und Einführung in seine Philosophie erschien noch einmal separat 1976 unter dem Titel Unended Quest. An Intellectual Autobiography.

Popper und die deutsche Politik

Herbert Marcuse war einer der prominentesten Vertreter der Frankfurter Schule in der Studentenbewegung der 1968er Jahre. P. führte mit ihm 1971 eine Streitgespräch im deutschen Fernsehen, das auch in Buchform unter dem Titel Reform oder Revolution? erschien. P. verteidigt entschieden die westlichen Staaten, auch und besonders die USA. Es sei die Opposition innerhalb der Vereinigten Staaten gewesen, die zum Ende des Vietnamkrieges geführt habe. Damit habe sich dieses Land als offene, reformfähige Gesellschaft bewährt. Die Frankfurter Schule war für P. eine Fortsetzung der deutschen Tradition der orakelnden Philosphen, die sich nach seiner Meinung auszeichneten durch eine lächerlich verschraubte Sprache und einen gefährlichen Hang zum Totalitarismus aufgrund der Annahme einer historischen Notwendigkeit.

P. wurde zum „Lieblingsphilosophen“ deutscher Politiker. Bundeskanzler Helmut Kohl bekannte sich ebenso zu ihm wie sein Vorgänger Helmut Schmidt.

Die drei Welten

In seinem Spätwerk wandte sich P. noch einmal den letzten Fragen, der Metaphysik zu. Er hatte metaphysische Überlegungen nie gänzlich abgelehnt. Zwar seien metaphysische Feststellungen immer mehr oder weniger Spekulation, könnten also nicht durch Beobachtungen falsifiziert werden. Sie könnten aber doch, wie z. B. der Atomismus der alten Griechen, die Weiterentwicklung der Wissenschaft fördern. So könnten also metaphysische Feststellungen danach beurteilt werden, ob sie sich gut oder schlecht mit den Wissenschaften vereinbaren lassen.

P.’s Interesse an Metaphysik begann bereits 1965. In seinem Aufsatz mit dem Titel Über Wolken und Uhren tritt er für den freien Willen des Menschen und die Unbestimmheit der Natur ein.

Das Ich und sein Gehirn, das 1977 erschien, ist die Ausformulierung seiner metaphysischen Theorie der drei Welten, die P. ihn ihren Grundzügen schon seit 1967 vertrat. Er hat dieses Buch gemeinsam mit seinem Freund, dem australischen Neurophysiologen und Nobelpreisträger John Carew Eccles verfasst. Es geht in dem Buch um das Leib-Seele-Problem. P. geht davon aus, dass das menschliche Bewußtsein an die Existenz des menschlichen Körpers gebunden sei, es also kein Bewußtsein, kein Gefühl ohne Körper gibt. Er glaubt auch nicht an eine unsterbliche Seele und auch nicht wie Eccles an einen übernatürlichen Ursprung des Geistes. Er nimmt aber an, dass Ideen und Theorien, einmal niedergelegt, einer eigenen, der dritten Welt angehören. Diese Welt hat eine eigene, von der Materie unabhängige Existenz. Ideen können wieder aufgegriffen und weiter entwickelt werden, auch wenn der Schöpfer dieser Ideen schon lange tot ist. Die zweite Welt – das Bewußtsein – stirbt, wenn die erste Welt – der Körper – stirbt, aber die dritte Welt – die Idee – lebt weiter.

Philosophie bis zum Lebensende.

Im Sommer 1985 erkrankte Hennie schwer. Auf ihren Wunsch hin übersiedelte die Familie P. noch eínmal nach Österreich. Nachdem Hennie im November 1985 verstorben war, konnte sich P. doch nicht zu einem dauerhaften Aufenthalt in Österreich entscheiden. England war seine Wahlheimat geworden. Im Sommer 1986 kehrte er zurück, er wurde aufgenommen von seiner Sekretärin Melitta Mew. Bis kurz vor seinem Tod arbeitete P. weiter an philosophischen Fragestellungen, unter anderem wandte er sich noch einmal intensiv den Vorsokratikern zu.

Er erkrankte am 7. Sept. 1994 akut und verstarb nach einem kurzen Krankenlager nur 10 Tage später im hohen Alter von 92 Jahren.

Literatur

* Karl R. Popper, Logik der Forschung (1930), (Logik der Forschung, Gesammelte Werke Bd. 3, Mohr Siebeck, 2005)

* Karl R. Popper, The Open Society and Its Enemies, (Vol. I and II), (1945), (dt.: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, 2 Bände, UTB, Stuttgart 1992)

* Karl R. Popper, Unended Quest. An Intellectual Autobiography, (1976), (dt.: Ausgangspunkte: Meine intellektuelle Entwicklung, Hoffmann und Campe, 2002)

* Karl R. Popper, John C. Eccles, The Self and Its Brain, (1977), (dt.: Das Ich und sein Gehirn, Piper 1989)

* Martin Morgenstern, Robert Zimmer, Karl Popper, dtv, München, 2002

The Karl Popper Web (engl.)

poppersociety.net (deutsch)

Read Full Post »

alfred_nobel.jpegAlfred Bernhard Nobel (* 21. Okt. 1833 in Stockholm; † 10. Dez. 1896 in San Remo, Italien), Chemiker, Industrieller, Erfinder des Dynamits und Stifter des Nobelpreises.

Kindheit in Stockholm

Als N. 1833 zur Welt kam, ging sein Vater Immanuel Nobel gerade als Architekt und Baumeister Konkurs, dies war ihm zuvor schon einige Male mit verschiedenen Firmen passiert. 1838 siedelte er aus diesem Grund nach St. Petersburg um, er gründete dort eine Fabrik zur Herstellung von Tretminen. Alfred blieb mit seinen älteren Brüdern Ludwig und Robert und seiner Mutter Andriette N. in Stockholm zurück, wo sich die Restfamilie mit einem Geschäft für Milch und Gemüse mehr recht als schlecht durchschlug.

St. Petersburg

1843 holte der Vater seine Familie nach St. Petersburg nach, die neue Firma florierte, Alfred bekam eine vornehme Ausbildung durch Hauslehrer, er lernte unter anderem Russisch, Französisch, Englisch und Deutsch.

Von 1850 bis 1852 schickte der Vater seinen Sohn auf eine Studienreise durch Europa und die Vereinigten Staaten. Er sollte sich neben seiner eigenen Weiterbildung in den Naturwissenschaften zum Wohle der väterlichen Firma näher mit Sprengstoff befassen, der Vater hoffte wohl auch, den 17 jährigen von seinem Wunsch, Dichter zu werden, abbringen zu können.

Seine erste Begegnung mit dem Nitroglycerin hatte N. wahrscheinlich während seines einjährigen Aufenthaltes bei dem Chemiker Jules Pelouze in Paris.

Nachdem die väterliche Firma, bedingt durch den Krimkrieg, zunächst stark prosperierte, folgte 1856 nach Kriegsende der nächste Bankrott. Die Eltern zogen zurück nach Schweden und nahmen den jüngeren Bruder Emil mit, die drei älteren Geschwister blieben in Russland. Ihr ehemaliger Lehrer Nikolai Sinin erinnerte die Brüder an die bisher ungenutzten Möglichkeiten des Nitrogylcerins, das bereits 1847 von dem Italiener Ascanio Sobrero entdeckt worden war.

Sprengöl, Nitrogylcerin-Zünder und ein schwerer Unfall

N. folgte diesem Rat und konnte 1860 ein Patent für das Sprengöl anmelden, eine Mischung aus Schwarzpulver und Nitroglycerin.

1863 kehrte N. nach Schweden zurück, ein Jahr später kam das Patent für einen Nitroglycerin-Zünder, der aus einer Metallkapsel bestand, die mit Schwarzpulver gefüllt war, hinzu.

Im selben Jahr explodierte seine kleine Nitroglycerinfabrik, 5 Menschen kamen dabei um, darunter war auch sein kleiner Bruder Emil. Dieser tragische Unfall konnte N. nicht von weiteren Versuchen mit Nitrogylcerin abhalten. Er produzierte weiter Sprengstoff: Zunächst auf einem Kahn im Mälarsee, weil der schwedische Staat die Produktion in der Nähe von Wohnhäusern verbot, später in einer neuen Fabrik in Vinterviken südlich von Stockholm.

Nobel erfindet das Dynamit

Das Hauptproblem des neuen Sprengstoffs: Er ist schwer zu transportieren, neigt zur spontanen Explosion. Andererseits besteht das dringende Bedürfnis nach einem stärkeren Sprengmittel verglichen mit dem bisher verwandten Schwarzpulver. Der Bedarf an Verkehrswegen wie Kanälen, Tunnel und Eisenbahnen war durch die industrielle Revolution sprunghaft angestiegen, das Militär verlangte nach neuen effektiven Waffen.

Durch Zufall entdeckte N., dass Nitroglycerin vermischt mit Kieselgur, einem Sediment der Panzer vorzeitlicher Kieselalgen, einen effektiven, sicher zu transportierenden Sprengstoff ergab. Er nannte ihn Dynamit von dynamis, dem griechischen Wort für Kraft.

Das Patent hierfür erhielt N. 1867 zum ersten Mal in England. Die Sprenggelatine, eine Mischung aus Nitroglycerin und Kollodium, ist eine weitere Verbesserung des Dynamits, N. erhält das Patent hierfür 1875. Neun Jahre später beantragt N. das Patent für Ballistit, eine Mischung aus Nitrozellulose und Nitroglycerin, das das seit dem 15. Jahrhundert in Handfeuerwaffen verwendete Schwarzpulver mit seiner enormen Rauchentwicklung ablöst.

Ein rastloser Erfinder und eifriger Unternehmer

Insgesamt entwickelte der rastlose Tüftler 355 Patente, die ihren Teil zu seinem enormen Reichtum beitrugen. Eine zweite Quelle war die Gründung von 90 Dynamitfabriken in über 20 Ländern der Welt, die erste davon war die schwedische Nitroglycerin Aktie Bolaget und die Niederlassung Nobels in Krümel bei Hamburg mit seinen reichen Kieselgurvorkommen. Kurz darauf folgte die amerikanische United States Blasting Oil Company, 1871 wurde die Sprengstofffabrikation in Frankreich in Rekordzeit aus dem Boden gestampft – passend zum deutsch französischen Krieg. Die dritte Quelle seines Reichtums waren die Beteiligungen an den Ölgeschäften seiner in Russland verbliebenen Brüder Robert und Ludwig.

Unglückliche Lieben

N. heiratete nie und hatte auch keine Kinder. Er hatte eine kurze Affäre mit der Friedenskämpferin Bertha von Suttner, die damals noch Bertha Kinski hieß. Kennen gelernt hatte er sie nach einer Annonce, in der er eine Haushälterin suchte. Er blieb mit der Friedensaktivistin zeitlebens verbunden und führte einen regen Briefwechsel. Eine etwas längere unglückliche Liebe verband ihn mit dem 23 Jahre jüngeren Blumenmädchen Sofie Hess.

Der Zugvogel Nobel

Seinen Wohnsitz wechselte N. mehrfach jährlich. Von 1873 bis 1890 traf man Nobel häufig in Paris, nach Auseinandersetzungen mit den französischen Behörden verlegte er seinen Schwerpunkt ins italienische San Remo, seit 1894 hielt er sich im Sommer in Schweden, im Winter in Italien auf.

Das Testament

In San Remo starb N. völlig einsam im Jahre 1896 an einer Hirnblutung. Ein Jahr zuvor litt er an Angina pectoris, die Anwendung von Nitroglycerin zur Linderung seiner Beschwerden, wie sie auch heute noch üblich ist, lehnte er kategorisch ab.

Sein letztes Testament, dem schon zwei mit ähnlichem Inhalt vorausgegangen waren, verfasste er am 27.11.1895 ohne jeden Rechtsbeistand auf einer einzigen Seite Papier. Die Erben sollten nur 1,5 Millionen erhalten, der Großteil der 33, 5 Millionen Schwedenkronen sollte:

„… vom Testamentvollstrecker in sicheren Wertpapieren realisiert, … einen Fond bilden, dessen jährliche Zinsen als Preise denen zuerteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben.“

Die Auswahl der fünf Gebiete des Nobelpreises war eine konsequente Folge seiner Biografie: Zeit seines Lebens war N. der Chemie und Physik als Forscher und Erfinder zugetan. Er kränkelte ebenfalls zeitlebens, den Zeitpunkt seines Todes hat er vorausgesehen, die Beschränktheit der Medizin seiner Zeit erkannt. Schriftsteller wäre er selber gerne gewesen, er verfasste einige Gedichte, auch kurze Novellen und Bühnenstücke, erkannte aber selbst die bescheidene Qualität seiner literarischen Arbeit. Ob der Friedensnobelpreis seinem schlechten Gewissen wegen der Erfindung des Dynamits oder der Verbindung mit Berta von Suttner gedankt werden kann, bleibt Gegenstand der Spekulation.

„Alfred Nobel – His Life and Work“ auf nopelprize.org (engl.)

Read Full Post »