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Archive for the ‘Gesundheitspolitik’ Category

schreibtisch_09022007_002_116636_by_claudia-hautumm_pixeliodeDie internationale Wirtschaftsberatungsagentur Ernst & Young veröffentlichte in diesen Tagen eine Studie zur Patientenzufriedenheit in Deutschland.

Die ganze Studie kann auf der Internetseite von Ernst und Young heruntergeladen werden.

Interessant an den Ergebnissen der Studie: Die befragten Deutschen vertrauen in medizinischen Dingen am ehesten ihrem Hausarzt, mehr als dem niedergelassenen Facharzt und mehr als der Uniklinik. Auch in der Behandlung bekommen die Hausärzte durchweg gute Noten: Mehr als 90 % bewerteten die Behandlung beim Hausarzt als positiv, mehr als bei jeder anderen Einrichtung im Gesundheitssystem.

41 % sehen Verschlechterung im letzten Jahr

Obwohl 85 % der Befragten sich insgesamt zufrieden mit der gesundheitlichen Versorgung zeigten, bemerkten doch 41 % eine Verschlechterung im letzten Jahr, nur 14 % gaben eine Verbesserung an, der Rest sah keine Veränderung.

Übrigens unterscheidet sich die Zufriedenheit auf dem Land und in der Stadt kaum, auch bei den Bundesländern sind die Unterschiede minimal: Am zufriedensten sind die Patienten im Norden und Westen der Republik.

Quellen

Pressebericht und Link zum Download der Studie „Gesundheitsbarometer 2009“

Bild: ©Claudia35 auf pixelio.de

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updHeute morgen konnte man es in allen Zeitungen lesen: Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) hat eine kostenlose Telefonnummer geschaltet: Unter 0800 0 117722 können Patienten hier anrufen und sich beraten lassen.

Hier kann man nach allem fragen, was mit Krankheit zu tun hat

Fragen kann man hier offensichtlich (fast) alles, was irgendwie mit Krankheit zusammenhängt. Informationen über regionale Therapieangebote erhält man hier beispielsweise oder auch Hilfe, wenn man glaubt, der behandelnde Arzt habe sich einen Kunstfehler zu Schulden kommen lassen.

Die UPD selbst gibt es schon seit zwei Jahren, sie wurde als Modellprojekt der Gesundheitsreform Anfang 2006 gestartet und wird von den Krankenkassen, also den Mitgliedsbeiträgen der Versicherten, finanziert.

Wer ist der Berater?

Leider kann man im Internetangebot nicht herausbekommen, wer eigentlich berät. „Unabhängigkeit“ und „Kompetenz“ wird versprochen. Unabhängig ist die Beratung ganz sicher von ärztlicher Kompetenz: Ärzte sind im Beratungsteam offensichtlich nicht vertreten.

Welche Qualifikation die Berater nun aber im einzelnen aufweisen, darüber schweigt sich die Website aus.

Eine Anfrage für 100 Euro ?

Billig ist die Angelegenheit auch nicht: 100. 000 Anfragen habe man in zwei Jahren bearbeitet, wurde heute stolz verkündet. 5,1 Millionen Euro kostet die UPD pro Jahr, meldet der Marburger Bund in einer Pressemitteilung schon Anfang 2006. 100.000 Anfragen für 10 Millionen Euro, das macht 100 Euro pro Anfrage – für dieses Geld betreut Ihr Hausarzt sie sechs Monate lang rund um die Uhr. Wahrscheinlich ist die UPD jetzt schon teurer geworden, auch die kostenlose Telefonnummer wird nicht umsonst zu haben sein.

Viel Kompetenz, gut verständlich, nicht fehlerfrei

Die Qualität der Telefonberatung konnte ich noch nicht testen, habe aber einige „Beratungsfälle des Monats“ und das Archiv der Pressemitteilungen durchstöbert. Dort sind viele gut verständliche und kompetente Informationen vertreten. Fehler gibt es auch: Die neu eingeführte Kindervorsorge U7a kann z.B. sowohl beim Kinderarzt als auch beim Allgemeinarzt durchgeführt werden und nicht ausschließlich beim Pädiater, wie die UPD meint.

Rufen Sie an!

Trotzdem, ich werde die UPD meinen Patienten empfehlen. Rufen Sie an, liebe Leser! Fünf Millionen Euro müssen genutzt werden (wahrscheinlich sind es noch mehr). Berichten Sie mir über Ihre Erfahrungen!

Sie vermuten einen Kunstfehler – was tun?

Übrigens: Wenn Sie vermuten, dass Ihr Arzt Sie falsch behandelt hat, suchen Sie zunächst das Gespräch mit Ihm selbst. Reden Sie ganz offen über Ihren Verdacht. Auch uns Ärzten ist es (mittlerweile) bewusst, dass wir Fehler machen. Wir wollen sogar aus unseren Fehlern lernen, oder noch besser: Aus den Fehlern anderer, bevor wir sie selbst machen.

Wenn das Gespräch mit Ihrem behandelnden Arzt nichts bringt, fragen Sie einen anderen. Auch Angehörige gesetzlicher Krankenkassen haben das Recht auf eine „zweite Meinung“, die Sie übrigens am besten vor einer Operation oder einer anderen riskanten Behandlung einholen sollten.

Und dann gibt es da noch die Schlichtungsstellen der Ärztekammern. Die Ärztekammer ist so etwas wie die Innung bei den KFZ-Werkstätten. Jeder Arzt ist Mitglied einer Ärztekammer. Die Ärztekammer bietet bei einem Kunstfehlerverdacht eine kostenlose und unverbindliche Begutachtung und Schlichtung an.

Beide Seiten: Arzt und Patient, müssen mit dem Schlichtungsverfahren einverstanden sein. Der Ausgang der Schlichtung lässt Ihnen den Prozessweg offen, aber die Schlichtung erspart Ihnen möglicherweise viel Geld für Rechtsanwälte, Gutachten und Gerichte.

Quellen

Unabhängige Patientenberatung Deutschland – Homepage

Marburger Bund kritisiert „Unabhängige Patientenberatung Deutschland“

Deutsches Ärzteblatt 6/2007: Patienteninformation: Guter Rat ist teuer

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abreiseMehr als 70 % aller Medizinstudenten denken daran, im Ausland als Arzt zu arbeiten. Schlechte Arbeitszeiten, beschränkte Budgets und mageres Honorar werden als Hauptgründe genannt. Skandinavien, die Schweiz, England, Österreich, die USA und Australien werden als Auswanderungsziele genannt.

Nur 17 % aller befragten angehenden Mediziner wollen in Zukunft als Hausarzt arbeiten.

Dies sind die Ergebnisse einer Studie, die ein Forscherteam unter der Leitung von Dorothea Osenberg vom Institut für Allgemeinmedizin an der Ruhr Universität Bochum durchgeführt hat.

Die Studie ist noch nicht komplett veröffentlicht, es handelt sich um Vorabmeldungen der Pressestelle der Universität in Bochum.

Befragt wurden 4000 Studenten der Medizin, 1300 davon aus Bochum.

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hatte in der letzten Woche in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung die Ministerpräsidenten der Länder aufgefordert, Stipendien an Medizinstudenten zu vergeben, um dem Ärztemangel auf dem Land entgegen zu wirken.

Das Land solle das Studium finanzieren und der Stipendiat sich im Gegenzug bereiterklären, auch als angestellter Arzt für fünf oder sechs Jahre an einem unterversorgten Ort zu arbeiten. „Ich bin überzeugt, 80 Prozent dieser Mediziner bleiben“, sagte die Ministerin wörtlich.

Ich habe meine Zweifel, ob dies tatsächlich etwas am Problem ändern wird. (Ganz abgesehen davon, dass es sich nur um einen Appell handelt und keine wirkliche Maßnahme.)

Ein Medizinstudium ist sehr teuer, es kostet den Steuerzahler mehrere hunderttausend Euro. Können wir es uns wirklich leisten, Ärzte in erster Linie für den Bedarf im Ausland auszubilden?

Der schrittweise Abbau der hausärztlichen Versorgung, insbesondere im ländlichen Bereich, ist überall sichtbar – niedergelassene Hausärzte finden keine Nachfolger mehr. Sind die Praxen erstmal dicht, dauert es Jahrzehnte, bis die ärztliche Versorgung wieder aufgebaut werden kann: Die Ausbildung eines Allgemeinarztes dauert (mindestens) 11 Jahre.

Ein Arzt, der seinen Leben in England oder Australien, in den USA oder Dänemark aufgebaut hat, kehrt nicht so einfach zurück.

Die Zeit zum Handeln ist jetzt gekommen und ich denke, meine Meinung wird von der oben genannten Studie unterstützt.

Quellen

Zeit online: Medizinstudenten – Nach dem Abschluss ab ins Ausland

WAZ: Ärzte als Auswanderer

IDW online: 70 Prozent der angehenden Ärzte können sich vorstellen auszuwandern

Bild: ©captureware auf pixelio.de


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Im Januar 1999 beschloss der Deutsche Bundestag, dass Ärzte mit dem 68. Lebensjahr keine Kassenpatienten mehr behandeln dürfen. (Privatpatienten aber unbegrenzt!) Für den Januar 2009 plant die Bundesregierung, diese Regelung wieder abzuschaffen.

1999 dachte man wohl: Weniger Ärzte – weniger Kosten. Jetzt erkennt man: Die ärztliche Versorgung auf dem Land ist bald nicht mehr gesichert, wenn alle Landärzte mit 68 Jahren zwangspensioniert werden.

In Bayern hat man die Konsequenz gezogen und im Vorgriff auf die neue Regelung zumindest den Kassenzahnärzten erlaubt, auch nach dem 68. Lebensjahr eine Kassenpraxis zu führen.

Eine Internistin (67 Jahre) und ein Zahnarzt (68 Jahre) aus Berlin hatten Pech. Heute wurde ein Urteil des Bundessozialgerichts bekannt: Die Zwangs – Verentung der beiden Kläger ist rechtens und verstößt auch nicht gegen das Grundgesetz und EU-Recht.

Zumindest der Zahnarzt könnte jetzt nach Bayern umziehen ….

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Alle Welt spricht vom Bürokratieabbau. „Wir nicht“ – so heißt es in der Praxis des Kassenarztes. (Pardon – der heißt jetzt neuerdings „Vertragsarzt“.)

Seit 1985 fülle ich Kuranträge („Anträge auf Leistungen zur medizinischen Rehabilitation“) für meine Patienten aus. Sie wurden mal bewilligt, mal nicht. Warum ein Kurantrag mal abgelehnt wurde und mal nicht, konnte ich noch nie verstehen. Ich hätte das Ergebnis auch auswürfeln können.

Sensation: Formularinkompetenz nach 20 Jahren aufgedeckt!

Im Jahre 2005 hat man festgestellt, dass ich diese Anträge nicht mehr ausfüllen kann.

Entweder musste ich einen Fortbildungskurs besuchen, in dem mir erklärt wird, wie ich das richtig mache. Oder ich musste nachweisen, dass ich so und so viele Kuranträge schon ausgefüllt habe.

Mir kommt es so vor, als ob ich in den 20 Jahren zwischen 1985 und 2005 Millionen von Kuranträgen ausgefüllt hätte. „Kurantrag ausfüllen“ ist nicht lustig, es macht keinen Spaß. Ich habe es nur gemacht, um meinen Patienten zu helfen.

Im besagten Jahr 2005 sollte ich nun 15 Kuranträge nachweisen. Wollte ich nicht. (Glaubt eigentlich irgend jemand, dass ein Allgemeinarzt in 20 Jahren keine 15 Kuranträge zusammen bekommt?) Zur Fortbildung wollte ich aber auch nicht und meine Kollegen in der Nachbarschaft hatten auch keine Lust. (Haben wir eigentlich nichts besseres zu tun?)

Genehmigung zur Verordnung von Leistungen zur medizinischen Rehabilitation gemäß der Rehabilitations-Richtlinie nach § 92 Abs. 1 Satz 2 Nr. 8 SGBV vom 16.03.2004 in Verbindung mit der Qualitätssicherungsvereinbarung gemäß § 135 Abs. 2 SGBV vom 01.03.2005 – so heißt übrigens die Lizenz zum Kur – Verordnen.

Keiner will mehr Kuranträge ausfüllen

Also blieb ich ohne Genehmigung zur Verordnung von Leistungen zur medizinischen Rehabilitation gemäß…. Ich erkundigte mich bei den zuständigen Stellen, wer denn noch dem Patienten zur Kur verhelfen dürfte.

Die Liste mit zehn Adressen kam postwendend. Meine Sprechstundenhilfen telefonierten sich die Finger wund. Der eine Kollege wollte nicht, der andere war verstorben, der dritte durfte gar nicht – er stand nur aus Versehen auf der Liste.

Schließlich blieben zwei übrig. Der eine war der Meinung, mein Patient braucht gar keine Kur. Der andere durfte zwar Kuren beantragen, wollte dies aber nicht mehr für andere übernehmen.

Also bin ich zu Kreuze gekrochen, habe 15 Kuranträge irgendwo zusammengesucht und den Antrag gestellt.

Nunmehr darf ich, der schon seit 20 Jahren Kuranträge stellt, dies auch weiterhin tun.

Ärzte können keine zwei Formulare unterscheiden

Man hat aber festgestellt, dass Ärzte nicht wissen können, welches Formular das richtige ist.

Deshalb hat man das „Formular Nr. 60“ erfunden. Das Formular Nr. 60 ist – man glaubt es nicht – der Antrag auf einen Kurantrag. (In Wirklichkeit heißt es natürlich viel bedeutender, das habe ich aber vergessen.) Das Formular Nr. 60 geht zur Krankenkasse, dann erhält man postwendend das Formular Nr. 61, wenn die Krankenkasse zuständig ist. Ist stattdessen z.B. die Rentenversicherung zuständig, dann wird das entsprechende Formular für die Deutsche Rentenversicherung geschickt. Kann aber auch sein, dass die Krankenkasse nur mitteilt, man möge doch lieber dort das Formular anfordern.

Kurz zusammengefasst: Das Formular Nr. 60 wurde erfunden, weil ein Mensch mit Abitur, abgeschlossenem Medizinstudium, 5 Jahren Weiterbildung und 20 Jahren Berufserfahrung nicht in der Lage ist, zu erkennen, ob die Rentenversicherung oder die Krankenversicherung für den Kurantrag zuständig ist.

Es ist noch keine zwei Wochen her: Ich stelle einen Antrag auf Formular Nr. 60, den Antrag auf den Kurantrag. Ich bekomme den falschen Antrag zurück. Ich weiß, das dieser Antrag falsch ist. Die Patientin ist Rentnerin, da bezahlt die Rentenversicherung keine Kur. Ich fülle den Antrag trotzdem aus. Zwei Wochen später: Die Patientin kommt wieder in meine Praxis.

Die Krankenkasse hat ihr kommentarlos einen zweiten Antrag geschickt – den richtigen.

Ist jetzt jedem klar, womit wir unsere Zeit verbringen und warum die Kosten des Gesundheitssystems nicht in den Griff zu kriegen sind?

Quellen

Eigene Erfahrung

Rehaklinik: Ärzte füllen keine Kuranträge mehr aus

Bild: © El-Fausto auf pixelio.de

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Kürzlich bemerkte ein Kollege von mir in einer Diskussion, die beste Lösung für die Gesundheitsreform in Deutschland wäre eine Kombination aus holländischer Ausbildung und dänischem Gesundheitswesen.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich das dänische Gesundheitswesen bisher überhaupt nicht kannte. Ich habe mich also schnell hingesetzt und nachgeforscht. (Das holländische System ist mit einigermaßen vertraut, wir kommen später drauf zurück.) Und hier sind die Ergebnisse: Die Pluspunkte und die Nachteile des dänischen Gesundheitssystems aus meiner Sicht.

1.) In Dänemark gibt es nur eine Krankenkasse. Ein enormer Kostenvorteil, wie ich denke. Ich habe noch nie verstanden, warum wir 220 Stück davon in Deutschland brauchen. Jede Däne und jeder in Dänemark lebende EU-Ausländer ist automatisch krankenversichert.

2.) Das dänische Gesundheitssystem wird über Steuern finanziert. Die Finanzierung über Steuern finde ich wesentlich gerechter als die über Krankenkassenbeiträge. Somit tragen auch höhere Einkommen mehr zur Finanzierung der Krankheitskosten bei, in Deutschland werden niedrige Einkommen relativ stärker belastet. (Auf Arbeits – Einkommen müssen in Deutschland nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze (5300 Euro West, 4500 Euro Ost) Beiträge zur Krankenversicherung abgeführt werden Wer mehr verdient, kann sich entweder privat versichern oder bekommt Rabatt bei der gesetzlichen Versicherung.)

3.) Nicht jeder Arzt darf seine Praxis gründen, wo er will. Ein örtlicher Ausschuss, besetzt mit Vertretern der Gesundheitsbehörde und der Ärzte entscheidet darüber, wo sich ein Arzt niederlassen darf. Das deutsche Problem: Überversorgung in den Städten und Ärztemangel auf dem Lande existiert nicht in Dänemark. Die ärztliche Versorgung ist flächendeckend garantiert bis auf die kleinste Insel.

4.) Die Patientenakte wird ausschließlich elektronisch organisiert und ist über das Internet einsehbar. Und zwar darf nicht nur der Arzt, sondern auch der Patient in seiner Akte lesen. Bei einer Notfallbehandlung kann die Akte vom behandelnden Arzt eingesehen werden. Die Notfallbehandlung wird sofort eingetragen, der Hausarzt ist sofort informiert. Das Rezept geht auf dem gleichen Weg zur Apotheke. Hat ein anderer Arzt als der Hausarzt in die Akte geschaut, wird der Patient informiert, das reicht den Dänen als Datenschutz. Alle im Krankenhaus erhobenen Befunde, Röntgenbilder etc. sind als Link in die Akte eingefügt. Ein Klick auf den Link und das Bild ist da! Ohne Zweifel wirft diese Vorgehensweise eine gewaltige Einsparung von Kraft, Mühe und Geld ab. In Deutschland wird sich dies vermutlich nie durchsetzen lassen, die Furcht vor dem gläsernen Patienten ist zu groß.

5.) In Dänemark ist ein strenges Hausarztsystem installiert. (Fast) jeder Däne ist bei einem Hausarzt registriert. Dieser ist sein erster Ansprechpartner in allen Fragen der Gesundheit und Vorsorge. Und bei den Hausärzten werden auch 90 % aller Behandlungen abgeschlossen. 3500 niedergelassene Allgemeinmediziner, 1000 Fachärzte und 3800 Zahnärzte versorgen die rund 5,5 Millionen Dänen. Herrschten deutsche Verhältnisse im Land der Dänen, dann wäre die Zahl der Fachärzte mehr als drei mal so hoch. Außer bei den HNO- und den Augenärzten gibt es ein Zugang zum Facharzt nur über den Hausarzt. Fachärzte sind in der Regel bei den Krankenhäusern angesiedelt.

Die Dänen scheinen mit diesem System zufrieden zu sein. Die Dänen können auch eine andere Variante der Krankenversicherung mit freiem Facharztzugang wählen. Das ist etwas teurer und der Patient muss die Kosten der Behandlung vorschießen. Nur 2 % der Dänen wählen diese Art der Versicherung.

Die Medizinerausbildung an den Universitäten ist auf die Ausbildung von Hausärzten zugeschnitten. Ähnlich wie in Deutschland dauert das Medizinstudium sechs Jahre, es folgt ein Praktikum von 18 Monaten und eine Weiterbildung zum Allgemeinarzt von weiteren fünf Jahren.

6.) Die Dänen sind zufrieden mit ihrem Gesundheitssystem. Jedenfalls ist die Gesundheitsreform kein Thema in Dänemark. Keine der bestehenden Parteien stellt das bestehende System grundsätzlich in Frage, Umfragen bei Patienten zeigen gute bis sehr gute Zufriedenheit.

Apropos Zufriedenheit: Den Hausärzten geht es blendend in Dänemark. Sie haben eine 37- Stunden Woche, verdienen dabei aber fast doppelt so viel wie ihre deutschen Kollegen. Dänemark ist Ärztezuwanderungsland – vor allem schwedische Kollegen lockt der höhere Verdienst. (Die frei werdenden Stellen in Schweden werden unter anderem von deutschen Ärzten aufgefüllt.) Im Gegensatz zu Schweden, die auch eine staatliche Einheitskrankenkasse besitzen, sind die Hausärzte in Dänemark Freiberufler wie in Deutschland, in Schweden dagegen Staatsangestellte.

7.) Das dänische Gesundheitssystem arbeitet kostengünstig. Die Ausgaben für Gesundheit – gemessen in Prozentanteilen am Bruttoinlandsprodukt – liegen weltweit am höchsten in den USA, in der Schweiz und in Deutschland. Dänemark liegt hingegen unter dem EU-Durchschnitt und genau im Durchschnitt der OECD-Länder.

Nun kann man ein 5-Millionen-Land schlecht mit einem 80-Millionen-Land vergleichen, trotzdem: Es scheint, als hätten die Dänen wichtige Einsparpotenziale aufgetan, ohne die Zufriedenheit der Beteiligten zu stören.

8.) Lange Wartezeiten auf (planbare) Operationen Die Dänen müssen mitunter lange auf eine neue Hüfte warten, länger als in Deutschland jedenfalls. Allerdings kann jeder Däne jedes dänische Krankenhaus in Anspruch nehmen und alle Krankenhäuser veröffentlichen die Wartezeiten im Internet. Muss der Patient länger als einen Monat auf den operativen Eingriff warten, dann kann er ihn auf Staatskosten auch im Ausland oder in einer Privatklinik vornehmen lassen.

Privatkliniken entstehen zunehmend in Dänemark, für die Behandlung in diesen Spezialeinrichtungen kann man eine private Krankenversicherung abschließen. Viele Gesundheitspolitiker kritisieren diesen Trend: Sie werfen den Versicherungsgesellschaften vor, sie würden Privatkliniken mit Defizit betreiben, nur um die Nachfrage nach privaten Krankenversicherungen künstlich zu schaffen.

9.) Ärztemangel zeichnet sich ab. Vor allem Hausärzte auf dem Land haben Probleme, Nachfolger für ihre Praxis zu finden. Auch in Dänemark wird die Arbeit auf dem Lande für Ärzte zunehmend unattraktiver. Immer mehr Frauen studieren Medizin, wie in Deutschland sind auch in Dänemark bereits 60 % der frischgebackenen Mediziner Ärztinnen. Und die bevorzugen Teilzeitstellen oder solche in der Nähe der Stadt, wo der Ehemann arbeitet und die Kinder bessere Betreuungs- und Schulmöglichkeiten haben. Nimmt der Frauenanteil an der Medizinerschaft zu, dann muss mehr Nachwuchs her, es müssen mehr Medizinstudenten ausgebildet werden. Frauen scheiden nun mal häufiger als Männer zeitweise aus dem Berufsleben wegen Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung aus. Diese Tatsache wurde und wird sowohl von deutschen als auch von dänischen Gesundheits- und Bildungspolitikern nicht erkannt.

10.) Hohe finanzielle Patientenbeteiligung beim Zahnarzt und bei Medikamenten. Die ersten 70 Euro im Jahr für Medikamente muss der Patient selbst bezahlen. Im Vergleich zu Deutschland ist das ungünstiger für die Leichtkranken, die nur wenig Medikamente brauchen. Für die Schwerkranken mit hohem Medikamentenbedarf wäre das dänische System von Vorteil.

Für den Zahnarzt zahlt die dänische Krankenkasse nur 25 % der Rechnung, den Rest trägt der Patient.

Fazit

Das dänische Gesundheitswesen kann nicht ohne weiteres in Deutschland übernommen werden. Die Struktur in Deutschland ist über Jahrzehnte gewachsen und kann nicht in einem Kraftakt umgebogen werden. Allerdings: Es gibt vieles, was wir meines Erachtens von den Dänen lernen können: Weniger Krankenkassen und mehr Hausärzte – das spart im Gesundheitswesen!

Übrigens: Ich würde mich freuen über Kommentare von Patienten, die das dänische Gesundheitswesen von innen – als Patient oder als Gesundheitsberufler – kennen gelernt haben.

Quellen

Dirk Schnack: Hausarztpraxis in Dänemark, Schleswig Holsteinisches Ärzteblatt 1/2002

Erfahrungsbericht einer Schweizer Ärztegruppe über das dänische Gesundheitswesen

WOZ – Die Wochenzeitung, 22.2.2007: Reinhard Wolff: Beispiel Dänemark

Rheinisches Ärzteblatt 2/2004: Das dänische Gesundheitssystem

Manuskript SWR: Billiger muss nicht schlechter sein – Was Gesundheit in anderen Ländern kostet, 1.9.2004

Rheinhessische Patienteninformation: Das Gesundheitssystem Dänemarks, 12.5.2004

SPD-Bundestagsfraktion: Internationale Studie Gesundheit, 1.9.2005

Heinz Bhend, Dänemark – hast du es gut!?, Primary Care, 8/2008

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In Sachsen herrscht Ärztemangel. Die sächsische Landesregierung hat sich einiges einfallen lassen, um dem entgegen zu wirken: Österreichische Ärzte werden angeworben; Medizinstudenten bekommen Unterstützung, wenn sie sich nach dem Studium in Sachsen niederlassen.

Das alles wird wenig nützen: 40 Millionen Euro sollen 272 sächsische Arztpraxen bezahlen, weil sie zu viele Medikamente verordnet haben.

Das alles läuft unter dem Stichwort „Arzneimittelregress“. Kaum jemand in der Öffentlichkeit versteht das richtig. Der Arzneimittelregress heißt nicht, dass ein Arzt weniger Honorar erhält. Nein, es heißt, dass er für die Medikamente, die er seinen Patienten verordnet hat, mit seinem ganzen Hab und Gut haftet.

Ja, sie haben richtig verstanden: Mit seinem ganzen Hab und Gut. Die Summe, die der Arzt für ein Jahr bezahlen muss, kann um ein Vielfaches höher sein, als das, was er in diesem Jahr verdient hat. Die einzige Begrenzung: Der Umsatz (nicht Verdienst!) von einem und einem halben Jahr.

Ich habe enorme Schwierigkeiten, solche Widersprüche zu verstehen: Auf der einen Seite wird Geld verschwendet, um Medizinstudenten und ausländische Ärzte nach Sachsen zu holen – auf der anderen Seite werden bestehende Praxen in den Ruin getrieben.

In Sachsen und auch anderswo in Deutschland ist vor allem die Hausarztpraxis auf dem Land vom Aussterben bedroht. Und genau diese Praxen sind auch überdurchschnittlich oft vom Regress betroffen. Die ländliche Lage wird nicht als „Praxisbesonderheit“ gewertet. Der Landarzt muss in vielen Fällen Rezepte schreiben, weil der Weg für den Patienten zum Facharzt viel zu weit ist. Und dennoch gelten für ihn die gleichen Arzneimittelrichtgrößen wie für seinen Stadtkollegen. Wen wundert es noch, dass keiner mehr auf dem Land praktizieren will?
Quellen

Deutsches Ärzteblatt: „Arzneimittelregresse: Sächsischen Ärzten droht Insolvenz“

Sächsische Landesärztekammer zum selben Thema

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