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Posts Tagged ‘Anatomie’

"Die Anatomie des Dr. Tulp" (Gemälde von Rembrandt)Wir schreiben das Jahr 1827. Die Anatomie ist unverzichtbarer Bestandteil der medizinischen Ausbildung in ganz Europa geworden.

Ein großes Problem in der Ausbildung der angehenden Ärzte war der Mangel an Leichen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigte sich dieses Problem besonders drückend im englischen Königreich. Leichen für den anatomischen Unterricht entstammten in erster Linie den Hinrichtungen.

Wurde man auf den Britischen Inseln im 18. Jahrhundert selbst wegen relativ harmloser Verbrechen wie Diebstahl oder Einbruch gehängt, so wurde diese Praxis zur Jahrhundertwende drastisch eingeschränkt, jetzt kam der Galgen nur noch für Kapitalverbrechen wie Mord und Totschlag in Frage. Immer weniger Verbrecher wurden hingerichtet, aber immer mehr Studenten wollten Medizin studieren – ein eklatanter Mangel an geeigneten Studienobjekten war die Folge.

Die Bodysnatcher

Der Leichenmangel führte zu einer neuen Berufsbezeichnung, oder besser: Ganovendisziplin. Die Bodysnatcher (Körpergreifer) oder resurrectionists (Aufersteher) stahlen Leichen vom Friedhof – meist kurz nach der Beerdigung, weil die Preise für frische Leichen am höchsten lagen und Kühlung oder Konservierung mit Formalin noch unbekannt waren.

Diese Unsitte führt dazu, dass viele wohlhabende Engländer sich in verschlossenen Eisensärgen bestatten ließen, möglicherweise noch mit einem unterirdischen Gitter ringsherum, denn die Bodysnatcher gruben Tunnel von der Grabstelle nebenan.

Das mörderische Quartett

William Burke und William Hare fanden eine neue Methode, um den Leichenhunger der anatomischen Fakultät zu stillen.

Beide kamen aus Irland nach Schottland, sie fanden Arbeit beim Bau des Union Canal, einer künstlichen Wasserstraße, die die Verbindung zwischen Glasgow und Edinburgh, den beiden wichtigsten schottischen Städten, herstellte.

Nach Abschluss der Bauarbeiten quartierte sich Burke bei einem ebenfalls aus Irland stammenden Ehepaar in Edinburgh ein. Das Ehepaar betrieb eine Pension, die Burke nach dem Tod des Inhabers übernahm, zusammen mit der Witwe, mit der er in „wilder Ehe“ zusammenlebte.

Zu diesem Paar stieß William Hare mit seiner Freundin, zunächst als Pensionsgäste, später wurden sie enge Freunde. Na ja, so eng war die Freundschaft auch wieder nicht: Es wurde wohl viel gezankt. Einig war man sich in den Lebenszielen: Möglichst viel Whiskey für möglichst wenig Arbeit.

Der Anfang: Der tote Gast kann die Rechnung nicht bezahlen

william-burkeIm November 1827 verstarb in Burkes Pension ein alter Mann, der Donald genannt wurde. Zum Zeitpunkt seines Ablebens stand er mit 4 £ bei den Burkes in der Kreide. Burke beschloss, den Sarg zu leeren, kurz bevor der Bestatter ihn abholen kam. Das fehlende Gewicht glich er durch Baumrinde (Färberrinde) aus.

knoxDen Leichnam verkaufte er an den Anatomieprofessor Knox in Edinburgh und erhielt dafür die stolze Summe von 7 £. Professor Knox stellte offenbar keine lästigen Fragen. Er war froh, Anschauungsmaterial für seine (zahlenden) Studenten ergattert zu haben.

Das Quartett wird immer dreister

Der erste Verkaufserfolg brachte das mörderische Quartett – Burke, Hare und ihre Lebensgefährtinnen – auf die Idee, dem Schicksal ein wenig nachzuhelfen. Sie betäubten die Pensionsgäste zunächst mit Alkohol. Dann hielt sie einer fest, während der andere das Opfer mit dem Kissen erstickte. (Das Wort „to burke“ geht später in den englischen Wortschatz ein – es bedeutet jemanden zu ersticken, ohne Spuren zu hinterlassen.)

Zwischen 13 und 30 Leichen lieferten die vier dem Anatomieprofessor Knox ab und erhielten gute Preise: je nach Zustand und Bedarf waren zwischen acht und zehn Pfund Sterling immer drin. Die Leichen waren anfangs meist alt und krank, später wurden sie immer jünger. Immer waren sie alkoholisiert, nie wiesen sie sichtbare Spuren eines Gewaltverbrechens auf.

Das Quartett wurde immer unvorsichtiger: Zunehmend wurden nicht nur Pensionsgäste umgebracht, auch junge und gesunde Menschen wurden auf der Straße zu einem Drink eingeladen und später in der Pension ermordet.

Mary und Peggy, zwei stadtbekannte Prostituierte, wurden unter einem Vorwand in die mörderische Pension gelockt und umgebracht. Sicher werden auch einige Studenten diese Leichen (wieder)erkannt haben.

James Wilson war ein bekannter Entertainer, er litt unter einer sichtbaren Deformierung eines Beins. War es Zufall, dass Professor Knox die Sektion im Gesicht begann oder hatten auch hier die Studenten Verdacht geschöpft?

Der Kronzeuge Hare geht straffrei aus

william_hareMary Docherty, eine ältere Frau aus Irland, war das letzte Opfer. Pensionsgäste schöpften Verdacht und fanden die Leiche. Auch das Angebot einer „Leibrente“ von 10 Pfund pro Woche konnte die Zeugen nicht davon abhalten, zur Polizei zu gehen.

Trotzdem: Die Beweislage blieb schwierig. Der Staatsanwalt des Königs bot William Hare Straffreiheit an, wenn er bereit sei, ein Geständnis abzulegen und Burke zu belasten.

Hare war sofort einverstanden, Burke wurde Ende 1828 zum Tode durch Erhängen und anschließendem Sezieren im Anatomieunterricht verurteilt. Sein Skelett wird auch heute noch in Edinburgh ausgestellt, auch Teile seiner Haut können als Buchdeckeleinband besichtigt werden.

Hare kam Anfang 1829 frei, seine Spuren verwischten sich; manche sagen eine wütende Menge habe in in eine Kalkgrube geworfen und er sei als blinder Bettler in London gestorben. Über den weiteren Lebenslauf der beiden Frauen gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Verurteilt wurden sie jedenfalls nicht, dafür war die Beweislage zu dünn. Sie sollen mehrfach knapp der Lynchjustiz des aufgebrachten Volkes entgangen sein.

Professor Knox, der sicherlich vieles gewusst oder sich doch einiges gedacht haben muss, ging straffrei aus. Sein Ruf war allerdings ruiniert, er konnte sich in Edinburgh nicht mehr halten und musste sich eine neue Stellung in London suchen.

Das Vermächtnis der Serienmörder

1831 kam es zu Nachfolgetätern in London: Die „London Burkers“ ermordeten ihre Opfer nach dem Vorbild in Edinburgh und verkauften die Leichen an die Anatomie.

Unter dem Eindruck dieser Ereignisse erließ das britische Parlament 1832 ein Gesetz, das die Arbeit der Anatomieschulen regelte. Jede (private) Anatomieschule musste staatlich zugelassen werden, Leichen ohne Angehörige gehörten der Anatomie. Ebenso war es möglich, dass die nächsten Angehörigen ihre Verwandten nach dem Ableben zur Sektion freigeben, wenn die Anatomieschule die Beerdigung bezahlte. Anderseits konnten sie auch dem Wunsch des Verblichenen, dem Unterricht in Anatomie zu dienen, widersprechen.

Und auch durch einen englischen Kindervers sind die Serienmörder unsterblich geworden:

Burke’s the butcher, Hare’s the thief,
Knox the man who buys the beef

Sinngemäß übersetzt etwa:

Burke ist der Metzger, Hare ist der Dieb,
Knox ist der Mann, dem das Fleisch zu kaufen blieb

Wie sieht es heute aus?

Heutzutage muss niemand mehr fürchten, umgebracht zu werden, weil Leichen in der Anatomie fehlen. Ganz im Gegenteil: In Europa stehen mehr Leichen als benötigt für den Unterricht der angehenden Mediziner zur Verfügung.

Wer seinen Körper als Spende dem Unterricht angehender Mediziner zur Verfügung stellen möchte, der muss zu seinen Lebzeiten eine entsprechende Erklärung gegenüber dem nächstgelegenen anatomischen Institut abgeben. In der Regel erfolgt die anschließende Bestattung auf Institutskosten, manche Universitäten verlangen eine Kostenbeteiligung.

Organspender fehlen hingegen. Und mit einer Organspende kann man Leben retten. Körperspende an die Anatomie schließt Organspende aus – vor allem jüngere Menschen sollten daher dem Organspendeausweis den Vorrang geben!

Quellen

Edinburgh Royalmile.com: Burke and Hare

Körperspendewesen an der Uniklinik Münster

Bestattungsplanung.de

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Ventrikel

Ventrikel (von lat. ventriculus – kleiner Bauch), bezeichnet in der Anatomie einen meist flüssigkeitsgefüllten Hohlraum, am häufigsten verwendet als Fachausdruck für die rechte oder linke Herzkammer oder für einen der vier mit Liquor gefüllten Innenräume des Gehirns.

Uniklinik Saarland: Gehirnventrikel

Uni Marburg: Ventrikel des Herzens

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img-320_gray516png.jpgDer Circulus arteriosus cerebri (von lat. circulus– Kreis und cerebrum (-ri) – Gehirn, auch: Circulus arteriosus Willisii) ist ein Verbindungssystem von Schlagadern an der Unterseite des Gehirns, das vorne von der Arteria carotis interna (einem Zweig der Halsschlagader) und hinten von der Arteria basilaris (Hirnbasisschlagader), die aus dem Zusammenfluss der beiden Vertebralarterien (Wirbelsäulenschlagadern) ensteht, gespeist wird.

Quellen und Weblinks

Duale Reihe Anatomie (pdf)

Medizininfo.de

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