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Posts Tagged ‘Arzneimittelregress’

Auch für das Jahr 2006 bin ich wieder dabei: 46.000 Euro soll ich zahlen. Von meinem Geld. Nicht zurückzahlen, wie manche meinen. Ich soll zahlen für Medikamente, die ich meinen Patienten verordnet habe.

Der Patient kommt aus dem Krankenhaus

Mein Patient kommt heute aus dem Krankenhaus. Er war dort zwei oder drei Wochen. Seine Medikamente sind alle. Sie müssten allerdings noch reichen. Er hat aber seine eigenen, recht teuren Pillen, die ich ihm vorher verordnet habe, im Krankenhaus weiter eingenommen.

Das ist eigentlich nicht korrekt. Warum? Das Krankenhaus bekommt für jeden Tag, in dem der Patient dort „liegt“, einen bestimmten Eurobetrag – den sogenannten Pflegesatz. Dafür muss das Krankenhaus den Patienten behandeln, ihm Essen und Medikamente geben. Wenn der Patient im Krankenhaus die Medikamente schluckt, die ich ihm zuvor verordnet habe, bedient sich das Krankenhaus aus meinem Budget.

Mein Patient hat einen Arztbrief dabei. Im Krankenhaus hat er die teuren Originalpräparate bekommen. Die bekommt das Krankenhaus vom Hersteller geschenkt, habe ich mal gehört. Schon seit Jahren bitten wir die Krankenhäuser, auf solche Empfehlungen zu verzichten. Vergeblich!

MVZ: Der Poliklinik gehört die Zukunft

Krankenhäuser gründen MVZ’s, Medizinische Versorgungszentren. Ein medizinisches Versorgungszentrum ist vergleichbar einer Poliklinik. Die Ärzte dort sind Angestellte.

MVZ’s kennen keinen Arzneimittelregress. Ein MVZ gibt es nicht auf dem Dorf und wird es dort auch nicht geben. Ein MVZ ist einfach zu groß für das Dorf. Ein MVZ darf auch ruhig mal Defizite machen. Die Krankenhausgesellschaft, die das MVZ betreibt, lebt von den Einweisungen des MVZ.

Unter dem Strich macht die Krankenhausgesellschaft ein Plus, die Einweisungen bringen das Geld.

Regress – Express!

Ich muss, nein: ich darf zur Regressforderung Stellung nehmen. Ich muss meine Praxisbesonderheiten herausarbeiten. Dafür habe ich vier Wochen Zeit. Ich habe um Fristverlängerung gebeten. Die wurde abgelehnt.

Ich bekomme die Daten aller meiner Rezepte auf einer CD. Dort steht die Versicherungsnummer des Patienten, die Pharmazentralnummer des Medikaments, das Datum der Verordnung etc. in einer fortlaufenden Datei, deren einzelne Datensätze nur durch ein Komma getrennt sind. Sie können sich das nicht vorstellen? Ich konstruiere ein Beispiel: „9990324567, 88888, 23.09.08, 1, 0, Aspirin Tbl., 1, 0, 1;“ usw. – ein paar hunderttausendmal – jedes Rezept ergibt einen Datensatz nach dieser Art. Alle diese Zahlenketten werden locker hintereinander gereiht.

Mit detektivischer – tagelanger! – Kleinarbeit müssen wir herausfinden, welcher Datensatz zu welchem Patienten gehört. (Patienten wechseln ihre Versicherungsnummer, wenn sie die Kasse wechseln!)

Ich habe eine Arzthelferin (medizinische Fachangestellte heißt es korrekt) ganztägig abgestellt, um diesen Wust abzuarbeiten. Sie fehlt den ganzen Tag in der Versorgung der Patienten.

Sie ist gerade (23:00) nach Hause gegangen. 1400 Rezepte tragen eine sogenannte Pharmazentralnummer, aber keinen Medikamentennamen, teilte sie mir mit. 1400 Medikamente zu den Pharmazentralnummern herauszusuchen – das alleine kann Wochen Arbeit bedeuten.

Wir schaffen den Landarzt ab

Meine Kassenärztliche Vereinigung (KV) wohnt in Aurich. Nie gehört? Aurich liegt in Ostfriesland und ist natürlich erheblich größer als Ditzum, das Dorf, in dem ich praktiziere. Die KV Aurich versorgt einen ausgesprochen ländlichen Raum. Von dort höre ich, dass außerordentlich viele Kollegen vom Regress 2006 betroffen sind. Wie viele, weiß ich nicht, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

Insgesamt sind nicht mehr als 5 % der Praxen betroffen, das ist gesetzlich so festgelegt. Ich bin sicher, auf dem Land sind es mehr. Ein MVZ ist nie dabei. Ärzte in der Stadt sind weniger betroffen.

Landarzt? – Nein danke!

Überall laufen Kampagnen, um mehr Ärzte aufs Land zu locken. Da werden Umsätze garantiert und Räumlichkeiten angeboten. Alles dies ist verlogen.

Die gegenwärtige Tendenz im deutschen Gesundheitswesen lautet: Der Landarzt wird abgeschafft. Die Solidarität unter den Ärzten ist gleich Null.

Das MVZ in der Hand der Krankenhauskette oder eines anderen industriellen Gesundheitsanbieters wird den Sieg davon tragen.

Kein anders Land der Welt, zumindest keins in Europa, betreibt diesen Unsinn, vom Arzt für zuviel verordnete Medikamente Geldbeträge bis zur Höhe des Anderthalbfachen seines Jahresumsatzesabzufordern, also des dreifachen seines Jahresverdienstes vor Steuern Wir haben eines der teuersten, aber nicht das effektivste Gesundheitssystem der Welt. Trotzdem halten wir an unseren Prinzipien fest.

Suche den gesunden Kranken!

Was ist meine Reaktion auf den Regress? Ich muss Patienten zur Medikamentenverordnung an andere Kollegen überweisen. Eine junge Patientin mit Gelenkrheuma ( der sog. PCP) musste ich bis nach Oldenburg (70 km weiter) schicken. Nach mehreren Telefonaten habe ich endlich einen Facharzt erreicht, der bereit war, das unbedingt erforderliche, aber sehr teure Rheumamedikament zu verordnen.

Werden dadurch Kosten für das Gesundheitssystem eingespart? Nein! Die Behandlung wird eher teurer.

Die effektivste Strategie gegen einen Regress? Suche den gesunden Kranken! Der Regress lebt vom Durchschnitt. Bestelle jedes Quartal Patienten ein, die eigentlich nicht krank sind. Rede ihnen ein, dass sie jedes Quartal zur Kontrolle kommen müssen, dann hast Du wenig Arbeit und keinen (Regress-)Ärger.

Ich kann das leider nicht. Ich muss mich auf die kranken Patienten konzentrieren, sonst schaffe ich meine Arbeit nicht. Die brauchen mehr Medikamente. Die Prüfungsstelle glaubt mir nicht.

Manchmal bin ich froh, dass mein Renteneintrittsalter nicht mehr in so weiter Ferne liegt. Für die ärztliche Versorgung auf dem Lande sehe ich schwarz. Sie wird in den nächsten Jahren völlig zusammenbrechen.

Quelle

Eigene Erfahrung

Bild: ©El-Fausto auf pixelio.de

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In Sachsen herrscht Ärztemangel. Die sächsische Landesregierung hat sich einiges einfallen lassen, um dem entgegen zu wirken: Österreichische Ärzte werden angeworben; Medizinstudenten bekommen Unterstützung, wenn sie sich nach dem Studium in Sachsen niederlassen.

Das alles wird wenig nützen: 40 Millionen Euro sollen 272 sächsische Arztpraxen bezahlen, weil sie zu viele Medikamente verordnet haben.

Das alles läuft unter dem Stichwort „Arzneimittelregress“. Kaum jemand in der Öffentlichkeit versteht das richtig. Der Arzneimittelregress heißt nicht, dass ein Arzt weniger Honorar erhält. Nein, es heißt, dass er für die Medikamente, die er seinen Patienten verordnet hat, mit seinem ganzen Hab und Gut haftet.

Ja, sie haben richtig verstanden: Mit seinem ganzen Hab und Gut. Die Summe, die der Arzt für ein Jahr bezahlen muss, kann um ein Vielfaches höher sein, als das, was er in diesem Jahr verdient hat. Die einzige Begrenzung: Der Umsatz (nicht Verdienst!) von einem und einem halben Jahr.

Ich habe enorme Schwierigkeiten, solche Widersprüche zu verstehen: Auf der einen Seite wird Geld verschwendet, um Medizinstudenten und ausländische Ärzte nach Sachsen zu holen – auf der anderen Seite werden bestehende Praxen in den Ruin getrieben.

In Sachsen und auch anderswo in Deutschland ist vor allem die Hausarztpraxis auf dem Land vom Aussterben bedroht. Und genau diese Praxen sind auch überdurchschnittlich oft vom Regress betroffen. Die ländliche Lage wird nicht als „Praxisbesonderheit“ gewertet. Der Landarzt muss in vielen Fällen Rezepte schreiben, weil der Weg für den Patienten zum Facharzt viel zu weit ist. Und dennoch gelten für ihn die gleichen Arzneimittelrichtgrößen wie für seinen Stadtkollegen. Wen wundert es noch, dass keiner mehr auf dem Land praktizieren will?
Quellen

Deutsches Ärzteblatt: „Arzneimittelregresse: Sächsischen Ärzten droht Insolvenz“

Sächsische Landesärztekammer zum selben Thema

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