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Posts Tagged ‘Die Medicinische Reform’

rudolf-virchow.jpgRudolf Ludwig Karl Virchow (* 13. Okt. 1821 in Schivelbein, Pommern, Preußen, heute Swidwin/Polen; † 5. Sept. 1902 in Berlin), deutscher Arzt und Politiker, Begründer der Zellularpathologie, die Veränderungen an der Zelle als Ursprung der Krankheiten sieht. Medizin war für V. vor allem Naturwissenschaft. Politisch setzte sich Virchow für Demokratie und soziale Reformen und die Weiterentwicklung der öffentlichen Hygiene ein.

Jugend, Studium und Ausbildung

V. wuchs als einziger Sohn des Landwirts und Kämmerers Carl Virchow und seiner Frau Johanna, geb. Hesse, in schlichten Verhältnissen auf.

Mit 18 Jahren beginnt er sein Medizinstudium an der Berliner militärärztlichen Akademie, der sog. Pépinière. Diese Einrichtung existierte seit 1795 und diente der Ausbildung tüchtiger Chirurgen für das preußische Heer. Wer sich für 8 Jahre zum Militärdienst verpflichtete, konnte umsonst studieren und erhielt einen Sold noch dazu. Das Friedrich-Wilhelm-Institut, wie es damals hieß, ermöglichte somit auch Studenten aus einfachen Verhältnissen die Ausbildung zum Arzt.

Nach der Promotion 1843 erhielt V. eine Assistentenstelle an der Berliner Charité, es folgt das Staatsexamen 1846 und die Habilitation 1847. Bereits während seiner Assistententätigkeit veröffentlicht er eine grundlegende Arbeit über die Leukämie. Nach dem Staatsexamen erhält V. eine Anstellung an der Pathologie der Charité.

Typhus in Oberschlesien, Virchow als Revolutionär

1848 erhält er von der preußischen Regierung den Auftrag, eine Fleckfieberepidemie in Oberschlesien zu untersuchen. Der 27jährige Privatdozent nennt als wahre Ursachen den Hunger und die schlechten Wohnverhältnisse. Er fordert Demokratie, ohne die Gesundheit für das Volk nicht zu erreichen sei. Die Regierung war reichlich verärgert über den Bericht und seinen Autor. In der Märzrevolution 1848 half er in Berlin beim Barrikadenbau und gab eine Zeitschrift mit dem Titel „Die Medicinische Reform“ heraus, in der eine öffentliche Gesundheitspflege forderte. 1849 verlor er die Stelle in Berlin wegen seiner revolutionären Umtriebe.

Sieben fette Jahre in Würzburg

Er hatte sich allerdings schon vorher einen Ruf in der Pathologie als Mitherausgeber der Zeitschrift „Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie und für klinische Medizin“ erworben; noch im selben Jahr erfolgte ein Ruf nach Würzburg, auf den ersten deutschen Lehrstuhl für Pathologische Anatomie. Allerdings – das war Bedingung des bayerischen Königs Max des Zweiten – hatte sich V. schriftlich verpflichtet, auf jede politische radikale Tätigkeit zu verzichten. Die sieben Jahre in Würzburg, von 1849 bis 1856, waren die wissenschaftlich produktivsten im Leben des Forschers. Als V. in Würzburg ankam, teilte er noch die Ansicht Theodor Schwann’s – dem Begründer der modernen Histologie – dass Zellen aus einer amorphen Masse entstehen. Als er Würzburg verließ, hatte er den Grundstein seiner 1858 veröffentlichen These, dass alle Zellen nur aus Zellen entstehen und die Erkrankung der Zelle die Grundlage aller Krankheiten ist, gelegt. Die Universität Würzburg hat die Berufung ihres emsigen Professors nicht bereut – die Zahl der Medizinstudenten stieg in Virchows Würzburger Zeit von 98 auf 388 an; die medizinische Fakultät wurde zur führenden medizinischen Forschungsstätte im deutschsprachigen Raum.

Ehe und Familie

In die Würzburger Zeit fällt auch die Heirat mit Rose Mayer, die V. schon in Berlin kennen gelernt hatte. Rose war die Tochter von Professor Carl Mayer, Märzrevolutionär wie sein Schwiegersohn und Vorsitzender der Berliner Gesellschaft für Geburtshilfe. Rose und Rudolf hatten zusammen sechs Kinder, über die Ehe ist nicht viel bekannt. Angesichts des riesigen Arbeitspensums des ehrgeizigen Vaters wird nicht viel Zeit für die Familie geblieben sein. Schon während der Hochzeitsreise in die Schweiz konnte der frisch gebackene Ehemann einem Besuch des Kretinenhospitals im Berner Oberland nicht widerstehen. Während der einzigen größeren Urlaubsreise der Familie in Virchows Heimat soll der Familienvater viele Stunden am Strand mit seinem Reisemikroskop verbracht haben. Bis nachts um drei war Licht im Arbeitszimmer, berichteten Zeitgenossen und morgens früh um 7 Uhr war der Rastlose schon wieder in der Universität zu finden. „Rose weint viel“, schrieb V. an seinen Vater.

Armut und Gesundheit im Spessart

Die Württembergische Regierung beauftragte den jungen Professor 1852 mit einer Untersuchung des gesundheitlichen Zustands der Bevölkerung im Spessart. Auch hier kam er zum Ergebnis, dass die Armut und die mangelnde Bildung der Gesundheit im Wege stehen, aber der Untersucher geht weniger streng mit der Regierung ins Gericht als weiland in Schlesien mit den Preußen. Insbesondere muss er konstatieren, dass trotz Elends und Hungers im Spessart die Sterblichkeit in Würzburg höher liegt.

1854 beginnt er mit der Herausgabe des sechsbändigen Werks „Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie“, von dem er einen großen Teil selbst verfasst, der letzte Band erscheint 12 Jahre später.

Rückehr nach Berlin

Die medizinische Fakultät in Berlin war sowohl was den Ruf als auch was die Zahl der Studenten angeht, auf den zweiten Rang nach Würzburg zurückgefallen. Man war jetzt bereit, politische Bedenken zurückzustellen und baute extra ein neues pathologisches Institut und schuf einen neuen Lehrstuhl, um den verlorenen Sohn an die Spree zurück zu holen. Aber auch er selbst dachte in Berlin eine bessere Plattform für seine neue Theorie zu finden und der antiklerikal eingestellte Forscher dachte auch mit Grauen an die bevorstehende katholische Erziehung seiner Kinder in Würzburger Schulen. Beide Seiten sind hochzufrieden, als V. dem Ruf an das Pathologische Institut der Berliner Universität 1856 folgt.

Die Zellularpathologie

1858 veröffentlicht der frischgebackene Berliner Professor seine Abhandlung „Die Cellularpathologie“ in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre. Die Zellularpathologie führte alle Krankheiten des Organismus auf Erkrankungen der Zelle zurück. Dieses integrierende naturwissenschaftlich begründete Konzept löste endgültig die Humoralpathologie („Vier – Säfte – Lehre“) von Hippokrates und Galen aus der Antike ab. Berlin wird zum Mittelpunkt der naturwissenschaftlich orientierten Medizin.

Virchow als Politiker

In Berlin nimmt V. auch seine politischen Aktivitäten wieder auf. 1859 wird er Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung und bleibt dies bis zu seinem Tode. Er erreicht den Neubau mehrerer Krankenhäuser und fördert die epidemiologische Forschung. 1861 begründet er mit anderen die Deutsche Fortschrittspartei, als deren Abgeordneter er in den Jahren von 1862 bis 1867 im Preußischen Abgeordnetenhaus sitzt. Nach einer hitzigen Debatte fordert Otto von Bismarck ihn zum Duell heraus, das nur durch Vermittlung des Kriegsministers abgewendet werden kann. V. erreicht, dass Berlin eine zentrale Kanalisation und Trinkwasserversorgung erhält. Berlin wird dadurch vorbildlich für andere europäische Großstädte in diesen Jahren.

In den Kriegen von 1866 und 1870/71 war V. aktiv im militärärztlichen Dienst, u. a. organisierte er die Lazarettzüge, die verwundete Soldaten von der Front holten.

Von 1880 bis 1893 war V. Abgeordneter im Deutschen Reichstag, zunächst für die von ihm mitbegründete Deutsche Fortschrittspartei, später für die Deutsche Freisinnige Partei, ein Zusammenschluss der Fortschrittspartei mit anderen liberalen Strömungen.

Universalgelehrter

Oft fühlte sich V. noch als Universalgelehrter alter Schule, er interessierte sich und forschte auch selbst auf den Gebieten der Archäologie, der Anthropologie und der Ethnologie. Er war befreundet mit Heinrich Schliemann und er sorgte dafür, dass seine Sammlung nach Berlin und nicht, wie von Schliemann ursprünglich vorgesehen, nach London kam.

Am 5. Sept. 1902 verstirbt V. in Berlin an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs, den er sich beim Aussteigen aus einer fahrenden Straßenbahn zugezogen hatte.

Bedeutung

V. war ein ungemein arbeitsamer, produktiver und selbstbewusster Forscher. Seine Stimme war eher dünn, aber seine Formulierungsgabe enorm. Er prägte eine Reihe von Begriffen und Redewendungen in der Medizin und Politik. So geht z. B. der unselige Ausdruck vom Kulturkampf als Bezeichnung für die Auseinandersetzung der Regierung des Deutschen Reichs mit der Katholischen Kirche auf V. zurück. Der Ausdruck Omnis cellula e cellula (Jede Zelle aus der Zelle) wird zwar oft V. zugeschrieben, wurde aber von dem Franzosen Vincent Raspail bereits 1825 geprägt. Dennoch beschreibt diese Redewendung sehr gut den Kerninhalt des Beitrags Virchows zur medizinischen Forschung. Insbesondere die Anwendung der Mikroskopie in diesem Gebiet geht wesentlich auf ihn zurück. V. systematisierte die Obduktion, er legte eine standardisierte Reihenfolge fest, in der die Organe entnommen werden. Zuvor entschied der zuvor behandelnde Arzt, welche Organe untersucht wurden – eine Quelle vieler pathologischer Fehldiagnosen. Der Beitrag Virchows zur Epidemiologie ist ebenfalls enorm. Umso erstaunlicher erscheint seine Ablehnung der Forschung des österreichischen Arztes Ignaz Semmelweis über die Ursachen des Kindbettfiebers. Gerade von V. hatte sich Semmelweis Unterstützung erhofft, er war tief enttäuscht über die Ablehnung des weltbekannten medizinischen Empirikers. Auch zum neu aufkommenden Gebiet der Bakteriologie hatte V. eine zutiefst misstrauische Haltung, die Evolutionstheorie Darwins hielt er für wenig belegt. Seine Beiträge zur Tumorforschung sind auf der einen Seite unschätzbar groß, weil hier die Anwendung der Zellularpathologie besonders fruchtbar wirkte. Getrübt werden sie durch die Annahme Virchows, dass alle bösartigen Tumore aus dem Bindegewebe hervorgehen. Alle diese Irrtümer dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass V. Verdienst sein Beitrag zur Entwicklung der Medizin zur Wissenschaft ist.

Berliner Medizinhistorisches Museum der Charite

Berlin-Lexikon

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