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Posts Tagged ‘Landarzt’

Foto © Wikipedia, Lizenz: hier

Der alte Landarzt ist in Rente. Jetzt sucht das Dorf Lette einen neuen. Lette liegt im südlichen Münsterland, in der Nähe von Warendorf. Nach unseren (ostfriesischen) Maßstäben ist Lette gar nicht so klein: 2250 Einwohner hat der westfälische Flecken.

Die Letter wollen sich nicht damit abfinden, dass sich kein neuer Arzt in ihrem schönen Ort niederlassen will. Radio WAF (Radio Warendorf) startete eine Kampagne, um doch noch ärztlichen Nachwuchs zu finden.

Der Metzger will Würstchen spenden, der Hotelier die Übernachtung, die Friseuse die Frisur, die Floristin die Blumen und der Bürgermeister die Schirmherrschaft. Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen Lippe winkt ab: Der Ort sei viel zu klein, den Nachwuchs ziehe es in die großen Städte. Die Arbeit eines Landarztes sei extrem arbeitsintensiv, vermeldet die Kassenärztliche Vereinigung.

Schönes Medienecho hat Radio WAF ausgelöst, man konnte das Würstchen/Frisur/Blumen/Hotel – Angebot von der Nordsee über Nürnberg bis in die Alpen lesen.

Herr Minister Rösler, unser Gesundheitsminister, hat angekündigt, das Problem des Mangels an Landärzten lösen zu wollen, mit einer Kommission, darin sitzen die Vertreter der Krankenkassen, der Länder, der Ärztekammern usw. usw.. Die Kommission soll beraten und dann soll daraus ein Gesetzentwurf werden.

Hausbesuche sollen besser bezahlt werden, sagt Herr Minister Rösler

Herr Minister Rösler will unter anderem „Hausbesuche besser bezahlen“. Ich kann mir nun einfach nicht vorstellen, dass Herrn Minister Rösler nicht bekannt ist, dass Hausbesuche in der Regel überhaupt nicht bezahlt werden.

Das hausärztliche Honorar ist budgetiert, wenn ein Patient mit einer chronischen Krankheit zweimal im Quartal einen persönlichen Arztkontakt hatte, dann ist das Budget voll. Auch wenn der Landarzt diesen Patienten noch zwanzig Mal im Quartal besucht (keine Seltenheit), bekommt er dafür keinen müden Euro.

Bezahlt werden Wegepauschalen, die sind nicht budgetiert. Wegepauschalen sind kein Honorar, Wegepauschalen sollen Erstattungen für Kosten sein. Ich will Sie nicht langweilen, indem ich die Pauschalen einzeln aufzähle. Sie können Sie hier oder auch hier nachsehen.

Kurz zusammengefasst: Der Landarzt reist mit eigenem Auto an in der Nacht für maximal 13,20 €, am Tag für etwas über 9,00 €. Egal wie weit. Hausbesuche bedeuten für mich schon mal Wegestrecken von 10 bis 20 km oder mehr – einfache Strecke. Ein Taxi fährt nicht für diesen Preis, er gilt übrigens für Hin- und Rückfahrt. PKW-Kosten lassen sich damit nicht decken. Vom Arbeitslohn, wie sie auch jedem Taxifahrer zustehen würde, ganz zu schweigen.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich liebe meinen Beruf, ich mache für mein Leben gern Hausbesuche und ich lebe gerne auf dem Land. Aber ich kann den Nachwuchs gut verstehen, der diese Arbeit für diesen Lohn nicht mehr verrichten möchte. Und, liebe Letter, ich sehe schwarz – das könnt ihr auch mit ein paar Würstchen nicht mehr raus reißen.

Quelle

Raido waf: Retter für die Letter

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… dies stellte die Kassenärztliche Bundesvereinigung gestern fest. Bundesweit sind 3620 Arztpraxen unbesetzt, davon 2026 Hausarztpraxen und 1260 Praxen von Psychotherapeuten. „Vor allem Hausärzte auf dem Land finden laut KBV für ihre Praxen keine Nachfolger.“, war in der Veröffentlichung des Deutschen Ärzteblatts zu lesen. Niedersachsen steht mit 678 unbesetzten Praxen an der Spitze der Länder mit arztfreien ländlichen Gebieten.

Man hat Gegenmaßnahmen beschlossen: „Um dem fortschreitenden Hausärztemangel zu begegnen, wollen der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung, die Deutsche Krankenhausgesellschaft und die KBV den allgemeinmedizinischen Nachwuchs jetzt stärker fördern.“ Das finde ich gut!

Aber auch ein bisschen paradox: Für den Arzt auf dem Land in Niedersachsen, der zur Zeit eine Praxis dort betreibt, wird überhaupt und nirgend wo berücksichtigt, dass er sich in einer besonderen Lage befindet. Es wird nicht anerkannt, dass er mehr verschreiben muss als sein Kollege in Hannover oder Osnabrück. Auch nicht, dass er mehr Hausbesuche machen muss, und, und, und…

Die Doppelstrategie: Bestehende Praxen auf dem Land werden einerseits durch Regresse in den Ruin getrieben, im Fernsehen, im Radio und in der Presse erzählt man dann andererseits, wie fein man den Nachwuchs gefördert hat. (Der dann doch nicht kommt.) Landarztpraxen in Niedersachsen finden zur Zeit keinen Nachfolger, fast nirgend wo. Vielleicht sollte man den bestehenden Praxen mehr Mut machen, ihnen mehr Erleichterung verschaffen, der Nachwuchs kommt bei einer florierenden Praxis ganz von alleine – da braucht es keine Förderprogramme, so was spricht sich rum.

Quelle

Deutsches Ärzteblatt Nachrichten vom 4.1.2010: „Bundesweit fehlen 3.620 niedergelassene Ärzte „

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Auch für das Jahr 2006 bin ich wieder dabei: 46.000 Euro soll ich zahlen. Von meinem Geld. Nicht zurückzahlen, wie manche meinen. Ich soll zahlen für Medikamente, die ich meinen Patienten verordnet habe.

Der Patient kommt aus dem Krankenhaus

Mein Patient kommt heute aus dem Krankenhaus. Er war dort zwei oder drei Wochen. Seine Medikamente sind alle. Sie müssten allerdings noch reichen. Er hat aber seine eigenen, recht teuren Pillen, die ich ihm vorher verordnet habe, im Krankenhaus weiter eingenommen.

Das ist eigentlich nicht korrekt. Warum? Das Krankenhaus bekommt für jeden Tag, in dem der Patient dort „liegt“, einen bestimmten Eurobetrag – den sogenannten Pflegesatz. Dafür muss das Krankenhaus den Patienten behandeln, ihm Essen und Medikamente geben. Wenn der Patient im Krankenhaus die Medikamente schluckt, die ich ihm zuvor verordnet habe, bedient sich das Krankenhaus aus meinem Budget.

Mein Patient hat einen Arztbrief dabei. Im Krankenhaus hat er die teuren Originalpräparate bekommen. Die bekommt das Krankenhaus vom Hersteller geschenkt, habe ich mal gehört. Schon seit Jahren bitten wir die Krankenhäuser, auf solche Empfehlungen zu verzichten. Vergeblich!

MVZ: Der Poliklinik gehört die Zukunft

Krankenhäuser gründen MVZ’s, Medizinische Versorgungszentren. Ein medizinisches Versorgungszentrum ist vergleichbar einer Poliklinik. Die Ärzte dort sind Angestellte.

MVZ’s kennen keinen Arzneimittelregress. Ein MVZ gibt es nicht auf dem Dorf und wird es dort auch nicht geben. Ein MVZ ist einfach zu groß für das Dorf. Ein MVZ darf auch ruhig mal Defizite machen. Die Krankenhausgesellschaft, die das MVZ betreibt, lebt von den Einweisungen des MVZ.

Unter dem Strich macht die Krankenhausgesellschaft ein Plus, die Einweisungen bringen das Geld.

Regress – Express!

Ich muss, nein: ich darf zur Regressforderung Stellung nehmen. Ich muss meine Praxisbesonderheiten herausarbeiten. Dafür habe ich vier Wochen Zeit. Ich habe um Fristverlängerung gebeten. Die wurde abgelehnt.

Ich bekomme die Daten aller meiner Rezepte auf einer CD. Dort steht die Versicherungsnummer des Patienten, die Pharmazentralnummer des Medikaments, das Datum der Verordnung etc. in einer fortlaufenden Datei, deren einzelne Datensätze nur durch ein Komma getrennt sind. Sie können sich das nicht vorstellen? Ich konstruiere ein Beispiel: „9990324567, 88888, 23.09.08, 1, 0, Aspirin Tbl., 1, 0, 1;“ usw. – ein paar hunderttausendmal – jedes Rezept ergibt einen Datensatz nach dieser Art. Alle diese Zahlenketten werden locker hintereinander gereiht.

Mit detektivischer – tagelanger! – Kleinarbeit müssen wir herausfinden, welcher Datensatz zu welchem Patienten gehört. (Patienten wechseln ihre Versicherungsnummer, wenn sie die Kasse wechseln!)

Ich habe eine Arzthelferin (medizinische Fachangestellte heißt es korrekt) ganztägig abgestellt, um diesen Wust abzuarbeiten. Sie fehlt den ganzen Tag in der Versorgung der Patienten.

Sie ist gerade (23:00) nach Hause gegangen. 1400 Rezepte tragen eine sogenannte Pharmazentralnummer, aber keinen Medikamentennamen, teilte sie mir mit. 1400 Medikamente zu den Pharmazentralnummern herauszusuchen – das alleine kann Wochen Arbeit bedeuten.

Wir schaffen den Landarzt ab

Meine Kassenärztliche Vereinigung (KV) wohnt in Aurich. Nie gehört? Aurich liegt in Ostfriesland und ist natürlich erheblich größer als Ditzum, das Dorf, in dem ich praktiziere. Die KV Aurich versorgt einen ausgesprochen ländlichen Raum. Von dort höre ich, dass außerordentlich viele Kollegen vom Regress 2006 betroffen sind. Wie viele, weiß ich nicht, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

Insgesamt sind nicht mehr als 5 % der Praxen betroffen, das ist gesetzlich so festgelegt. Ich bin sicher, auf dem Land sind es mehr. Ein MVZ ist nie dabei. Ärzte in der Stadt sind weniger betroffen.

Landarzt? – Nein danke!

Überall laufen Kampagnen, um mehr Ärzte aufs Land zu locken. Da werden Umsätze garantiert und Räumlichkeiten angeboten. Alles dies ist verlogen.

Die gegenwärtige Tendenz im deutschen Gesundheitswesen lautet: Der Landarzt wird abgeschafft. Die Solidarität unter den Ärzten ist gleich Null.

Das MVZ in der Hand der Krankenhauskette oder eines anderen industriellen Gesundheitsanbieters wird den Sieg davon tragen.

Kein anders Land der Welt, zumindest keins in Europa, betreibt diesen Unsinn, vom Arzt für zuviel verordnete Medikamente Geldbeträge bis zur Höhe des Anderthalbfachen seines Jahresumsatzesabzufordern, also des dreifachen seines Jahresverdienstes vor Steuern Wir haben eines der teuersten, aber nicht das effektivste Gesundheitssystem der Welt. Trotzdem halten wir an unseren Prinzipien fest.

Suche den gesunden Kranken!

Was ist meine Reaktion auf den Regress? Ich muss Patienten zur Medikamentenverordnung an andere Kollegen überweisen. Eine junge Patientin mit Gelenkrheuma ( der sog. PCP) musste ich bis nach Oldenburg (70 km weiter) schicken. Nach mehreren Telefonaten habe ich endlich einen Facharzt erreicht, der bereit war, das unbedingt erforderliche, aber sehr teure Rheumamedikament zu verordnen.

Werden dadurch Kosten für das Gesundheitssystem eingespart? Nein! Die Behandlung wird eher teurer.

Die effektivste Strategie gegen einen Regress? Suche den gesunden Kranken! Der Regress lebt vom Durchschnitt. Bestelle jedes Quartal Patienten ein, die eigentlich nicht krank sind. Rede ihnen ein, dass sie jedes Quartal zur Kontrolle kommen müssen, dann hast Du wenig Arbeit und keinen (Regress-)Ärger.

Ich kann das leider nicht. Ich muss mich auf die kranken Patienten konzentrieren, sonst schaffe ich meine Arbeit nicht. Die brauchen mehr Medikamente. Die Prüfungsstelle glaubt mir nicht.

Manchmal bin ich froh, dass mein Renteneintrittsalter nicht mehr in so weiter Ferne liegt. Für die ärztliche Versorgung auf dem Lande sehe ich schwarz. Sie wird in den nächsten Jahren völlig zusammenbrechen.

Quelle

Eigene Erfahrung

Bild: ©El-Fausto auf pixelio.de

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