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Jetzt, im Dezember 2008, sind sie wieder in aller Munde: Die Dioxine. Diesmal kommen sie aus Irland, mit dem Schweinefleisch.

Seit vor dreißig Jahren, im Juli 1976 in Seveso – nördlich von Mailand – eine große Menge Dioxin bei einem Unglück frei kam, vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht wieder ein neuer Dioxin-Skandal bekannt wird.

Wiktor Juschtschenko

Wiktor Juschtschenko

Der Präsident der Ukraine wurde im September 2004 mit Dioxin vergiftet und erkrankte lebensgefährlich. Die Spuren der „Chlorakne“, einem typischen Symptom der Dioxin-Vergiftung, sind noch deutlich in seinem Gesicht zu erkennen.

Was sind Dioxine und was richten sie an?

Was sind Dioxine, wo kommen sie her und was richten sie genau im menschlichen Körper an ?

Dioxine bilden eine Gruppe von 210 chemischen Verbindungen, die sich in ihrem Aufbau ähneln, 17 von ihnen sind giftig für den Menschen. (Genau genommen gibt es nicht 210 Dioxine sondern 75 „polychlorierte Dibenzo-p-dioxine“ und 135 polychlorierte „Dibenzofurane„.)

Das am besten untersuchte und gleichzeitig auch das giftigste Dioxin ist das sogenannte Seveso – Dioxin, das 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin (2,3,7,8 -TCDD).

Dioxine entstehen bei Verbrennungsprozessen

Dioxine entstehen, wenn Chlorverbindungen, Kohlenwasserstoffverbindungen und Sauerstoff zusammen erhitzt werden, auf Temperaturen zwischen etwa 200 und 1000 Grad.

Das passiert z.B. bei der Müllverbrennung, in Krematorien, beim Recycling von Aluminium und anderen Prozessen der Metallverarbeitung, bei der Chlorbleiche von Papier und im Autoverkehr.

In der Chemieindustrie entstehen Dioxine als Abfallprodukte überall dort, wo Chlorverbindungen verarbeitet werden, vor allem früher bei der Herstellung von Pflanzenschutz- und Desinfektionsmitteln.


Polychlorierte Biphenyle
, die sogenannten PCBs, sind keine Abfallprodukte, sondern werden seit 1920 gezielt produziert. Sie dienen einer ganzen Reihe von Zwecken: Als Isolatoröl in elektrischen Anlagen, als Bestandteil von Lacken und Farben, als Weichmacher in Kunststoffen wie z.B. bei Elektrokabeln und Dichtungsmassen. 12 der 209 bekannten PCBs gelten als gefährlich, sie werden „dioxin-like PCBs“ – „Dioxin-ähnliche PCBs“ genannt, weil sie den Dioxinen in vielen Eigenschaften stark ähnlich sind.

In Deutschland dürfen PCBs nicht mehr hergestellt und auch nicht mehr verkauft werden.

Lange Lebensdauer, im Fett angereichert

PCBs und Dioxine haben eine unangenehme Eigenschaft: Sie werden in der Umwelt kaum abgebaut, sie haben eine beängstigend lange Lebensdauer.

Sie sind gut in Fett löslich, aus diesem Grunde reichern sie sich im Fettgewebe von Mensch und Tier an und werden nur sehr langsam wieder ausgeschieden. Je weiter oben ein Tier in der Nahrungskette steht, um so mehr Dioxin enthält sein Körper, das Raubtier vergiftet sich stärker als der Pflanzenfresser.

80 % seines täglichen Dioxins nimmt der Mensch mit tierischer Nahrung auf, Pflanzen enthalten nur wenig bis gar kein Dioxin. Eier, Fisch, Milch, Fleisch und Käse sind die Hauptlieferanten. Die Tiere nehmen das Dioxin meist über Futtermittel, aber auch über verseuchte Böden auf.

Gesundheitliche Schäden: Krebs und Störung des Immunsystems

Dioxine stehen in begründetem Verdacht, Krebs auszulösen und das Erbgut zu verändern. Dioxine fördern keinen bestimmten Krebs: Alle Krebsarten kommen häufiger vor, bei einigen vergifteten Arbeitern stieg die Krebshäufigkeit um bis zu 40 % an.

Sie schwächen das Immunsystem, der Mensch wird anfälliger für Infektionen.

Kinder entwickeln sich verzögert, die Fruchtbarkeit nimmt ab

Als Folge der Aufnahme von Dioxin im Mutterleib wurde eine verzögerte Entwicklung des Nervensystems bei Kindern beobachtet. (Dioxin reichert sich auch in der menschlichen Muttermilch an, zum Glück sinken die Konzentrationen ständig in den letzten beiden Jahrzehnten. Obwohl das Dioxin, das der Säugling mit der Muttermilch aufnimmt, schädlich für seine Entwicklung ist, es überwiegen doch die Vorteile des Stillens – das ist die Meinung aller Experten, die sich mit diesem Thema befassen.)

Dioxine vermindern die Fruchtbarkeit bei Mensch und Tier, in Seveso wurden nach dem Chemieunglück weitaus mehr Mädchen als Jungen geboren – keiner weiß warum, aber ein Zusammenhang mit Dioxin ist anzunehmen.

Diabetes und Herzinfarkt durch Dioxin

Dioxine erhöhen den Blutzuckerspiegel, die Blut(neutral)fette („Triglyceride“) und führen zu einer erhöhten Erkrankungshäufigkeit an Diabetes. Menschen, die vermehrt Dioxine aufgenommen haben, sterben häufiger an Herzkreislauferkrankungen. Dioxine schädigen die Leber – sowohl erhöhte Leberwerte, Tod durch Leberkrebs als auch durch „gutartige“ Lebererkrankungen kommen gehäuft nach Aufnahme größerer Mengen an Dioxin vor.

DIoxine verursachen Abgeschlagenheit, Müdigkeit und allgemeines Unwohlsein.

In hoher Dosierung verursachen Dioxine Chlorakne, weltweit bekannt durch die Bilder des vergifteten ukrainischen Ministerpräsidenten. Auch andere Hautveränderungen – z.B. unklare Verfärbungen, die Bildungen von Grützbeuteln und vermehrte Verhornung wurden beobachtet.

In den letzten zwanzig Jahren: Weniger Dioxine in Europa

In der Europäischen Union wurden in den letzten Jahren große Fortschritte bei der Verringerung der Dioxin-Emissionen erreicht. Filteranlagen senkten die Emissionen der Müllverbrennungsanlagen und Krematorien, chlorhaltige Zusatzstoffe im Benzin wurden verboten und reduzierten den Dioxingehalt der Autoabgase drastisch.

Der häusliche Kamin und die Metallverarbeitung scheinen zur Zeit die größten Dioxinproduzenten zu sein.

Brennende Müllkippen neben grasenden Büffelherden rund um Neapel verseuchten den guten italienischen Mozarella.

Wenn ihr Nachbar seinen Restmüll über den Kamin entsorgt, werden auch bei Ihnen im Garten die Dioxinwerte drastisch ansteigen.

Die größte Menge an Dioxinen gelangt in den menschlichen Organismus durch das Essen, meistens über tierische Nahrungsmittel wie Eier, Milch, Fleisch und Fisch.

Das Grenzwertproblem

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, die tägliche Aufnahme von Dioxinen durch den Menschen auf einen bis vier Pikogramm (pg) pro Kilogramm Körpergewicht zu begrenzen. (Ein Pikogramm ist ein Billionstel Gramm, eine unvorstellbar kleine Menge – dies zeigt, wie giftig Dioxine sind! Zum Vergleich: Ein Virus wiegt etwa 70 Pikogramm.)

Die Obergrenze vier pg/kg wird von der WHO nur vorläufig verstanden, für wünschenswert hält die Gesundheitsorganisation der UNO eine Unterschreitung des Wertes von 1 pg. Die Grenzwerte wurden in Tierversuchen gewonnen, sie stellen den zehnten Teil der Menge dar, bei der im Tierversuch gerade noch schädliche Effekte nachweisbar waren.

Nach Vorstellungen der EU soll ein Mensch nicht mehr als ein Pikogramm Dioxin pro kg Körpergewicht pro Tag aufnehmen, ein 70 kg Mann also nicht mehr als 70 pg.

Nicht alle Dioxine gleich giftig – Umrechnen angesagt

Nun sind längst nicht alle Dioxine und Dioxin-ähnliche PCBs gleich giftig. Man versucht diesem Umstand beizukommen, in dem man Umrechnungsfaktoren für die unterschiedlichen Dioxine ermittelt. Das giftigste aller Dioxine, das Seveso – Gift 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin (TCDD) enthält den Umrechnungsfaktor 1. Andere Dioxinverbindungen sind weitaus weniger giftig – es sind z.B. hundert oder tausend mal mehr von dieser Substanz nötig, um den gleichen Gifteffekt wie den vom Sevesogift zu erzielen. Diese Substanzen würden dann den Faktor 0,01 oder 0,001 erhalten.

Die nachgewiesene Dioxinmenge, multipliziert mit dem Äquivalenzfaktor ergibt dann die Äquivalenzdosis, das sogennannte Toxic Equivalent (TEQ). Wenn also von einem bis vier Pikogramm Höchstdosis pro kg Körpergewicht die Rede ist, dann bezeichnet diese Dosis die Äquivalenzdosis der einzelnen Dioxinverbindungen.

Um die Sache noch unübersichtlicher zu machen, existieren zwei unterschiedliche Systeme, um die unterschiedlichen Dioxine entsprechend ihrer Giftigkeit umzurechen. Da ist einmal das ältere I-TEQ, das 1989 von der NATO geschaffen wurde und das neuere WHO-TEQ, welches manchmal auch nur einfach als TEQ bezeichnet wird. (Die Kalkulation nach WHO ergibt im Durchschnitt 10 % höhere Werte.)

Wir fassen zusammen: Nicht alle Dioxine sind gleich giftig. Mehr als 1 pg/kg Körpergewicht WHO-TEQ Dioxin pro Tag sollte ein Mensch durchschnittlich nicht aufnehmen, tatsächlich sind es bis zu vier in den europäischen Ländern. Trotz deutlichem Rückgang der Belastung seit Beginn der 1990er Jahre kann noch keine Entwarnung gegeben werden.

Beispiel Dorschleber: Grenzwerte in der EU der Realität angepasst?

Ein Beispiel aus der jüngsten europäischen Vergangenheit beleuchtet das Problem der Grenzwertsetzung recht deutlich. Im April 2007 berichtete das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit über erhöhte Dioxinkonzentrationen in Dorschleberkonserven. Leider machte das Amt keine konkreten Angaben, nannte keinen Marken- und keinen Herstellernamen. Die gemeinnützige und unabhängige Verbraucherschutzorganisation Foodwatch führte eigene Tests durch und nannte Ross und Reiter.

Nun sollte man meinen, die EU oder deutsche Behörden hätten den Verkauf dieser Produkte untersagen oder einen Warnhinweis anbringen müssen. Es geschah etwas ganz anderes : Die EU setzte den Grenzwert für die Dioxinkonzentration in Fischleberkonserven von acht auf 25 pg TEQ hoch!

Dieses Vorgehen ist nicht neu, berichtet Foodwatch. Bereits 2006 wurde der Grenzwert für Dioxin im Fischöl von sechs auf 24 pg pro g heraufgesetzt.

Fischöl, das ist häufig ein Bestandteil von industriell gefertigtem Tierfutter. Und so kommt das Dioxin über das Fischöl in das Schwein, in das Huhn und in das Ei und zum Schluss wird das Gift im Menschen angereichert. Hier besteht ein dringender Handlungsbedarf in der EU, um die weitere Vergiftung ihrer Bürger durch die Nahrung zu stoppen.

Quellen und weiterführende Links

Bild: Der Präsident der Ukraine, Wiktor Juschtschenko, gezeichnet von den Folgen der Chlorakne durch eine Vergiftung mit Dioxin, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz GNU FDL

Umweltlexikon Katalyse

Deutsches Ärzteblatt: Dioxin-Vergiftung: Eine tickende Zeitbombe

Umweltbundesamt: Dioxin Datenbank

Fraunhofer Institut für Verpackung und Verfahrenstechnik: Dioxin Informationen

Verbraucherinformationssystem Bayern: Dioxine und Furane in Lebensmitteln

Foodwatch.de: Wie gelangen Dioxine und PCBs in den menschlichen Körper?

Umweltbundesamt: Chemikalienpolitik und Schadstoffe, Dioxine

Bundesamt für Verbraucherschutz:
Dioxine und Polychlorierte Biphenyle

Greenfacts Digests: Scientific Facts on Dioxins, eine sehr fundierte, allgemein verständliche und umfangreiche Seite mit Linksammlung, leider nur in Englisch

Die Europäische Komission: Dioxin exposure and health (englisch)

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